„Krieg!! der Krieg ist erklärt!“ rief man bei uns vor zwei Wochen.[46] „Wird es auch zum Kriege kommen?“ fragten sofort die Zweifler. „Er ist schon erklärt, ist erklärt!!“ antwortete man ihnen. „Wissen wir, – aber wird es überhaupt zum Kriege kommen?“ fuhren jene fort zu fragen.
Solche Fragen gab es damals und gibt es vielleicht noch jetzt. Und nicht nur wegen der langen diplomatischen Unterhandlungen glaubt man nicht an den Krieg; nein, hier ist noch etwas anderes mit im Spiel, das Grund zum Zweifeln gibt: hier ist es einfach – der Instinkt. Alle fühlen, daß etwas Entscheidendes beginnt, daß das Ende von etwas Früherem, jahrhundertelang Gewesenem herannaht, und daß ein Schritt zu etwas ganz Neuem getan wird, zu etwas, was das Frühere zersprengt und zu neuem Leben auferweckt, und ... daß dieser Schritt von uns getan wird, von – Rußland! Das ist es ja, was die „klugen“ Leute nicht glauben können. Instinktives Vorgefühl ist vorhanden, doch der Zweifel währt noch immer: „Rußland! Wie kann es denn, wie wagt es überhaupt? Ist es denn dazu vorbereitet? – innerlich, moralisch, nicht nur materiell? Dort ist Europa, das ist leicht gesagt – Europa! Aber Rußland, was ist denn Rußland? Und nun solch ein Schritt!?“
Das Volk aber glaubt, daß es reif ist zu diesem neuen und großen Schritt. Es ist das Volk, das sich mit seinem Zaren an der Spitze zum Kriege erhoben hat. Als das Zarenwort sich über die russische Erde verbreitete, da zog das Volk in die Kirchen, um zu Gott zu beten; als die Bauern auf dem Lande das Manifest ihres Zaren lasen, bekreuzten sie sich und beglückwünschten einander zu diesem Kriege. Das haben wir selbst hier in Petersburg gesehen und gehört. Und wieder geschieht dasselbe, was im vorigen Jahr geschah. Die Dorfbauern geben je nach ihrem Vermögen Geld oder den durchmarschierenden Truppen Lebensmittel, Pferde und Wagen und plötzlich sagt dieses Volk: „Was sind Spenden, was Vieh und Pferde, wir gehen selbst kämpfen!“ Hier in Petersburg werden von einzelnen mehrere tausend Rubel für die Verwundeten gegeben – ihre Namen kennt man nicht, denn sie wollen ungenannt bleiben. Solche Tatsachen erleben wir jetzt in Unmengen und keinen nehmen sie wunder. Sie bedeuten nur, daß das ganze Volk sich für die Wahrheit erhoben hat, zum Kriege für die heilige Sache. Was unsere „Klugen“ anbetrifft, so werden sie natürlich auch diese Tatsachen leugnen – ganz wie sie im vorigen Sommer die Beweise der Sympathie unseres Volkes für die Balkanslawen leugneten. Auch jetzt lachen sie über das Volk, doch sind ihre Stimmen schon merklich leiser geworden. Warum aber lachen sie nur, woher haben sie soviel Selbstvertrauen? Nun, weil sie sich immer noch für eine Macht halten, immer noch für dieselbe Macht, ohne die man nichts vollbringen kann. Indessen ist das Ende dieser ihrer Macht nicht mehr fern und immer schneller nähern sie sich ihrem furchtbaren Untergang. Wenn aber der Boden unter ihnen anfangen wird zu weichen, dann werden sie sich beeilen, in einer anderen Sprache zu reden, doch dann wird es zu spät sein: alle werden begreifen, daß sie fremde Worte aufs Geratewohl zusammenstellen, und werden sich von ihnen abwenden und ihre Zuversicht dorthin tragen, wo der Zar und mit ihm sein Volk ist.
