Sollte es auch seltsam klingen, so ist es doch wahr, daß die vierhundertjährige Bedrückung des Balkans durch die Türken dem Christentum und der Rechtgläubigkeit der Slawen einerseits sogar nützlich gewesen ist, natürlich nur negativ, aber immerhin hat sie den Glauben befestigt. Dasselbe hat ja schließlich auch das zweihundertjährige Tatarenjoch bei uns in Rußland bewirkt. Die bedrängten und gequälten christlichen Balkanvölker sahen in Christus und im Glauben an ihn ihren einzigen Trost, in der Kirche aber – den einzigen und letzten Rest ihrer nationalen Persönlichkeit und volklichen Sonderheit. Das war die letzte Hoffnung, das letzte Brett, das ihnen vom zerschellten Schiff verblieb. Die Kirche erhielt diese Völker immerhin als Nationalität, und der Glaube an Christus verhinderte sie, wenn auch nicht alle, so doch einen großen Teil, sich mit den Besiegern zu vermischen, ihren Stamm und ihre alte Geschichte zu vergessen. Die bedrückten Völker fühlten und begriffen natürlich bald, was sie an ihrem Glauben hatten, und so scharten sie sich denn noch enger um das Kreuz. Andererseits wandte schon seit der Eroberung Konstantinopels (1453) die ganze große christliche Bevölkerung des Ostens unwillkürlich ihren flehenden Blick auf das ferne Rußland, das damals sich kaum erst vom Tatarenjoche befreit hatte, und erriet geradezu in ihm das zukünftige allvereinende Zentrum der Slawen, die Macht, die sie einst erlösen werde. Und Rußland nahm, ohne zu zaudern, die Fahne des Ostens und setzte den zweiköpfigen byzantinischen Adler über sein altes Wappen.[43] Es nahm damit vor der ganzen Rechtgläubigkeit die Pflicht auf sich, diesen Glauben zu schützen und alle Völker, die ihm angehören, vor dem Untergang zu bewahren. Zu gleicher Zeit nahm auch das ganze russische Volk diese neue Bestimmung Rußlands und die Aufgabe seines Zaren auf sich. Seit der Zeit ist für das Volk der liebste und höchste Name seines Rußlands und seines Zaren der, den es damals aussprach: „rechtgläubiges Rußland“, „rechtgläubiger Zar“. Als es seinen Zaren so benannte, erkannte es mit dieser Benennung gleichzeitig auch dessen Bestimmung an: der Hüter, der Vereiniger und, wenn das Gebot Gottes ertönt, auch der Befreier der Rechtgläubigkeit zu sein, – das ganze Christentum, das ihr angehört, von dem muselmännischen Barbarentum und der westlichen Ketzerei zu erretten. Vor zwei Jahrhunderten, und besonders seit der Zeit Peters des Großen, begannen dieser Glaube und diese Hoffnungen der Völker des Ostens schon in Erfüllung zu gehen und sich zu verwirklichen. Und jetzt hat das Schwert Rußlands bereits mehrmals im Osten zu ihrer Verteidigung gekämpft. So ist es nur selbstverständlich, daß die Völker des Ostens in dem Zaren von Rußland nicht nur den Befreiers, sondern auch ihren zukünftigen Zaren sehen. In diesen zwei Jahrhunderten aber drang europäische Bildung und europäischer Einfluß auch bis zu ihnen vor. Die obere, gebildete Schicht des Volkes, seine Intelligenz, wurde im Osten, wie ja auch bei uns, mit der Zeit gleichgültiger in ihrem Verhalten zur Idee der Orthodoxie. Und heute hat sie sogar schon angefangen, zu verneinen, daß in dieser Idee die Erneuerung und Auferstehung zu einem neuen