Ich hatte eigentlich die Absicht, mich über sehr vieles in dieser Märznummer meines „Tagebuches“ auszusprechen; doch nun ist es wieder geschehen, daß ich über ein einziges Thema, über das ich nur einige Worte hatte sagen wollen, ganze Seiten geschrieben habe. So nehme ich mir, zum Beispiel, immer vor, etwas über Kunst zu sagen! Auch wollte ich über das neueste Bild Semiradskis sprechen – nur ein wenig –, und vor allen Dingen über den Idealismus und den Realismus in der Kunst, über Repin und Raphael; aber das werde ich noch aufschieben müssen. Und wie lange nehme ich mir schon vor, über die Briefe, besonders die anonymen, die ich so oft erhalte, zu schreiben!
Nun aber will ich doch einen Brief anführen, keinen anonymen, sondern einen von einer mir sehr gut bekannten Dame, Fräulein L., einer jungen Jüdin, deren Bekanntschaft ich in Petersburg gemacht habe. Sonderbarerweise haben wir kein einziges Mal über die „Judenfrage“ gesprochen, obgleich sie eine strenge und ernste Israelitin zu sein scheint. Wie ich sehe, hat ihr Brief eine Beziehung zu dem heute von mir geschriebenen Kapitel über die Juden. Es wäre vielleicht zuviel über dasselbe Thema, doch hier handelt es sich um etwas anderes: der Brief zeigt eine ganz andere Seite der Frage, vielleicht die entgegengesetzte, und außerdem enthält er geradezu einen Hinweis auf die Lösung des Problems. Ich hoffe, Fräulein L. wird mir verzeihen, wenn ich hier jenen Teil ihres Briefes wörtlich wiedergebe, der von der Beerdigung des Doktors Hindenburg in M. handelt. Unter dem frischen Eindruck dieser Beerdigung hat sie so aufrichtige und in ihrer Wahrheit so rührende Worte gefunden. Ich will nochmals hervorheben, daß dieser Brief von einer Jüdin geschrieben ist, daß diese Gefühle – Gefühle einer Jüdin sind ...
„Ich schreibe Ihnen unter dem tiefen Eindruck des Trauermarsches. Der 84jährige Doktor Hindenburg ist heute beerdigt worden. Da er Protestant war, wurde er zuerst in der lutherischen Kirche aufgebahrt, und von dort aus erfolgte dann die Überführung auf den Kirchhof. Solche Trauer, so von Herzen kommende Worte, so heiße Tränen habe ich noch an keinem Grabe gesehen ... Er starb in der größten Armut, so daß man zuerst nicht wußte, wie die Beerdigungskosten bestritten werden sollten.
58 Jahre praktizierte er schon in M. ... Und wieviel Gutes hat er in dieser langen Zeit getan! Wenn Sie wüßten, Fjodor Michailowitsch, was das für ein Mensch war! Er war Doktor und Frauenarzt; sein Name wird hier ewig weiterleben, es sind schon Legenden über ihn entstanden. Alle Armen nannten ihn ‚Vater‘, liebten und vergötterten ihn; doch erst seit seinem Tode begreifen sie ganz, wen sie in ihm verloren haben. Als er noch in der Kirche aufgebahrt lag, gingen alle, aber auch alle hin, um an seinem Sarge zu weinen und seine Füße zu küssen; besonders die armen Jüdinnen, denen er soviel geholfen hat, weinten und beteten für ihn, damit er geradeswegs in den Himmel komme. Heute kam unsere frühere Köchin (sie ist furchtbar arm) zu uns und erzählte, er habe bei der Geburt ihres letzten Kindes, da er gesehen, daß keine Kopeke im Hause war, 30 Kopeken gegeben, damit man ihr eine Suppe koche; und darauf sei er jeden Tag gekommen und habe jedesmal 20 Kopeken hinterlassen; und als sie sich ein wenig erholt hatte, habe er ihr zwei Feldhühner geschickt. So hat er auch einmal bei einer furchtbar armen Wöchnerin (solche wandten sich immer an ihn) sein Hemd ausgezogen und sein Kopftuch abgenommen (sein Kopf war immer mit einem Tuch umwunden) und beides zu Windeln zerrissen. Auch erzählt man sich hier, wie er einen armen Juden, einen Holzfäller, und dessen ganze Familie kuriert hat. Jeden Tag ist er zweimal zu ihnen gekommen und nachdem er alle wieder auf die Füße gebracht, hat er den Mann gefragt: ‚Wie wirst du mir nun alles bezahlen?‘ Der soll ihm geantwortet haben, daß er nichts habe, außer der letzten Ziege, die er sofort verkaufen werde. Das hat er denn auch getan, hat sie für 4 Rubel verkauft und diese dem Doktor gebracht. Der Doktor hat darauf den Holzfäller nach Haus geschickt und seinem Hausknecht 16 Rubel gegeben, damit er eine Kuh kaufe. Nach einer Stunde wird dem Holzfäller eine Kuh gebracht und gesagt, der Doktor habe die Ziegenmilch schädlich gefunden.
So hat er sein ganzes Leben lang Gutes getan. Zuweilen hat er sogar 30 bis 40 Rubel an Arme gegeben. Dafür ist er jetzt wie ein Heiliger begraben worden. Alle Juden hatten ihre Läden geschlossen und folgten dem Sarge. Bei unseren Beerdigungen singen gewöhnlich kleine Knaben Psalmen, doch ist es ihnen verboten, auch zur Beerdigung Andersgläubiger zu singen. Hier aber gingen während der ganzen Prozession unsere kleinen Knaben vor dem Sarge her und sangen ihre Psalmen mit lauter Stimme. In allen Synagogen wurde für seine Seele gebetet, und ebenso läuteten die Glocken aller Gotteshäuser während der Prozession. Die Militärkapelle spielte Trauermärsche und die jüdischen Musikanten waren zum Sohn des Verstorbenen gegangen, um ihn um die Erlaubnis zu bitten, während der Prozession spielen zu dürfen, was sie sich zur Ehre anrechnen würden. Alle armen Israeliten haben 10 oder 5 Kopeken gebracht, um für ihn Kränze zu kaufen; die reichen Israeliten aber haben viel gegeben und einen großen prachtvollen Kranz gestiftet, aus frischen Blumen mit einer schwarz-weißen Schleife, auf der in goldenen Lettern seine Hauptverdienste standen, wie z. B. die Gründung des Krankenhauses und ähnliches. Ich habe nicht alles entziffern können, und kann man denn überhaupt seine Verdienste aufzählen?
An seinem Grabe sprachen der Pastor und unser Rabbiner, und beide weinten. Er aber lag in seinem alten, fadenscheinigen Rock, den Kopf mit dem alten Tuch umwickelt, – dieser liebe Kopf! Es war, als ob er schliefe ...“
Ein einzelner Fall
Das ist ein einzelner Fall, wird man sagen. Nun, dann ist es wieder meine Schuld, wenn ich in einem einzelnen Fall den Anfang der Lösung eines ganzen Problems sehe ...
Die Stadt M. ist eine große Gouvernementsstadt im Westen, und es gibt dort sehr viele Juden, Deutsche, Russen natürlich, Polen und Litauer, und alle diese Nationalitäten liebten den Alten, als ob er zu ihrer Nationalität gehört hätte. Selbst aber war er Protestant und Deutscher, – gerade ein Deutscher: die Art und Weise, wie er dem armen Juden die Kuh schenkte, ist ein echt deutscher Witz. Zuerst verblüfft er ihn: „Wie wirst du mir nun alles bezahlen?“ Und natürlich hat der Arme, als er hinging, um seine letzte Ziege zu verkaufen, um den „Wohltäter“ bezahlen zu können, keineswegs gemurrt, sondern nur in tiefster Seele bedauert, daß die Ziege im ganzen nicht mehr als 4 Rubel wert war. Was aber sind 4 Rubel für alle von dem armen Doktor ihm und seiner Familie erwiesenen Wohltaten? Und wie zufrieden muß der alte Doktor bei sich gelächelt haben, als die Kuh zum Juden gebracht wurde. „Na, ich werde ihm mal unseren deutschen Witz zeigen,“ sagt er sich und ist womöglich die ganze Nacht, die er am Bette einer armen Wöchnerin verbringt, in froher Stimmung. Wenn ich Maler wäre, würde ich bestimmt ein Bild in diesem Genre malen, so eine Nacht in einer grauenvollen armen Hütte. Über alles liebe ich den Realismus in der Kunst, doch in den meisten Bildern unserer heutigen Realisten fehlt das „sittliche Zentrum“, wie sich vor kurzem ein großer Dichter und feiner Künstler in seiner Kritik über Semiradskis Bild ausgedrückt hat. Hier, in diesem von mir für ein Genrebild vorgeschlagenen Stoff würde, glaube ich, solch ein sittliches Zentrum sein. Und welch ein prachtvoller Stoff für einen Künstler! Erstens, die ideale, die schier unmögliche, schmutzigste Armut der jüdischen Hütte. Man kann sogar noch viel Humor hierbei verwenden; Humor ist ja doch die Spitzfindigkeit eines tiefen Gefühls – diese Bezeichnung gefällt mir ungemein. Mit feinem Gefühl und Verstand könnte der Künstler viel aus dem alten Hausgerät der armen Hütte machen. Und prachtvoll würde sich die Beleuchtung ausnehmen: ein brennendes Stümpfchen Talglicht auf einem schiefen Tisch und durch das einzige bereifte Fenster, durch die Eisblumen der Scheibe, das Morgengrauen des anbrechenden Tages. Die Frau hat erst bei Tagesanbruch geboren, und nun müht sich der alte Doktor um das Neugeborene. Keine Windeln, kein einziger Lappen im Hause (es gibt solche Armut, meine Herrschaften, ich versichere Sie, es ist der reinste Realismus – ein Realismus, der sozusagen bis ans Phantastische reicht) – und da hat denn der Greis schon seinen fadenscheinigen Rock ausgezogen und darauf das Hemd, das er nun zu Windeln zerreißt. Sein Gesicht ist ernst und nachdenklich. Der kleine neugeborene Judenbengel zappelt vor ihm auf dem Bett, und der Christ nimmt das Jüdchen auf seinen Arm und wickelt es in das Hemd, das er von seinen eigenen Schultern gezogen. Darin steckt die wahre Lösung des Judenproblems, meine Herrschaften! Der achtzigjährige nackte und von der Morgenkälte zitternde Körper des Doktors kann im Bilde im Vordergrunde stehen. Viel läßt sich natürlich aus seinem Gesichtsausdruck, sowie dem der jungen Mutter machen: sie sieht auf ihr Neugeborenes und wundert sich über das, was der Doktor mit ihm anstellt. „Dieser arme, kleine Jude wird groß werden und vielleicht auch einmal sein Hemd abziehen, um es einem Christen zu geben, wenn er sich der Geschichte seiner Geburt erinnert“ – denkt vielleicht in naivem und edlem Glauben der Alte bei sich. Wird das je geschehen? Wahrscheinlich nicht, aber es ist doch nicht ausgeschlossen, daß es geschieht. Das Beste, was wir tun können, ist – glauben, daß es geschehen könne und werde. Der Doktor aber hat schon ein Recht, daran zu glauben; denn in ihm ist es ja schon geschehen: „Habe ich es getan, so wird es auch ein anderer tun; bin ich denn besser als ein anderer?“ sagt er sich, um sich zu stärken ... Ja, dieses Bild würde, glaube ich, ein „sittliches Zentrum“ haben.