Wir haben diesen Krieg auch für uns selbst nötig: nicht nur für unsere von den Türken gequälten „slawischen Brüder“ erheben wir uns, sondern auch zur eigenen Rettung. Der Krieg wird die Luft, die wir atmen, erfrischen, die Luft, in der wir in der Ohnmacht unserer Verwesung und geistigen Beengtheit zu ersticken drohten. Die „Klugen“ und „Allweisen“ prophezeien zwar, daß wir an unseren eigenen inneren Unordnungen ersticken und verderben würden und darum an Stelle des Krieges lieber einen langen Frieden wünschen sollten, damit wir uns aus Tieren und Dummköpfen in Menschen verwandeln, zunächst Ordnung, Ehrlichkeit und Ehre lernen können: „Dann erst geht und helft euren slawischen Brüdern,“ schließen sie übereinstimmend ihre Episteln. Es wäre wirklich interessant zu erfahren, wie sie sich diesen Entwicklungsprozeß, durch den sie es besser machen würden, eigentlich denken? Und auf welche Weise sie sich durch evidente Unehre Ehre erwerben wollten? Interessant wäre ferner, wie und wodurch sie ihre Feindschaft gegen das allgemeine, allenthalben durchbrechende Gefühl ihres Volkes rechtfertigen wollen. Nein, wie man sieht, läßt sich die Wahrheit nur durch Märtyrertum erkaufen. Millionen von Menschen bewegen sich und leiden und verschwinden dann spurlos, als ob es ihnen bestimmt gewesen wäre, niemals die Wahrheit zu erkennen. Sie leben mit fremden Gedanken, sie suchen das fertige Wort und Beispiel, klammern sich an die von anderen ihnen suggerierte Tat. Sie prahlen, daß die Autoritäten, daß Europa ihnen recht gebe. Alle anderen, die mit ihnen nicht übereinstimmen, die die Gedankenknechtschaft verachten und an ihre eigene und ihres Volkes Selbständigkeit glauben, pfeifen sie aus. Aber in der Wirklichkeit sind diese Schwärme schreiender Menschen doch nur dazu bestimmt, ein passives Mittel zu sein, auf daß nur wenige Einzelne von ihnen sich der Wahrheit nähern oder von dieser wenigstens so etwas wie ein Vorgefühl bekommen. Diese Einzelnen aber sind es, die dann alle nach sich ziehen, die Führung ergreifen, die Idee gebären und sie als Vermächtnis den sich quälenden Menschenmassen hinterlassen. Solche Einzelne haben wir schon bei uns gehabt. Manche von uns verstehen sie schon, oder sogar viele. Doch die „Klugen“ fahren noch fort, zu lachen und immer noch von sich zu glauben, sie seien eine große Macht! „Die gehen ein wenig spazieren, werden bald zurückkehren,“ sagen sie jetzt von unseren Truppen, die schon die Grenze überschritten haben, sagen es sogar laut. „Wo soll’s denn Krieg geben? Wie könnten wir denn Krieg führen? Es ist einfach ein militärischer Spaziergang und einige Manöver mit Verschwendung Hunderter von Millionen – zur Aufrechterhaltung der Ehre.“ Das ist ihre intime Auffassung der Sache, oder richtiger, ihre nicht intime.
Sollte es nun geschehen, daß wir besiegt werden, oder unter dem Druck der Verhältnisse für Lappalien Frieden schließen, – oh, dann würden die „Klugen“ natürlich triumphieren! Und welch ein Auspfeifen und Heidenlärm und Zynismus wird dann wieder beginnen, welch ein Bacchanal von Selbstbespeiung, Selbstbeschimpfung und Selbstverspottung wird dann wieder anheben! – Und das nicht etwa, um ein neues Leben bei uns zu erwecken, sondern gerade wegen des Triumphes der eigenen Ehrlosigkeit, Unpersönlichkeit und Kraftlosigkeit. Und der neue Nihilismus wird ganz genau so, wie der alte, mit der Verneinung des russischen Volkes und seiner Selbständigkeit beginnen, und – das Wichtigste – wird solche Macht ergreifen und so tief Wurzel treiben, daß er fraglos das Heiligste Rußlands unterdrücken wird. Und wieder wird die Jugend ihre Familien und ihr Elternhaus beschimpfen und vor der Weisheit der Greise davonlaufen, weil diese doch nur ein und dasselbe wiederholen: immer die alten, allen überdrüssig gewordenen Lieder von der europäischen Herrlichkeit und von unserer Pflicht, möglichst unpersönlich zu sein. Das ist ja das Schrecklichste, daß es dann wieder dieselben alten Lieder, dieselben alten Worte geben wird und die Hoffnung auf etwas Neues dann auf lange, lange hinausgeschoben werden muß!! Nein, wir brauchen Krieg und Siege! Mit Krieg und Siegen wird das neue Wort kommen und wird das lebendige Leben beginnen und nicht das ertötende Geschwätz von früher sich fortsetzen ... was sag’ ich, „von früher“! – von heute, meine Herren.
Nichtsdestoweniger muß man auf alles gefaßt sein: setzen wir den für uns schlechtesten Ausgang des begonnenen Krieges voraus, so wird doch, selbst wenn wir viel Schändliches, viel schon so zuwider gewordenes altes Leid werden ertragen müssen, so wird doch der Koloß nicht ins Wanken gebracht werden und früher oder später das Seine nehmen. Das ist nicht nur meine Hoffnung – das ist meine volle Überzeugung. In dieser Unmöglichkeit, den Koloß ins Wanken zu bringen, liegt unsere ganze Macht Europa gegenüber. Dieser Koloß ist unser Volk. Und der jetzige volkstümliche Krieg und all die ihm kurz vorhergegangenen Bewegungen haben allen, die zu sehen verstehen, deutlich unsere volkliche Einheit und Frische gezeigt, und bis zu welch einem Grade unsere Volkskräfte von jener Zersetzung, die unsere „Klugen“ überfallen hat, bewahrt geblieben sind. Und welch einen Dienst uns diese „Weisen“ in den Augen Europas erwiesen haben! Noch vor kurzem schrien sie, so daß die ganze Welt es hörte, wir seien arm und nichtig; sie versicherten spöttisch allen, einen Volksgeist hätten wir überhaupt nicht, einfach weil kein Volk vorhanden wäre; weil auch unser „Volk“ ganz so wie sein „Geist“ nur von der Phantasie einheimischer, moskowitischer Denker erfunden worden sei; daß die achtzig Millionen russischer Bauernkerle im ganzen nur Millionen passiver, betrunkener, steuerpflichtiger Nummern wären; daß von einer Verbindung des Zaren mit dem Volke überhaupt nicht die Rede sein könne – letzteres stehe nur in alten Schriften; daß, im Gegenteil, alles losgelöst und vom Nihilismus angefressen sei; daß unsere Soldaten die Gewehre wegwerfen und wie die Lämmer zurücklaufen würden; daß wir weder Munition noch Proviant hätten; und zu guter letzt, hieß es, sähen wir selbst ein, daß wir uns zuviel zugemutet hätten, und warteten jetzt nur auf einen Vorwand, um uns zurückziehen zu können, ohne gerade die ganzschimpflichsten Ohrfeigen davontragen zu müssen, und beteten zu Gott, daß Europa uns diesen Vorwand ausdächte! Das ist die Meinung unserer „Weisen“ von uns ... Wahrlich, man kann sich schlechterdings kaum über sie ärgern: das ist nun einmal ihre eingefleischte Überzeugung. Und es ist ja auch wahr: ja, wir sind arm, ja, in vielem sind wir sogar bedauernswert; ja, wir haben wirklich so viel Schlechtes, daß der „Kluge“, und besonders wenn er noch unser „Kluger“ ist, nichts anderes tun kann, wenn er sich „treu“ bleiben will, als ausrufen: „Wozu das Ende Rußlands noch bedauern!“ Und diese lieben Gedanken unserer Klugen sind bereits durch ganz Europa geflattert, besonders mit Hilfe der europäischen Korrespondenten, die schwarmweis seit dem Ausbruch des Krieges zu uns kommen, um uns an Ort und Stelle zu studieren, uns mit ihren europäischen Äuglein zu durchschauen und unsere Kräfte mit ihrem europäischen Zentimetermaß zu messen. Selbstverständlich haben sie nur unsere „Klugen, Allwissenden und Vernünftigen“ angehört. Die Volkskraft und der Volksgeist sind ihnen allen entgangen. Und so ist denn auch schon die Nachricht, daß Rußland untergeht, daß es nichts ist, nichts war und nichts werden wird, nach Europa telegraphiert worden. Als diese erste Botschaft noch vor dem Kriege hinauszog, da erbebten die Herzen unserer uralten Feinde und Neider, denen wir schon zwei Jahrhunderte lang Verdruß bereiten, vor Freude, und mit ihnen frohlockten die Herzen vieler Tausende europäischer Juden und die Herzen vieler Millionen verjudeter „Christen“. Es freute sich auch das Herz Beaconsfields: ihm ward gesagt, Rußland werde eher alles ertragen, alles, bis zur beleidigendsten letzten Ohrfeige, als daß es einen Krieg begönne – dermaßen groß, hieß es, sei seine „Friedensliebe“. Gott jedoch schützte uns und schlug sie alle mit Blindheit. Da sie fest an den Untergang und die Nichtigkeit Rußlands glaubten, konnte ihnen das Wichtigste entgehen: sie übersahen das ganze russische Volk als lebendige Kraft und übersahen die kolossale Tatsache: das Einssein des Zaren mit seinem Volke! Ja, nur das ist ihnen entgangen! Außerdem