Status in statu.
Vierzig Jahrhunderte geschichtliches Dasein

Die Juden beschuldigen uns des Hasses gegen sie und dazu noch eines Hasses aus Vorurteilen. Da also von Vorurteilen die Rede ist, will ich zuerst fragen: hat der Jude gegen den Russen etwa weniger Vorurteile als der Russe gegen den Juden? – oder sollte er ihrer nicht doch noch mehr haben? Ich habe Briefe von Juden erhalten, und zwar nicht von einfachen, sondern von gebildeten Juden – und wieviel Haß gegen die „autochthone Bevölkerung“ ist doch in diesen Briefen! Das auffallendste aber – sie bemerken es selbst nicht einmal, daß sie gehässig schreiben.

Ein Volk, das vierzig Jahrhunderte auf der Erde existiert, also fast seit dem Anfang der historischen Zeitordnung, und noch dazu in einem so festen und unzerstörbaren Zusammenhang, ein Volk, das so oft sein Land, seine politische Unabhängigkeit, seine Gesetze, wenn nicht gar seinen Glauben verloren hat, – und sich noch jedesmal wieder vereinigen, sich in der früheren Idee wiedergebären, sich Gesetze und fast auch den Glauben von neuem hat schaffen können, – nein, ein so zähes Volk, ein so ungewöhnlich starkes, energisches, solch ein in der ganzen Welt beispielloses Volk hat nicht ohne status in statu leben können. Und diesen status hat es überall und während der schrecklichsten tausendjährigen Verfolgungen aufrechterhalten. Doch ich will hier keineswegs, indem ich vom status in statu rede, eine Anklage gegen die Juden erheben. Ich frage nur: worin besteht denn dieser status in statu, worin seine ewige, unveränderliche Idee, und worin das Wesen dieser Idee? Allerdings lassen sich Fragen von solcher Größe nicht in einem kurzen Artikel genügend auseinandersetzen, abgesehen davon, daß dies auch aus einem anderen Grunde ganz unmöglich wäre: noch ist die Zeit für das endgültige Urteil über dieses Volk nicht gekommen, trotz der verflossenen vierzig Jahrhunderte; noch steht das letzte Wort aus, das die Menschheit über dieses mächtige Volk zu sagen hat. Aber auch ohne in das Wesen der Sache einzudringen, kann man doch wenigstens einige, wenn auch nur äußerliche Kennzeichen dieses status in statu angeben. Diese Kennzeichen sind: die bis zum religiösen Dogma erhobene Absonderung und Abgeschlossenheit von allem, was nicht Judentum ist, und die Unverschmelzbarkeit mit anderen Völkern, der Glaube, daß es in der ganzen Welt nur ein einziges persönliches Volk gibt – die Juden –, und die Überzeugung, die anderen Völker, wenn sie auch vorhanden sind, doch so behandeln zu müssen, als ob sie nicht vorhanden wären. „Scheide dich aus von den Völkern und bilde deine Besonderheit und wisse, daß du von nun ab allein bei Gott bist. Die anderen vernichte oder mache sie zu deinen Sklaven oder beute sie aus. Glaube an deinen Sieg über die ganze Welt, glaube, daß alles dir untertan sein wird. Alle anderen Völker sollst du verabscheuen und mit keinem von ihnen Umgang pflegen. Und selbst wenn du dein Land und deine politische Persönlichkeit verlierst, selbst wenn du über die ganze Erde hin unter alle Völker verstreut sein wirst – gleichviel: glaube an all das, was dir verheißen ist, ein für allemal, glaube, daß es also geschehen werde, – inzwischen aber lebe, verachte, beute aus und – erwarte, erwarte, erwarte ...“ Das ist die Quintessenz dieses status in statu. Außerdem gibt es natürlich noch innere und geheime Gesetze, die diese Idee lebendig erhalten.

Sie sagen, meine gebildeten Herren Israeliten und Gegner, daß dieses nichts als Unsinn sei, und: „... Wenn es auch einen status in statu gibt, – das heißt, selbstverständlich: früher einmal einen gegeben hat, von dem jetzt vielleicht noch schwache Spuren vorhanden sein mögen, – so haben einzig die Verfolgungen aller Zeiten und besonders des Mittelalters zu ihm geführt; folglich ist dieser status in statu ausschließlich aus dem Trieb der Selbsterhaltung entstanden; setzt er sich auch heute noch fort, besonders in Rußland, so geschieht das nur, weil der Israelit hier noch nicht dieselben Rechte genießt wie der Russe.“ Ich aber glaube, daß er, selbst wenn er die gleichen Rechte hätte, doch auf keinen Fall seinem status in statu entsagen würde. Den status in statu nur den Verfolgungen und dem Selbsterhaltungstrieb zuzuschreiben, geht meiner Meinung nach nicht an. Die Widerstandskraft zur Selbsterhaltung würde dann doch nie und nimmer für ganze vierzig Jahrhunderte ausgereicht haben. Selbst die größten und stärksten Kulturen haben sich nicht einmal durch die Hälfte von vierzig Jahrhunderten erhalten können und haben ihre politische Kraft und selbständiges Volkstum in noch kürzerer Zeit eingebüßt. Hier ist nicht die Selbsterhaltung die erste Ursache, sondern eine Idee, die mit sich fortreißt, die leitet und erhält; hier handelt es sich um etwas Weltbeherrschendes und Ewiges, worüber das „letzte Wort“ zu sagen die Menschheit vielleicht noch gar nicht fähig ist. Daß der religiöse Charakter in dieser Idee das Übergewicht hat – darüber kann kein Zweifel bestehen. Es ist doch klar, daß der Fürsorger dieses Volkes unter dem Namen des früheren alten Jehova fortfährt, mit seinem Ideal und seiner Verheißung sein Volk zum festen Ziele zu führen. Es ist ja ganz unmöglich, wiederhole ich, sich einen Juden ohne Gott vorzustellen, oh, und ich glaube auch nicht an gebildete jüdische Atheisten: alle sind sie eines Wesens, und Gott weiß, was der Welt von der jüdischen Intelligenz noch bevorsteht! Als Kind habe ich oft von den Juden sagen hören, daß sie auch jetzt noch unverzagt ihren Messias erwarten, alle, wie der niedrigste so der höchste von ihnen, der gelehrteste Philosoph wie der kabbalistische Rabbiner; daß sie alle glauben, ihr Messias werde sie wieder in Jerusalem versammeln und alle Völker mit seinem Schwerte zu ihren Füßen legen; daß nur aus diesem Grunde die Juden – wenigstens in ihrer übergroßen Mehrzahl – bloß eine einzige Arbeit allen anderen vorzögen: den Handel mit Gold und mit allem, was sich schnell in Gold verwandeln läßt –, und daß sie dies nur deshalb täten, hieß es, um dereinst, wenn der Messias kommt, kein neues Vaterland zu haben, nicht durch Besitz an das Land Fremder gebunden zu sein, sondern ihr Hab und Gut in Gold und Wertsachen mit sich führen zu können –

„Wenn erglänzt das Licht der Morgenröte

Und Cinellen, Cymbeln, Pauken und Schalmeien tönen –

Dann bringen wir nach Palästina

In den alten Tempel unsres Gottes

Alle Schätze, die wir haben:

Edelsteine, Gold und Silber“ ...