Die Judenfrage[37]
Vorbemerkungen
Oh, bitte nur nicht zu glauben, ich beabsichtigte hier wirklich, die „Judenfrage“ aufzuwerfen! Diese Überschrift habe ich nur zum Scherz hingeschrieben. Ein Problem von der Größe, wie es die Stellung der Juden in Rußland und andererseits die Lage Rußlands ist, das unter seinen Söhnen drei Millionen Juden zählt, – solch ein Problem zu lösen geht über meine Kraft. Wohl aber kann ich darüber eine eigene Meinung haben, und zudem hat sich jetzt herausgestellt, daß viele Juden sich plötzlich für diese Meinung interessieren. Seit einiger Zeit schreiben sie mir Briefe, in denen sie mir ernst, bitter und betrübt vorwerfen, ich fiele über sie her, ich haßte den Juden, und zwar nicht wegen seiner „Mängel“, „nicht als Ausbeuter“, sondern gerade als „Juden“, als Volk, also etwa in dem Sinne von: „Judas hat Christus verkauft“. Das schreiben mir „gebildete“ Juden, d. h. solche, die sich immer bemühen, einem zu verstehen zu geben, daß sie bei ihrer Bildung schon längst nicht mehr die „Vorurteile“ ihrer Nation teilen, noch deren religiöse Gebräuche erfüllen, wie die anderen, einfachen Juden, denn sie hielten dies für unvereinbar mit ihrer Bildung; und auch an Gott glaubten sie nicht mehr, schreiben sie. Dazu will ich vorläufig nur bemerken, daß es von diesen „höheren Israeliten“, die doch sonst so für ihre Nation einstehen, einfach Sünde ist, ihren bereits vierzig Jahrhunderte lebenden Jehova zu vergessen und zu verleugnen. Es ist nicht nur aus dem Gefühl der Nationalität heraus Sünde, sondern auch noch aus anderen, tieferen Gründen. Ist es nicht sonderbar, daß man sich einen Juden ohne Gott gar nicht denken kann? Doch dieses Thema gehört schon zu den ganz großen, daher müssen wir von ihm hier vorläufig absehen. Am meisten wundert mich eines: wie und woher kommt es, daß man mich für einen Feind der Juden als Volk, als Nation, ja, für einen Judenhasser hält? Den Juden als Ausbeuter und für einzelne seiner Laster zu verurteilen, wird mir von diesen Herren selbst teilweise sogar erlaubt, aber ... aber nur in Worten: in Wirklichkeit kann man jedoch schwerlich einen reizbareren und kleinlicheren Menschen als den gebildeten Israeliten finden, einen, der sich leichter gekränkt fühlt als ein Jude als „Jude“. Doch wann und wodurch habe ich Haß auf die Juden, als Volk, bewiesen? Da ich in meinem Herzen nie so etwas gefühlt habe und alle Juden, mit denen ich in engere oder auch nur flüchtige Berührung gekommen bin, dieses wissen, so weise ich ein für allemal eine solche Beschuldigung, noch bevor ich auf die Judenfrage näher eingehe, zurück, um es später nicht immer wieder tun zu müssen. Beschuldigt man mich vielleicht deswegen des „Hasses“, weil ich statt „Israelit“ „Jude“ sage? Erstens habe ich nicht geglaubt, daß dieser Name kränken könnte, und zweitens habe ich mich seiner, soweit ich mich erinnere, immer nur zur Bezeichnung einer bestimmten Idee bedient: „Judentum, verjudet, jüdisch“ u. dgl. m. Es hat sich dabei stets um einen gewissen Begriff, eine besondere Richtung, um die Charakteristik irgendeiner Epoche gehandelt. Man könnte wohl über diese Bezeichnung streiten und mit ihr nicht übereinstimmen, aber man kann doch nicht das Wort als beabsichtigte Kränkung auffassen.
Ich erlaube mir, einen Auszug aus dem sehr schönen Schreiben eines äußerst gebildeten Israeliten anzuführen, das mich ungemein interessiert hat: es enthält eine der charakteristischsten Anschuldigungen, die gegen mich wegen meines „Hasses auf die Juden als Volk“ erhoben worden sind.
... nur Eines kann ich mir entschieden nicht erklären: das ist Ihr Haß auf den „Juden“, der fast in jedem Heft Ihres „Tagebuches“ durchbricht.
Ich möchte gerne wissen, warum Sie sich nur gegen den Juden auflehnen und nicht gegen den Ausbeuter im allgemeinen? Ich verabscheue nicht weniger als Sie die Vorurteile meiner Nation – ich habe nicht wenig unter ihnen gelitten –, doch niemals werde ich zugeben, daß schon im Blute dieser Nation das gewissenlose Aussaugen der anderen liege.
Sollten Sie denn wirklich nicht das Grundgesetz jedes sozialen Lebens verstehen können: daß ohne Ausnahme alle Bürger eines Staates, wenn sie nur alle Pflichten ihm gegenüber erfüllen, auch an allen Rechten und an allen Vorteilen, die dieser Staat gewährt, Anteil haben müssen, und daß für die Übertreter des Gesetzes, für die schädlichen Mitglieder der Gesellschaft ein und dasselbe Gesetz gelten muß? ... Warum müssen alle Israeliten in den Rechten beschränkt werden, und warum werden sie nach besonderen Strafgesetzen verurteilt? Wodurch ist die Ausbeutung durch die Ausländer – die Juden sind doch immerhin russische Untertanen –: durch die Deutschen, Engländer, Griechen, deren es in Rußland so unzählige gibt, wodurch ist die besser als die jüdische Ausbeutung? Wodurch sind die russischen rechtgläubigen Aufkäufer, Blutsauger, Schmarotzer, Branntweinverkäufer, die betrügerischen Prozeßführer für die Bauern, wie wir sie jetzt überall in Rußland finden können, besser als dasselbe Handwerk betreibende Juden, die doch immer nur ein begrenztes Feld der Tätigkeit haben? Warum ist dieser schlechter als jener?
Es folgt ein Vergleich zwischen bekannten berüchtigten Juden mit ähnlich berüchtigten Russen, natürlich solchen, die ersteren in nichts nachstehen. Was beweist das aber? Wir sind doch nicht stolz auf sie, heben sie doch nicht als nachahmenswerte Beispiele hervor; im Gegenteil, wir wissen ja alle, daß diese, wie jene, nicht ehrenwert sind.
... Solche Fragen könnte ich Ihnen zu Tausenden stellen. Währenddessen verstehen Sie, wenn Sie vom „Juden“ sprechen, unter diesem Begriff die ganze bettelarme Masse der drei Millionen Israeliten Rußlands, von denen wenigstens zwei Millionen neunhunderttausend einen verzweifelten Kampf um ihre elende Existenz führen und doch sittlicher sind, ja, nicht nur sittlicher als die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von Ihnen vergötterte russische Volk. Ferner verstehen Sie unter diesem Namen die ansehnliche Zahl derjenigen Israeliten, die eine höhere Bildung genossen haben, die sich auf allen Gebieten des Staatswesens auszeichnen, wie z. B. ...
Hier folgen abermals mehrere Namen, die zu veröffentlichen ich nicht das Recht zu haben glaube; denn mehreren von ihnen, außer Goldstein, könnte es vielleicht unangenehm sein, zu erfahren, daß sie israelitischer Herkunft sind. Dann fährt er fort: