Nun, ich glaube, daß es durchaus nicht nur „Anzeichen“ sind! Das scheint vielmehr jene Partei zu sein, von der die „Moskauer Nachrichten“ sagen, daß sie im Einverständnis mit den Feinden Rußlands handelt ... und der „jede Offenbarung unseres Volksgeistes, sowie jede Handlung unserer Regierung in diesem Geiste verhaßt ist, und die der russische Patriotismus auf eine Stufe mit dem Nihilismus und der Revolution stellt, – die Partei, die mit der denkbar schändlichsten Korrespondenz die uns feindliche ausländische Presse nährt ...“

Ja, gerade die europäische Korrespondenz aus Rußland kann leicht, sehr leicht ihr Werk sein. Dieses Frohlocken über Rußlands Mißerfolge und dieses leichtsinnige Freudengeheul darüber, daß Rußland sich plötzlich, wie sie sagen, als „schwach erweist: ohne Geld, mit schlechtem Heer, mit unzufriedenem und schon murrendem Volke, mit einer Gesellschaft, die der Nihilismus zersetzt,“ – all diese Kleinigkeiten tragen nur zu deutlich die Merkmale ihrer bekannten Herkunft. Wie wäre es möglich, daß sich nicht auch russische Federn fänden, die bereit wären, all’unisono mit den Klerikalen zu schreiben! Aber diese Korrespondenz kann, glaube ich, trotzdem nicht von Russen geschrieben worden sein: das wäre denn doch schon zu niederträchtig, zu abscheulich. Trotzdem lenken die Klerikalen, und vielleicht sogar ohne besondere Mühe, die russischen Federn nach ihrem Willen. Vielleicht überreden sie sie weder, noch lassen sie sich sonstwie auf mittelbare oder unmittelbare Unterhandlungen mit ihnen ein; denn diese gewandten liberalen Federn gehören zuweilen den ehrlichsten Leuten an, die, wenn sie das nackte Angebot eines Klerikalen hörten, ihn vielleicht ohne weiteres die Treppe hinunterbefördern würden. Dafür aber weiß der Klerikale, wenigstens der, der sich bei uns ein wenig umgesehen hat, daß er zu solchen Leuten überhaupt nicht zu gehen braucht, daß die gewandte russische Feder ihm ganz umsonst alles schreiben wird, einzig, weil sie denkt – o ihr meine Lieben! –, es sei ehrlich und es sei liberal! Die gewandte Feder, zum Beispiel, empört sich über die Klerikalen, die in Frankreich Mac-Mahon umgarnen, und schreibt drohende Artikel gegen sie. Währenddessen aber bringt sie es fertig, den russischen Römisch-Klerikalen bei uns nicht nur nicht zu bemerken, sondern sie stimmt womöglich noch mit ihm in allem vollkommen überein. Wahrhaftig, solche Russen gibt es! Und diese schlauen Römisch-Klerikalen wundern sich gewiß nicht wenig über sie. „Was das ihnen doch für ein Vergnügen macht, sich immer zwischen die Stühle zu setzen,“ denken sie wohl kopfschüttelnd bei sich. „Und wie uneigennützig dabei! Ja, ja, man muß in allem bis zum Schluß liberal sein. Da schreiben sie nun, daß Rußland nicht einmal das Recht habe, die Slawen zu befreien! Herrgott! das wäre ja mit Hunderttausend noch zu wenig bezahlt! Und immer, immer wieder zwischen die Stühle; allaugenblicklich, allaugenblicklich! Daß es ihnen nicht endlich weh tut! ...“


Zu Anfang des Sommers versuchten diese klerikalen Agitatoren sogar durch die russischen Zeitungen eine Demonstration bei uns zu veranstalten. Die Wölfe warfen sich in Schafspelze und begannen in einem Tone zu sprechen, als ob sie Abgesandte der sämtlichen polnischen „Emigranten“ im Auslande wären. Zuerst schlugen sie eine Aussöhnung vor: nehmt auch uns auf, hieß es, wir sehen, daß die künftige Vereinigung aller Slawen keinem Zweifel mehr unterliegt – und so wollen wir nicht zurückstehen. Sie sprachen ungemein zärtlich und hoben ihre Gründe hervor:

„Wir haben,“ sagten sie, „Ingenieure, Chemiker, Techniker, Handwerker usw. Viele von ihnen sind emigriert. Laßt sie zu euch!“ „Habt ihr etwa,“ fragt der Litauer, der in den „St. Petersburger Nachrichten“ einen Artikel geschrieben hat, „keine Arbeit für jenen Kreis, der zuerst Tengoborski für Rußland, Wolowski für Frankreich hervorgebracht hat? und in den Künsten, die die Sitten und den Charakter veredeln, den weltberühmten Bildhauer Brotzki und den Maler Mateiko? Solltet ihr solche Leute wirklich nicht nötig haben? Und was ließe sich noch alles von der Schar der Literaten, Publizisten, Fabrikanten und aller Art Gewerbetreibender sagen! Könntet ihr die etwa auch nicht brauchen?“ („Neue Zeit.“ Aus dem Artikel Kostomaroffs.)

Herr Kostomaroff hat darauf in der „Neuen Zeit“ als Russe geantwortet. In klaren und treffenden Auseinandersetzungen weist er nach, daß dieser ganze polnische Versöhnungsversuch für uns nur eine Falle ist, einzig zu dem Zweck erdacht, uns nichts als Verräter zuzuführen, und daß der Pole des Alten Polens Rußland und den Russen nun einmal instinktiv und leidenschaftlich haßt. Kostomaroff gibt dabei durchaus zu, daß es auch treffliche Polen gibt, Polen, die sogar mit einem Russen in Freundschaft leben, ihm in der Not helfen, ja, ihn sogar retten können. Das ist natürlich wahr. Doch sollte, wenn auch nach zwanzigjähriger Freundschaft, dieser selbe Russe diesem selben trefflichen Polen plötzlich in russischem Geiste seine politischen Überzeugungen in betreff Alt-Polens darlegen, so würde dieser Pole sofort, im selben Augenblick der offene oder geheime Feind seines russischen Freundes werden, – und zwar fürs ganze Leben, bis übers Grab hinaus, würde unversöhnlich und maßlos in seiner Feindschaft sein! Letzteres hat Kostomaroff vergessen hinzuzufügen.

Dieser ganze „Aussöhnungsversuch“ im Sommer, der sogar russische Anhänger und in Kostomaroff einen so mächtigen Opponenten gefunden hat – ist zweifellos auf klerikale Umtriebe zurückzuführen: er war einfach eine Abzweigung der europäischen klerikalen Verschwörung. Oh, diese Polen Alt-Polens versichern natürlich, daß sie keineswegs klerikal, noch papistisch, noch römisch seien, und daß wir dieses schon längst von ihnen wissen müßten. Man stelle sich jedoch nur einmal vor, daß Alt-Polen, daß all diese polnischen Emigranten, sich nicht an den Papst halten sollten! Wie lächerlich die bloße Vorstellung schon ist! Die Polen sollten nicht zum Vatikan halten, sie, die so genau seine Macht zu schätzen verstehen und immer verstanden haben!? Der Vatikan ist doch Alt-Polen niemals untreu geworden, sondern hat im Gegenteil immer alle seine Pläne, mochten sie noch so phantastisch sein, aus allen Kräften unterstützt, auch wenn die anderen Reiche längst nichts mehr von ihnen wissen wollten! Dieser sommerliche Versöhnungsvorschlag ward gerade in der Zeit gemacht, als die ganze polnische Emigration gegen Rußland arbeitete, als die polnischen Legionen gegründet wurden, als die emigrierten Aristokraten in Konstantinopel mit großen Geldsummen – versteht sich, nicht ihren eigenen – erschienen. Dieser ganze Versöhnungsvorschlag war nichts als eine einzige Hinterlist, wie Kostomaroff sehr richtig bemerkt. Übrigens: sie bieten uns ihre Gelehrten, Techniker, Künstler an und sagen: „Nehmt sie auf, habt ihr sie denn etwa nicht nötig?“ Diese Polen halten uns wohl für ein wildes Volk und scheinen nicht zu ahnen, daß wir alles, was sie uns da anbieten, vielleicht selber besser haben. Doch nichts für ungut, und vor allen Dingen: warum kommen sie denn nicht? Wir haben mehrere talentvolle Polen gehabt, und Rußland hat sie geachtet und verehrt und sie nicht im geringsten vor den Russen zurückgesetzt. So kommt doch! Wozu soll man sich da noch besonders verabreden? Versöhnt euch und ergebt euch, doch wißt, daß Alt-Polen niemals mehr aufleben wird. Es gibt ein neues Polen, ein vom Zaren befreites, ein auferstehendes, eines, das fraglos dasselbe Schicksal erwarten kann, das einmal allen slawischen Völkern gemeinsam beschieden sein wird, wenn das Slawentum sich befreit und in Europa aufersteht. Doch ein Alt-Polen wird es niemals mehr geben, kann es neben Rußland nie mehr geben. Sein Ideal war, in der slawischen Welt an die Stelle Rußlands zu treten. Sonderbar, daß der polnische Journalist nur von den Gelehrten und Künstlern spricht. Aber die Führer der Emigranten, die Aristokraten? Man stelle sich doch bloß das Bild vor: Rußland würde den schmeichlerischen Worten Gehör geben und sich zur Versöhnung bereit erklären, und da kämen diese dann und fragten hochmütig: „Wie lauten eure Bedingungen?“ Denn wenn man uns vorschlägt, die Emigranten nach Rußland kommen zu lassen, die nun aber zunächst nicht kommen, so heißt das doch offenbar, daß sie Bedingungen erwarten. Und nun stelle man sich vor, daß Rußland sie plötzlich als ein Etwas anerkennt und sich auf derartige Unterhandlungen einläßt! Und da würden sie denn nach Rußland zurückkehren, und die Magnaten würden sofort auftrotzen und bedeutende Posten und Auszeichnungen verlangen; und darauf würde sich das Geschrei erheben, daß wir sie betrogen hätten, und schließlich würde es zu einem neuen polnischen Aufstande kommen ... Und in diese Falle sollte Rußland hineingehen! Solch eine Dummheit sollte es begehen!

Die Polen haben natürlich selber nicht geglaubt, daß sie mit diesem ungeschickten Vorschlag Rußland fangen könnten; doch rechneten sie wohl auf die russischen Parteigänger, die ja immer noch so gutmütig und reinen Herzens sind. Daß hinter allem aber die Machenschaft des Klerus steckt, daß das Ganze ein klerikaler Schritt nach Rußland ist – darüber kann kein Zweifel mehr bestehen. Es fragt sich nur: wozu dieser Schritt? – Nun, haben die Klerikalen es etwa nicht nötig, die Lage zu sondieren, die Gedanken zu verwirren, ihre eigentlichen Unternehmungen und Absichten zu verbergen, russische Parteigänger zu werben, Russisch-Polen aufzuwiegeln usw.? Als ob diese Klerikalen nicht überall ihre Berechnungen hätten!

Russische Finanzen[33]

„Und die Finanzen? Wie steht es mit einem Artikel über die Finanzen?“ – fragt man mich. Ja, bin ich denn ein Finanzmann? Wie sollte ich es wagen, über die Finanzen zu schreiben. Wenn auch ich es bin, der hier das Thema aufwirft, so wage ich das doch nur, weil ich im voraus überzeugt bin, daß ich von den Finanzen alsbald auf etwas ganz anderes übergehen werde. Das gibt mir dann andererseits freilich den Mut zu einer solchen Überschrift; denn ich weiß es ja selbst, daß ich gar nicht fähig bin, über unsere Finanzen zu schreiben, da ich auf unsere Finanzen nicht vom europäischen Standpunkt aus sehe und auch überhaupt nicht daran glaube, daß man diesen europäischen Standpunkt bei uns einnehmen kann, aus dem einfachen Grunde, weil wir nun einmal nicht „Europa“ sind und im Vergleich zu „Europa“ fast wie auf dem Monde leben.