großen Leben für den Osten wie für Rußland enthalten sei. In Rußland, zum Beispiel, hat ein großer Teil der gebildeten oberen Schicht aufgehört, oder richtiger vielleicht, gewissermaßen verlernt, in dieser Idee die Hauptbestimmung Rußlands und dessen Lebenskraft zu sehen. – Im Gegensatz dazu glaubt unsere Intelligenz jetzt, all das in den modernen Anschauungen Europas finden zu können. In der Kirche sehen ja schon viele auf europäische Weise nur toten Formalismus und sinnlose Zeremonie und seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts sogar einfach nur Vorurteil und Heuchelei. Den Geist, die Idee, die lebendige Kraft vergaß man. Mit der Zeit aber kamen ökonomische Ideen westlichen Charakters auf; es kamen neue politische Lehren, es kam eine neue Moral, die sich bemühte, die frühere zu verbessern und zu überflügeln. Endlich kam auch noch die Wissenschaft, die natürlich nicht umhinkonnte, den Glauben an die alten Ideen zu untergraben ... In den Völkern des Ostens begannen außerdem noch, und in vorwiegender Weise, nationalistische Ideen aufzukommen: es überfiel sie plötzlich die Angst, sie könnten womöglich, wenn sie vom türkischen Joch befreit sein werden, unter das russische geraten. Doch in unserem einfachen millionenköpfigen Volke und in seinem Zaren erlosch niemals die Idee der Befreiung des Ostens und der christlichen Kirche. Die Bewegung, die das russische Volk im vorigen Sommer ergriff, hat bewiesen, daß das Volk von seiner alten Hoffnung und seinem alten Glauben nicht abgelassen hat. Und dabei setzte diese Bewegung unsere ganze Intelligenz so in Erstaunen, daß sie an diese „Bewegung“ einfach nicht glauben wollte; sie verhielt sich skeptisch zu ihr und bemühte sich, spöttisch allen zu versichern, diese „Bewegung“ sei von unzuverlässigen Leuten, die von sich reden machen wollten, einfach ausgedacht und vorgetäuscht worden. In der Tat, wer könnte denn in unserer Zeit, von unserer Intelligenz, außer vielleicht einem kleinen, von der allgemeinen Menge abgesonderten Teil derselben, zugeben, daß unser Volk wirklich fähig ist, seine politische, soziale und sittliche Bestimmung bewußt zu verstehen? Wer von ihnen würde es zugeben, daß diese rohe, unaufgeklärte Masse, die vor kurzem noch leibeigen war und jetzt vom Branntwein trunken ist, wissen und überzeugt sein könnte, daß ihre Bestimmung ist: Christus zu dienen? – und die ihres Zaren: den christlichen Glauben zu bewahren und die Völker der Rechtgläubigkeit zu befreien? „Mag diese Masse sich auch von jeher ‚christlich‘ genannt haben, so hat sie doch weder von der Religion, noch selbst von Christus einen Begriff, – sie kennt ja nicht einmal die einfachsten Gebete!“ sagt man gewöhnlich von unserem Volke. Und wer sind es denn, die so sprechen? Ist es vielleicht – der deutsche Pastor, der bei uns die Stundisten bearbeitet, oder der angereiste Europäer, der Korrespondent einer politischen Zeitung, oder irgendein gebildeter „höherer“ Jude (einer von denen, die an Gott nicht mehr glauben) oder gar einer von den im Auslande angesiedelten Russen, die sich Rußland und unser Volk nur in Gestalt eines betrunkenen Weibes mit der Flasche in der Hand vorstellen? Nein, – so denkt der größte Teil unserer russischen, unserer besten Gesellschaft; und er läßt es sich nicht einmal träumen, daß in unserem Volk, wenn es auch keine Gebete hersagen kann, sich doch das Wesen des Christentums beispiellos erhalten hat, daß der Geist Christi und seine Wahrheit es so durchdrungen haben, wie vielleicht kein einziges Volk dieser Erde. Übrigens, der Atheist oder der in Glaubensdingen gleichgültige russische Europäer kann den Glauben ja gar nicht anders auffassen wie als Formalität und Heuchelei. Im Volke aber sehen diese Leute nichts, was daran erinnern könnte, und darum folgern sie, daß das Volk unter seinem Glauben nichts verstehe, daß es vorschriftsmäßig eine bemalte Tafel anbete, im Grunde aber gleichgültig bleibe, da sein Geist bereits von der kirchlichen Formalität ertötet sei. Den christlichen Geist haben sie in ihm überhaupt nicht bemerkt, vielleicht weil sie selbst diesen Geist schon längst verloren haben. Dieses lasterhafte Volk, dieses dunkle, das heißt, unwissende Volk, liebt aber den Demütigen, den, der „schlichten Geistes“ ist: in allen seinen Legenden und Sagen hängt es an dem Glauben, daß der Schwache und ungerecht Erniedrigte und der um Christi willen Duldende über den Vornehmen und Mächtigen erhöht werden wird, wenn einst das Jüngste Gericht anbricht. Auch liebt unser Volk von dem großen Leben seines tapferen und keuschen Ilja von Murom[44] zu erzählen, von dem Kämpfer für die Wahrheit, dem Befreier der Armen und Schwachen, von seinem sich nie überhebenden Lieblingsrecken, dem großen, treuen, mit dem reinen Herzen. Und wenn es so einen Helden schon hat, ihn achtet und so liebt, wie es ihn liebt – wie soll da unser Volk nicht an den Sieg seiner jetzt erniedrigten Brüder glauben? Unser Volk ehrt das Andenken seiner großen, demütigen Einsiedler und Helden und erzählt Kindern mit Vorliebe die Geschichten der christlichen Märtyrer. Diese Legenden kennt es gut; ich selbst habe sie zum erstenmal vom Volk gehört, und sie wurden so andächtig erzählt, daß sie für mein ganzes Leben in meinem Herzen bleiben werden. Zudem scheiden sich täglich aus dem Volk große Büßer aus, die da hingehen und ihr Hab und Gut verteilen, für den großen Sieg der Wahrheit, der Arbeit und Armut ... Doch übrigens, vom russischen Volke will ich später sprechen, – einmal muß es doch erreichen, daß man es versteht. Einmal wird man begreifen, daß auch das Volk etwas bedeutet. Man wird endlich auch jenen wichtigen Umstand beachten, daß man noch niemals in großen oder sogar nur einigermaßen wichtigeren Augenblicken der russischen Geschichte ohne dasselbe ausgekommen ist: daß Rußland volklich ist, das Rußland nicht Österreich ist! Man wird sich erinnern, daß in jedem bedeutenden Moment unseres geschichtlichen Lebens die jeweilig vorliegende Frage immer vom Volksgeist und von der Volksansicht beantwortet worden ist, von den Zaren des Volkes, die stets in einer höheren Verbindung mit ihm gestanden haben. Diese ungemein wichtige historische Tatsache wird von unserer Intelligenz gewöhnlich vollkommen übersehen, und nur dann erinnert man sich plötzlich des Volkes, wenn wieder einmal eine große neue historische Entscheidung herannaht ... Doch ich bin von meinem Thema abgekommen.
Gedanken unserer Zeit
Die griechisch-katholische Kirche des Balkans, ihre Vertreter und der ökumenische Patriarch haben in diesen vier Jahrhunderten der Unterjochung ihrer Kirche mit Rußland und untereinander in Frieden gelebt – wenigstens in Glaubensfragen. Es hat weder große Unruhen, noch Ketzereien, noch Abtrünnigkeiten gegeben. Doch siehe, in unserem Jahrhundert, und besonders in den letzten zwanzig Jahren nach dem großen Kriege in Osteuropa,[45] fing es an von der Türkei gleichsam wie Modergeruch einer verwesenden Leiche herzuwehen: die Vorahnung des Todes, der Zersetzung des „kranken Mannes“, und die Ahnung vom Untergang der Herrschaft desselben wurde zum vorwiegenden, fast körperhaften Gefühl. Oh, natürlich: endgültig befreien kann die Balkanslawen trotzdem ja nur Rußland allein, dieses selbe Rußland, das auch jetzt wieder, in den allgemeinen Auseinandersetzungen mit Europa über den Osten, ganz allein für sie einsteht, während alle anderen Völker und Reiche der gebildeten europäischen Welt selbstverständlich froh wären, wenn es alle diese bedrückten Völkerschaften des Ostens überhaupt nicht geben würde. Ruft nun auch die ganze Intelligenz der Balkanslawen Rußland zu Hilfe, so fürchtet sie uns leider vielleicht doch ebensosehr wie die Türken: „Wenn uns Rußland auch von den Türken befreit, so wird es uns doch verschlingen und unsere Nationalitäten nimmer sich entwickeln lassen“ – das ist ihr Schreckgespenst, das alle ihre Hoffnungen vergiftet! Und überdies bricht zwischen ihnen selbst mehr und mehr die nationale Gegnerschaft durch. Der griechisch-bulgarische „Kirchenstreit“, den wir unlängst erlebt haben, war ja schließlich nichts anderes als ein nationaler Streit in dieser Verkleidung und kann gewissermaßen als ein Omen für die Zukunft angesehen werden. Als der ökumenische Patriarch den Ungehorsam der Bulgaren tadelte und sie, wie den eigenmächtig von ihnen erwählten Exarchen, aus der Kirchengemeinschaft ausschloß, hob er besonders hervor, daß man in Sachen des Glaubens weder das Ritual, noch den der Kirche schuldigen Gehorsam dem „neuen und verderblichen Prinzip der Nationalität“ opfern dürfe. Währenddessen aber hat er doch selbst, als er, der Grieche, diesen Bann gegen die Bulgaren schleuderte, zweifellos diesem selben Prinzip der Nationalität gedient, nur zugunsten der Griechen gegen die Slawen. Mit einem Wort, es läßt sich sogar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit voraussagen, daß, sobald der „kranke Mann“ stirbt, am Balkan sofort überall Unruhen und Streitigkeiten bei der ersten besten Gelegenheit ausbrechen werden, und zwar werden es vornehmlich gerade Kirchenunruhen sein, die zweifellos auch Rußland schaden können. Ja, selbst in dem Falle würden sie schaden, wenn Rußland sich von allen Balkanfragen ganz zurückzöge oder gar zwangsweise von der Teilnahme bei der Entscheidung der Orientfrage ausgeschlossen werden sollte. Das ist es: diese Unruhen werden auf Rußland noch nachteiliger wirken, wenn es sich von einem tätigen und führenden Anteil an der Schicksalsentscheidung des Balkans ganz zurückzieht. Und da wird nun plötzlich geschrieben – nicht nur in Europa, sondern auch bei uns von vielen erstrangigen Politikern –, daß das Türkische Reich eben untergehen und Konstantinopel nur eine „internationale“ Stadt werden müsse, also irgendein Mittelding, etwas Allgemeines, Freies, auf daß es um seinetwillen nur ja keine Streitigkeiten gäbe. Etwas Unsinnigeres hätte man sich wahrlich nicht ausdenken können.