Ein einzelner Fall! Vor zwei Jahren schrieb man aus dem Süden Rußlands – ich habe vergessen, aus welch einer Stadt – von einem Doktor, der am Morgen eines heißen Tages aus der Badeanstalt kam und gerade schnell nach Hause eilte, um Kaffee zu trinken, und deshalb an einem beim Baden Ertrunkenen keine Wiederbelebungsversuche machen wollte, trotz der Bitte der Volksmenge. Ich glaube, er ist deswegen verurteilt worden. Aber das war vielleicht ein gebildeter Mensch, ein Anhänger der neuen Ideen, ein Fortschrittler, der bloß „im Prinzip“ neue Gesetze und Gleichberechtigung verlangte, „einzelne“ Fälle jedoch nicht weiter beachtete. Vielleicht glaubte er sogar, die einzelnen Fälle könnten eher schaden, indem sie die allgemeine Entscheidung hinausschöben, und daß es in betreff einzelner Fälle „je schlimmer, desto besser“ sei. Jener „Allmensch“, wie ich den anderen Typ, jenen alten Doktor, nennen möchte, hat doch, wenn er auch nur ein einzelner war, über seinem Grabe die Bevölkerung einer ganzen Stadt vereinigt. Die russischen Weiber und die armen Jüdinnen haben gemeinsam seine Füße geküßt, haben sich gemeinsam an seinen Sarg gedrängt und zusammen geweint. Achtundfünfzig Jahre Dienst für die Menschheit, achtundfünfzig Jahre unermüdlicher Liebe haben alle wenigstens einmal um einen Sarg in gleicher Begeisterung und in gemeinsamer Trauer vereinigt. Die ganze Stadt begleitet ihn, die Glocken aller Gotteshäuser läuten, und in allen Sprachen werden die Gebete für ihn gesungen. Der Pastor und der Rabbiner reden an dem offenen Grabe, jeder in seiner Sprache, jeder in seiner Art, und doch mit den gleichen Gefühlen. In diesem Augenblick war doch die „Judenfrage“ überwunden! Der Pastor und der Rabbiner haben sich an diesem Grabe in gemeinsamer Liebe vor allen Christen und Juden vereinigt. Was liegt daran, daß jeder, wenn er vom Kirchhof zurückgekehrt ist, wieder in seine alten Vorurteile verfällt? Steter Tropfen höhlt den Stein: diese „Allmenschen“ besiegen die Welt, indem sie sie vereinigen. Die Vorurteile werden mit jedem „einzelnen“ Fall mehr und mehr verblassen und endlich ganz verschwinden. „Über den Alten haben sich Legenden gebildet,“ schreibt Fräulein L., gleichfalls eine Jüdin. Die Legende aber ist der erste Schritt zur Sache; sie ist eine lebendige Erinnerung und ein unermüdliches Erinnern an diese „Besieger der Welt“, denen die Erde gehört. Hat man aber einmal den Glauben gefaßt, daß das wirklich Besieger sind, und daß solchen Menschen wirklich „die Erde gehören wird“, so hat man sich fast schon mit allem ausgesöhnt. All das ist furchtbar einfach, – schwierig scheint nur eines zu sein: nämlich, sich zu überzeugen, daß jede große Gesamtzahl sich aus Einern zusammensetzt. Alles würde sonst auseinanderfallen, wenn diese Einzelnen nicht wären. Diese Einzelnen geben den Gedanken, geben den Glauben, geben das lebendige Beispiel, somit also auch den Beweis. Es ist durchaus kein Grund vorhanden, so lange zu warten, bis alle oder wenigstens sehr viele ebenso gut geworden sind wie sie: es sind nur sehr wenige solcher Menschen erforderlich, um die Welt zu retten, dermaßen stark und mächtig sind sie. Ist dem aber so, – wie soll man dann nicht hoffen?