... und Goldstein, der in Serbien für die slawische Idee den Heldentod gefunden hat, und alle die anderen, die fürs Wohl der Gesellschaft und der Menschheit arbeiten? Ihr Haß auf den „Juden“ erstreckt sich sogar auf Disraeli, der wahrscheinlich selbst nicht einmal weiß, daß er von spanischen Israeliten abstammt, und der die englische konservative Politik selbstverständlich nicht vom Standpunkt des „Juden“ leitet ... (?)
Bedauerlicherweise kennen Sie nicht unser Volk, weder sein Leben, noch seinen Geist, noch endlich seine vierzig Jahrhunderte alte Geschichte. Bedauerlicherweise, sage ich, weil Sie jedenfalls ein aufrichtiger, unbedingt ehrlicher Mensch sind, doch unbewußt der riesigen Masse eines bettelarmen Volkes Schaden zufügen. Die mächtigen „Juden“ jedoch, die die Mächtigen dieser Welt in ihren Salons empfangen, fürchten natürlich weder die Presse noch selbst die ohnmächtige Wut der Ausgebeuteten. Doch nun genug über dieses Thema! Schwerlich werde ich Sie überzeugen können – wohl aber wünschte ich sehr, daß Sie mich überzeugten ...
Dieser Auszug dürfte genügen. Bevor ich jedoch etwas zu meiner Verteidigung sage – denn solche Anschuldigungen kann ich nicht ruhig hinnehmen – möchte ich noch auf die Wut des Angriffes und den Grad der Empfindlichkeit hinweisen. Erstens, so lange wie mein „Tagebuch“ erscheint, hat in ihm noch kein einziger Satz gegen den „Juden“ gestanden, der einen so erbitterten Angriff rechtfertigen könnte. Zweitens fällt es einem unwillkürlich auf, daß der verehrte Schreiber, wenn er auf das russische Volk zu sprechen kommt, sich in seinen Gefühlen nicht bezwingen kann und das arme russische Volk denn doch etwas zu sehr von oben herab behandelt. Jedenfalls zeigt dieser Ingrimm nur zu deutlich, mit welchen Augen die Juden selbst auf uns Russen sehen. Der Schreiber dieses Briefes ist gewiß ein gebildeter und begabter Mensch – nur glaube ich nicht, daß er auch ohne Vorurteile sei –; was für Gefühle aber soll man nun noch von den zahllosen ungebildeten Juden erwarten? Ich sage das nicht etwa als Beschuldigung: diese Gefühle sind ja ganz natürlich. Ich will nur darauf hinweisen, daß an unserer Unverschmelzbarkeit vielleicht nicht nur wir Russen die Schuld tragen, sondern, daß es auf beiden Seiten Gründe gibt, die eine Vereinigung ausschließen, – und noch fragt es sich, auf welcher Seite es solcher Gründe mehr gibt?
Doch jetzt will ich einige Worte zu meiner Rechtfertigung sagen und überhaupt klarlegen, wie ich mich zu diesem Problem stelle; natürlich – es zu lösen, steht nicht in meiner Kraft, doch irgend etwas ausdrücken werde auch ich vielleicht können.
Pro und contra
Es mag vielleicht sehr schwer sein, hinter die vierzig Jahrhunderte alte Geschichte eines Volkes, wie das der Juden, zu kommen – ich weiß es nicht. Eines aber weiß ich bestimmt, nämlich, daß es in der ganzen Welt kein zweites Volk gibt, das so über sein Schicksal klagt, so ununterbrochen, bei jedem Schritt und jedem Wort, über seine Erniedrigung, über sein Leiden, über sein Märtyrertum jammert, wie die Juden. Man könnte ja wirklich denken, daß nicht sie in Europa herrschen. Wenn sie es auch meinetwegen nur auf der Börse tun, so heißt das doch, die Politik, die inneren Angelegenheiten, die Moral der Staaten regieren. Mag auch der edle Goldstein für die slawische Idee gestorben sein, – aber diese selbe „slawische“ Frage würde doch schon längst zugunsten der Slawen und nicht zugunsten der Türken entschieden sein, wenn die jüdische Idee in der Welt nicht so stark wäre. Ich bin bereit, zu glauben, daß Lord Beaconsfield vielleicht selbst seine Herkunft von einstmals spanischen Juden vergessen hat (oh, er wird sie bestimmt nicht vergessen haben!); daß er aber im letzten Jahre die englische „konservative“ Politik teilweise vom Standpunkt des Juden aus geleitet hat, daran, glaube ich, kann man nicht mehr zweifeln.
Doch nehmen wir an, daß alles bisher von mir über die Juden Gesagte noch kein schwerwiegender Einwand ist – ich gebe es selbst zu. Trotzdem aber kann ich dem Geschrei der Juden, daß sie so furchtbar erniedrigt und gequält und verprügelt wären, doch nicht ganz widerspruchslos glauben. Meiner Ansicht nach trägt der russische Bauer oder überhaupt das niedrigere russische Volk noch viel größere Lasten, als die Juden sie zu tragen haben. Im zweiten Brief schreibt mir derselbe Herr, aus dessen erstem Schreiben ich vorhin schon einiges angeführt habe:
... Vor allen Dingen ist es unbedingt notwendig, uns Israeliten alle Bürgerrechte zu gewähren (bedenken Sie doch bloß, daß uns jetzt noch das allererste Recht verwehrt ist: die freie Wahl des Aufenthaltsortes, woraus sich eine Menge furchtbarer Konsequenzen für die große Masse der Israeliten ergeben), Bürgerrechte, wie sie alle anderen fremden Völkerschaften in Rußland genießen, und dann erst von uns die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber zu verlangen ...
Doch nun bitte auch ich Sie, mein Herr, bloß zu bedenken, da Sie auf der zweiten Seite dieses Briefes selbst schreiben, daß Sie „das schwer arbeitende russische Volk unvergleichlich mehr lieben und bedauern als das israelitische“ (was für einen Israeliten wohl etwas zuviel gesagt ist), bedenken auch Sie doch, bitte, daß zur Zeit, da der Israelit lediglich nicht das Recht hatte, sich seinen Aufenthaltsort frei zu wählen, dreiundzwanzig Millionen des „schwer arbeitenden russischen Volkes“ in der Leibeigenschaft zu leben und zu leiden hatten, was, wie ich glaube, etwas schwerer war. Und wurden sie damals von den Israeliten etwa bedauert? Ich glaube nicht: im Westen und Süden Rußlands wird man Ihnen ausführlichst darauf Antwort geben. Auch damals schrien die Juden ganz ebenso nach Rechten, die das russische Volk nicht einmal selbst hatte, schrien und klagten, daß sie Märtyrer seien, und daß man erst dann, wenn sie größere Rechte bekommen haben würden, von ihnen auch „die Erfüllung aller Pflichten dem Staate wie dem russischen Volke gegenüber verlangen“ könnte. Da kam nun der Befreier und befreite den russischen Bauern, und – wer war der erste, der sich auf ihn wie auf sein Opfer stürzte? – wer benutzte so vorzugsweise seine Schwächen und Fehler zu eigenem Vorteil? – wer umspann ihn sofort mit seinem ewigen goldenen Netz? – wer ersetzte im Augenblick, wo er nur konnte, die früheren Herren, – nur mit dem Unterschied, daß die Gutsbesitzer, wenn sie die Bauern auch stark ausbeuteten, doch darauf bedacht waren, ihre Leibeigenen nicht, wie es der Jude tut, zugrunde zu richten, meinetwegen aus Eigennutz, um ihre Arbeitskraft nicht zu erschöpfen! Was aber liegt dem Juden an der Erschöpfung der russischen Kraft? Hat er das Seine, so zieht er weiter. Ich weiß schon, die Juden werden, wenn sie dies lesen, sofort losschreien, daß es nicht wahr, daß es eine Verleumdung sei, daß ich löge, daß ich all diesen Klatschereien nur glaubte, weil ich ihre „vierzig Jahrhunderte alte Geschichte“ nicht kenne, die Geschichte dieser reinen Engel, die unvergleichlich „sittlicher sind, nicht nur als die anderen Völker, sondern auch sittlicher als das von mir vergötterte russische Volk“ – Zitat aus dem mir gesandten Briefe, siehe oben. Nun schön, mögen sie hundertmal sittlicher sein als alle Völker der Erde, vom russischen schon gar nicht zu reden, so habe ich doch vor kurzem erst in der Märznummer des „Europäischen Boten“ die Nachricht gelesen, daß in Nord-Amerika (in den südlichen Staaten) die Juden sich sofort auf die befreiten Neger gestürzt haben und sie jetzt bereits ganz anders beherrschen, als es die Plantagenbesitzer taten. Natürlich tun sie es wieder auf ihre bekannte Art und Weise mit dem ewigen „goldenen Netz“, – wobei sie sich wieder so trefflich der Unwissenheit und Laster des auszubeutenden Volkes zu bedienen verstehen! Als ich das las, fiel mir sogleich ein, daß ich diese Nachricht schon vor fünf Jahren erwartet hatte: „Jetzt sind die Neger wohl von den Plantagenbesitzern befreit, wie aber sollen sie in Zukunft unversehrt bleiben, denn dieses junge Opferlamm werden doch die Juden, deren es ja so viele in der Welt gibt, ganz zweifellos überfallen.“ Das dachte ich vor fünf Jahren, und ich versichere Sie, ich habe mich nachher noch des öfteren gefragt: „Wie kommt es nur, daß man aus Amerika nichts von den Juden hört, daß die Zeitungen von den Negern nichts zu berichten haben? Diese Sklaven sind doch ein wahrer Schatz für die Juden, sollten sie ihn wirklich ungehoben lassen?“ Nun, er ist ihnen also glücklich nicht entgangen. Und vor zehn Tagen las ich in der „Neuen Zeit“ einen Bericht aus Kowno, der auch ungemein charakteristisch ist: „Die Juden,“ heißt es, „haben dort fast die ganze litauische Bevölkerung durch den Branntwein zugrunde gerichtet, und nur den katholischen Priestern ist es noch gelungen, die Armen durch Hinweisung auf die Höllenqualen und durch Bildung von Mäßigkeitsvereinen vor größerem Unglück zu bewahren.“ Der gebildete Berichterstatter errötet zwar für sein Volk, das noch Priestern und an Höllenqualen glaubt, und so fügt er denn hinzu, daß gleich nach den Priestern sich auch die Reicheren zusammengetan haben, um Landbanken zu gründen – um das Volk vom jüdischen Wucherer zu befreien –, und Landmärkte, damit der „arme, schwerarbeitende Bauer“ die notwendigsten Gegenstände zu angemessenem Preise kaufen könne, und nicht zu dem, den der Jude bestimmt. Ich zitiere nur, was ich gelesen habe; doch weiß ich schon im voraus, was man mir sofort zuschreien wird: „Alles das beweist noch nichts und kommt nur daher, daß die Israeliten selbst arm und unterdrückt sind; alles das ist bloß ‚Kampf ums Dasein‘ – was nur ein beschränkter Zeitungsleser nicht einsehen kann – und die Israeliten würden sich, wenn sie nicht selbst so arm, sondern im Gegenteil reich wären, sofort von der humanen Seite zeigen, und zwar in solchem Maße, daß die ganze Welt darüber in Erstaunen geriete.“ Aber, erstens, diese Neger und Litauer sind doch noch ärmer als die Juden, von denen ihnen das Letzte herausgepreßt wird, und doch verabscheuen sie – bitte, die Zeitungskorrespondenz zu lesen – diese Art Handel, auf die der Jude so erpicht ist. Zweitens ist es nicht schwer, human und moralisch zu sein, wenn man selbst satt ist und im Warmen sitzt; zeigt sich aber ein wenig „Kampf ums Dasein“, so „komm dem Juden nicht zu nah“! Meiner Meinung nach ist das gerade kein Zug, der „wahren Engeln“ zusteht. Und drittens, ich stelle ja diese beiden Nachrichten aus dem „Europäischen Boten“ und der „Neuen Zeit“ keineswegs als kapitale und alles entscheidende Tatsachen hin. Wollte man anfangen die Geschichte dieses Weltvolkes zu schreiben, so könnte man sofort hunderttausend solcher und noch wichtigerer Tatsachen finden, so daß zwei mehr oder weniger nichts zu bedeuten hätten. Doch bei alledem ist eines auffallend: braucht jemand, sei es im Streit oder sonst aus irgendeinem Grunde, eine Auskunft über die Juden und ihre Taten, so gehe er nicht in die Bibliotheken, suche er nicht in alten Büchern oder eigenen Notizen; nein, er strecke nur, ohne sich vom Stuhl zu erheben, die Hand nach irgendeiner ersten besten Zeitung, die neben ihm liegt, aus, und dann suche er auf der zweiten oder dritten Seite: unbedingt wird er etwas finden, das von Juden handelt, unbedingt gerade das, was ihn interessiert, unbedingt das Allercharakteristischste und unbedingt immer dasselbe – d. h. immer die gleichen Heldentaten! Man wird mir wohl zugeben: das hat doch irgend etwas zu bedeuten, das weist doch auf etwas Bestimmtes hin, eröffnet einem doch ein gewisses Etwas über dieses Volk, selbst wenn man ein vollkommener Laie in der vierzig Jahrhunderte alten Geschichte dieses Volkes ist!? Selbstverständlich wird man mir hierauf antworten, daß alle vom Haß verblendet seien und infolgedessen lögen. Natürlich ist es sehr leicht möglich, daß alle, bis auf den Letzten, lügen, doch erhebt sich dann sofort eine andere Frage: wenn alle bis auf den Letzten von so einem Haß beseelt sind, daß sie sogar lügen, so muß doch dieser Haß auch einen Grund, eine Ursache haben, und irgend etwas muß doch dieser allgemeine Haß bedeuten – „irgend etwas bedeutet doch das Wort ‚Alle‘!“, wie einstmals Belinski ausrief.