Erstens schon aus dem einfachen Grunde nicht, weil man einen so prachtvollen Punkt der Erde doch nicht als internationale Stadt, also als keinem einzigen gehörig, sich selbst überlassen würde. Bestimmt würden sofort die Engländer mit ihrer Flotte erscheinen, in der Eigenschaft als Freunde natürlich, um diese selbe „Internationalität“ zu beschützen und zu bewahren, in Wirklichkeit aber, um Konstantinopel sich anzueignen. Die Engländer aber von einer Stelle zu verdrängen, wo sie sich bereits niedergelassen haben, ist nichts weniger als leicht – sie sind nun einmal ein schnell Fuß fassendes und zäh stehendes Volk! Und überdies werden ja die Griechen, Slawen, Muselmänner Konstantinopels sie selbst rufen, werden sich mit beiden Händen an sie klammern, sich an ihre Rockschöße hängen und sie nicht fortlassen. Und der Grund dieser Anhängigkeit? – Immer dieses selbe Rußland! „Sie werden uns vor Rußland bewahren, vor unserem Befreier!“ Ja, wenn sie nicht wüßten, was die Engländer für sie sind, und überhaupt ganz Europa! Aber sie wissen ja auch jetzt schon besser als alle anderen, daß ihr Glück, d. h. das Glück der ganzen christlichen Rajah, die Engländer (wie auch in ganz Europa niemanden außer Rußland) überhaupt nichts angeht. Diese ganze Rajah weiß es vorzüglich, daß die Engländer, wenn es nur möglich wäre, die bulgarische Metzelei des vorigen Sommers irgendwie unauffällig und im geheimen zu wiederholen (was, wie es scheint, sehr leicht möglich wäre), die ersten sein würden, die die zehnmalige Wiederholung dieser Metzeleien wünschten. Und das nicht etwa aus Blutdurst – oh bewahre! In Europa sind doch die Völker human und aufgeklärt! Sondern einfach, weil solche Metzeleien, zehnmal wiederholt, die Rajah endgültig ausrotten würden und dann niemand mehr am Balkan gegen die Türken Aufstände machen könnte – das aber ist doch die Hauptsache. Es würden nur noch die lieben Türken übrigbleiben, und die türkischen Papiere würden dann mit einem Schlage auf allen europäischen Börsen schwindelnd hoch steigen. Rußland aber müßte alsdann mit seinem „Ehrgeiz und seinen Eroberungsplänen“ einpacken, da es am Balkan niemanden mehr zu verteidigen hätte. Die Rajah weiß, wie gesagt, nur zu gut, daß sie jetzt von Europa keine anderen Gefühle erwarten darf.
Ganz anders aber wäre die Sache sofort, wenn der „kranke Mann“ auf irgendeine Weise, sei es durch sich selbst, oder sei es durch Rußlands Schwert, endlich umgebracht werden würde. Dann würde sogleich ganz Europa in zärtlichster Liebe zu den befreiten Völkern entbrennen und sofort zu ihnen eilen, um sie „vor Rußland zu retten“. Anzunehmen ist, daß Europa selbst die Idee von der „Internationalität“ in deren neue Staatsordnung bringen werde: es wird zunächst voraussehen, daß über dem Leichnam des „Kranken“ zwischen den befreiten Völkern alsbald Streit und Hader und Eifersucht aufkommen müssen, – das aber ist es ja, was Europa will. Somit wäre der Vorwand gefunden, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, und vor allen Dingen der Vorwand, sie aufzuhetzen gegen dieses Rußland, das ihnen bestimmt nicht wird erlauben wollen, um das Erbe des „Kranken“ zu streiten. Und dann wird es keine Verleumdung mehr geben, die gegen uns zu verbreiten Europa sich scheuen wird. „Nur der Russen wegen haben wir euch nicht gegen die Türken helfen können,“ werden ihnen sofort die Engländer zuflüstern. Die Völker des Ostens wissen auch jetzt schon ganz genau, daß „England sich niemals an ihrer Befreiung beteiligen und dazu auch anderen nie seine Zustimmung geben wird; denn es haßt diese Christen wegen ihrer geistigen Verbindung mit Rußland. England will, und hat es auch nötig, daß die orientalischen Christen uns ebenso großen Haß, wie England selbst, entgegenbringen ...“ schreiben die „Moskauer Nachrichten“. Das also ist es, was diese Völker vorläufig wissen und was sie schon jetzt auf Rußlands zukünftige Rechnung gesetzt haben. Wir aber glauben immer noch, daß sie uns vergöttern!
In der „internationalen“ Stadt werden aber trotz aller beschützenden Engländer doch die Griechen die Herren sein – so wie sie dort von jeher die Herren gewesen sind. Nun bitte ich, nicht zu vergessen, daß die Griechen mit noch größerer Verachtung auf die Slawen blicken als die Deutschen. Da aber die Griechen die Slawen auch noch werden fürchten müssen, so wird sich die Verachtung in Haß verwandeln. Untereinander Schlachten schlagen, sich gegenseitig den Krieg erklären, werden sie natürlich nicht können; denn die Beschützer würden es so weit jedenfalls nicht kommen lassen, wenigstens nicht zu einem Krieg im ernsten Sinne. Nun und dann werden eben infolge der Unmöglichkeit eines offenen und ehrlichen Kampfes alle möglichen kleinen Streitigkeiten zwischen ihnen ausbrechen, Unruhen, die natürlich zuerst den Charakter von Kirchenwirren annehmen – damit fängt es ja in solchen Fällen gewöhnlich an, weil dieser doch der bequemste Vorwand ist. Das war es, worauf ich hinweisen wollte!
Ich kann ja darüber nur reden, weil das Programm doch schon aufgestellt wurde: die Bulgaren, hieß es, sollten Konstantinopel bekommen. Dazu aber sind wieder die Griechen zu stark, und das wissen sie selbst ganz vorzüglich. Dabei kann es in Zukunft nichts Furchtbareres für den ganzen Balkan und für Rußland geben als die Wiederholung eines solchen Kirchenstreites, – die leider so leicht möglich ist, wenn Rußland nur auf einen Augenblick mit seiner Protektion und der strengen Aufsicht über die Balkanslawen beiseite geschoben werden sollte. Wenn das nun auch alles noch in der Zukunft liegt und meine Ansichten nur Vermutungen sind, so wäre es doch unverzeihlich, diese Konflikte aus dem Auge zu lassen, und wär’s auch nur als Möglichkeiten. Oder sollen auch wir wünschen, daß die Herrschaft der Türken noch lange dauere? Sollten auch wir so weit gehen? Sollte es wirklich nicht klar sein, daß dann am Balkan die ganze Kircheneinigung höchstwahrscheinlich ins Wanken geraten wird und die Folgen dieser Erschütterung sich vielleicht noch weiter in den Osten erstrecken werden? Ja, man könnte sogar folgendes sagen: ob es nun diese Streitigkeiten geben wird oder nicht, – jedenfalls ist es wahrscheinlich, daß ein großes Konzil zur Ordnung der Angelegenheiten der neu erstehenden Kirche nicht zu umgehen sein wird. Warum das nicht beizeiten erwägen? In diesen vier Jahrhunderten der Verfolgung und Unterdrückung sind die Vertreter der östlichen Kirche immer den Ratschlägen Rußlands gefolgt; doch werden sie morgen von den Türken befreit und bietet ihnen noch außerdem Europa seinen Schutz an, so werden sie sich zu Rußland sofort anders verhalten. Die Vertreter der griechisch-katholischen Kirche, vorwiegend Griechen, würden, sobald Rußland sich ein wenig auf die Seite der Slawen neigen wollte, ihm vielleicht unverzüglich zu verstehen geben, daß sie weiterhin seiner Ratschläge nicht mehr bedürfen. Gerade deswegen würden sie sich damit beeilen, weil sie alle vier Jahrhunderte hindurch zu diesem Rußland nur mit andächtig gefalteten Händen emporgesehen haben. Und wie wird dann Rußlands Lage sein? Diese selben Bulgaren werden dann natürlich losschreien, daß in Konstantinopel sich ein neuer Papst auf den Thron gesetzt habe, und – wer weiß – vielleicht werden sie damit nicht einmal eine Unwahrheit sagen. Das internationale Konstantinopel kann tatsächlich einmal, wenn auch nur zeitweilig, einem neuen Papste zum Piedestal dienen. Dann wird für Rußland „die Griechen verteidigen“ gleichbedeutend sein mit „die Slawen verlieren“, und wiederum „für die Slawen eintreten“ vielleicht gleichbedeutend mit „auch sich die unangenehmsten und ernstesten Kirchensorgen zuziehen“. Augenscheinlich kann all dieses nur durch die Standhaftigkeit Rußlands in der Orientfrage, d. h. durch die energische Durchführung jener Politik, die uns unsere ganze Geschichte zur Pflicht gemacht hat, vermieden werden. In dieser Angelegenheit dürfen wir Europa keine einzige Konzession machen, denn hier handelt es sich für uns um Leben oder Tod. Konstantinopel muß unser werden, ob früher oder später bleibt sich gleich, und wenn auch nur zur Vermeidung schwerer Kirchenunruhen, die so leicht zwischen den jungen Völkern des Ostens ausbrechen können, da ihnen doch schon einmal im Streite der Bulgaren mit dem ökumenischen Patriarchen ein Beispiel geboten worden ist. Erobern wir aber Konstantinopel, so kann von alledem nichts eintreten. Die Völker des Westens, die so eifersüchtig jeden Schritt Rußlands beobachten, wissen und ahnen im gegenwärtigen Augenblick nicht einmal alle diese noch phantastischen und doch so leicht möglichen zukünftigen Konflikte. Würden sie dieselben aber jetzt erfahren, so wären sie doch unfähig, sie zu verstehen, oder sie würden ihnen keine besondere Wichtigkeit zuschreiben – das werden sie erst später tun, dann, wenn es zu spät sein wird. Das russische Volk, das die Orientfrage ausschließlich als Befreiung der ganzen orthodoxen Christenheit versteht, und von der großen Zukunft Rußlands die Vereinigung der ganzen Kirche erhofft, würde durch neue Unruhen und neue Uneinigkeiten rein kirchlichen Charakters zu sehr erschüttert werden, und fraglos würden diese in seinem ganzen Leben einen tiefen Widerhall finden. Das ist der einzige Grund, warum wir für keinen Preis und in keiner Weise unsere in die Jahrhunderte zurückreichende Anteilnahme an dieser großen Frage weder ganz aufgeben noch auch nur verringern können. Nicht nur der prachtvolle Hafen, nicht nur die Pforte zu den Meeren und Ozeanen verbinden Rußland so eng mit dieser verhängnisvollen Orientfrage, und nicht einmal die Vereinigung und Auferstehung der Balkanslawen tun dies ... Unsere Aufgabe ist tiefer, unendlich tiefer. Wir, Rußland, sind in der Tat unumgänglich notwendig für die ganze orientalische Christenheit wie auch für die Vereinigung der ganzen zukünftigen rechtgläubigen Menschheit. So haben es immer das Volk und seine Herrscher verstanden ... Mit einem Wort, diese furchtbare Orientfrage – das ist in Zukunft beinahe unser ganzes Schicksal. In ihr liegen geradezu alle unsere Aufgaben und, vor allem, unsere einzige Möglichkeit, in die große Geschichte der Menschheit einzutreten. In ihr liegt auch unser endgültiger Zusammenstoß und unsere endgültige Vereinigung mit Europa, und zwar auf neuer, mächtiger, fruchtbarerer Grundlage. Wie sollte Europa diese ganze uns vom Schicksal bestimmte Lebensbedeutung, die für uns in der Entscheidung dieser Frage liegt, jetzt schon begreifen?!
Nein: gleichviel, womit die gegenwärtigen, vielleicht notwendigen diplomatischen Unterhandlungen und Verträge mit Europa enden, früher oder später muß Konstantinopel doch uns gehören, und sei es auch erst im nächsten Jahrhundert! Das müssen wir Russen immer im Auge behalten, ein jeder von uns unverwandt und fest. Nur dies war es, was ich allen Russen sagen und ans Herz legen wollte, besonders in unserer jetzigen europäischen Zeit.