„Freie Wahl des Aufenthaltsortes!“ Können sich denn die unbemittelten Russen so vollkommen frei ihren Aufenthaltsort wählen? Leidet denn der russische Bauer nicht heute noch unter den früheren, aus der Zeit der Leibeigenschaft gebliebenen unerwünschten Freiheitsbeschränkungen in der Wahl seines Aufenthaltsortes, so daß selbst die Regierung dem schon längst ihre Aufmerksamkeit zugewendet hat? Und was die Juden betrifft, so kann sich ein jeder davon überzeugen, daß ihre Rechte in dieser Beziehung im Laufe der letzten zwanzig Jahre bedeutend vergrößert worden sind. Wenigstens sieht man sie jetzt in Rußland in Gouvernements, wo man sie früher nie gesehen hat. Aber die Juden klagen ja immer über Haß und Verfolgungen. Wenn ich auch die jüdische Lebensweise nicht kenne, eines jedoch weiß ich bestimmt und werde es daher allen gegenüber bezeugen: daß in unserem einfachen Russen ein apriorischer, stumpfer, religiöser Haß, in dem Sinne wie: „Judas hat Christus verkauft“, nicht vorhanden ist. Hört man dies auch einmal vielleicht von Kindern oder Betrunkenen, so sieht doch unser ganzes Volk, ich wiederhole es, ohne jeglichen voreingenommenen Haß auf die Juden. Davon habe ich mich fünfzig Jahre lang selbst überzeugen können. Ich habe mit dem Volk in ein und denselben Kasernen gelebt, auf denselben Pritschen geschlafen. Es waren dort auch einige Juden: niemand hat sie verachtet, niemand sie ausgestoßen oder verfolgt. Wenn sie beteten – und die Juden beten mit großem Geschrei und ziehen sich dazu besondere Kleider an – so hat niemand das sonderbar gefunden, noch sie gestört oder über sie gelacht, was man doch gerade von einem, nach unserer Meinung so „ungebildeten“ Volke, wie das russische, erwarten könnte. Im Gegenteil, sie sagten, wenn sie die Juden beten sahen: „Sie beten so, weil sie so einen Glauben haben,“ und ruhig, ja fast billigend, gingen sie an ihnen vorüber. Und diese selben Juden taten diesen selben Russen gegenüber fremd, wollten nicht mit ihnen zusammen essen und sahen auf sie fast von oben herab; und das an welch einem Ort? – im sibirischen Gefängnis! – Überhaupt zeigten sie überall Widerwillen und Ekel vor dem russischen, dem „eingeborenen“ Volke. Dasselbe geschieht auch in den Soldatenkasernen und überall in ganz Rußland. Man erkundige sich doch, ob der Jude in der Kaserne als „Jude“, seines Glaubens, seiner Sitten wegen beleidigt wird? Ich kann versichern: in den Kasernen wie überhaupt im Leben sieht und begreift der einfache Russe nur zu gut, daß der Jude mit ihm nicht essen will, daß er ihn verabscheut und ihn meidet, soviel er nur kann (das geben ja die Juden sogar selbst zu). Nun, und? – Anstatt sich durch solches Benehmen gekränkt zu fühlen, sagt der einfache Russe ruhig und vernünftig: „Das tut er, weil er solch einen Glauben hat,“ – d. h. nicht etwa weil er böse ist. Und nachdem er diesen tieferen Grund eingesehen, entschuldigt er ihn von ganzem Herzen. Nun habe ich mich aber zuweilen gefragt: was würde wohl geschehen, wenn in Rußland 3 Millionen Russen und, umgekehrt, 80 Millionen Juden wären, was würden dann die Letzteren aus den Russen machen, wie würden sie dann diese behandeln? Würden sie ihnen auch nur annähernd die gleichen Rechte geben? Würden sie ihnen erlauben, so zu beten, wie sie wollen? Würden sie sie nicht einfach zu Sklaven machen? Oder, noch schlimmer: würden sie ihnen dann nicht das Fell mitsamt der Haut abziehen? Würden sie sie nicht vollständig ausrotten, nicht ebenso vernichten, wie sie es früher in ihrer alten Geschichte mit anderen Völkerschaften getan? Nein, ich versichere Sie, im russischen Volk ist kein vorurteilsvoller Haß auf den Juden. Es ist aber vielleicht eine Antipathie gegen ihn vorhanden, besonders in gewissen Gegenden, und dort ist sie vielleicht sogar sehr stark. Ohne sie scheint es nun einmal nicht zu gehen, doch beruht diese Abneigung durchaus nicht auf irgendeinem Rassen- oder Religionshaß, sondern auf gewissen Tatsachen, an denen aber nicht das russische Volk schuld ist, sondern der Jude selbst.