konnten sie unmöglich begreifen und glauben, daß unser Zar wirklich friedliebend sei und wirklich nicht Menschenblut vergießen wolle; sie dachten, all das werde bei uns nur „aus Politik“ gesagt. Und sogar jetzt noch sehen sie nichts von alledem: sie schreiben, daß bei uns plötzlich nach dem Manifest des Zaren der „Patriotismus“ ausgebrochen sei. Ist denn das Patriotismus, ist denn diese Verbindung des Zaren mit dem Volk für die große Sache etwa nur Patriotismus? Darin besteht ja unser Talisman, daß sie nichts von Rußland verstehen, nichts in Rußland sehen! Sie wissen nicht, daß wir durch nichts in der Welt besiegt werden können, daß wir meinetwegen Schlachten verlieren können, doch nichtsdestoweniger unbesiegbar bleiben, gerade durch die Einheit des Volksgeistes in dem Bewußtsein: daß wir nicht Frankreich sind, das ganz in Paris liegt, daß wir nicht Europa sind, das ganz von den Börsen seiner Bourgeosie abhängt und von der „Ruhe“ seiner Proletarier, die bereits durch die letzten Anstrengungen der dortigen Regierungen erkauft wird – nur auf eine Stunde. Sie begreifen es nicht und wissen es nicht, daß, wenn wir wollen, uns alle Juden der Welt zusammengenommen nicht werden besiegen können, nicht die Millionen ihres Goldes, nicht die Millionen ihrer Armeen; daß, wenn wir wollen, man uns nicht wird zwingen können, etwas gegen unseren Willen zu tun, daß es keine einzige irdische Macht gibt, die dazu fähig wäre! Das Unglück ist nur, daß man über diese Worte nicht nur in Europa lachen wird, sondern auch bei uns, und daß es hier nicht bloß unsere „Weisen“ tun werden, nein, auch die wirklichen Russen unserer intelligenten Schicht – dermaßen wenig kennen wir uns selbst und unsere Urkraft, die sich, Gott sei Dank, bis jetzt noch ungeschwächt erhalten hat. Die guten Leute begreifen es nicht, daß bei uns, in unserem unabsehbaren und eigenartigen, Europa im höchsten Grade ungleichen Lande sogar die Kriegstaktik – eine doch so allgemeine Sache! – der europäischen vielleicht ganz unähnlich ist; daß die Grundlagen der europäischen Taktik – Geld und wissenschaftliche Organisation militärischer Einfälle in unser Land – über dieses Land straucheln und hier bei uns auf eine neue, ihnen noch vollkommen unbekannte Kraft stoßen können, auf die Kraft, deren Wurzeln in der Natur des unabsehbaren Russenlandes und in der Natur des allvereinenden russischen Geistes liegen. Doch mögen es vorläufig auch noch so viele gute Leute bei uns nicht wissen – nicht wissen und sich ängstigen –; dafür wissen es unsere Zaren und fühlt es unser Volk. Alexander I. wußte um diese unsere eigenartige Kraft Bescheid, als er sagte, er werde sich einen langen Bart wachsen lassen und mit seinem Volke in die Wälder gehen, doch könne er nicht das Schwert niederlegen und sich dem Willen Napoleons fügen. An dieser Kraft wäre auch ganz Europa zerschellt; denn zu solch einem Kriege reicht weder sein Geld noch die Einheitlichkeit seiner Organisation aus. Wenn einst bei uns alle Russen wissen werden, daß wir so stark sind, dann werden wir es auch erreichen, daß wir nicht mehr Krieg zu führen brauchen; dann wird man an uns glauben und dann wird uns Europa zum erstenmal entdecken, so wie es einst Amerika entdeckte. Auf daß nun aber dies möglich werde, müssen wir uns selber, und zwar vor ihnen, entdecken, und muß unsere Intelligenz endlich begreifen, daß sie sich nicht mehr von unserem Volke absondern darf ...
Nicht immer ist der Krieg eine Geißel, zuweilen ist er sogar die einzige Rettung
Doch unsere „Klugen“ haben sich auch an die andere Seite der Sache gemacht: sie predigen Nächstenliebe und „Humanität“, sie trauern um vergossenes Blut und sind tief unglücklich, daß wir zu unserer Vertierung in den Krieg ziehen, uns somit noch weiter von dem inneren Fortschritt, dem richtigen Wege, der Wissenschaft entfernen. Ja, der Krieg ist schließlich ein Unglück, doch vieles ist auch kurzsichtig gesehen in diesem Urteil der „Humanen“; vor allem aber haben wir wirklich genug von ihren bourgeoisen Moralpredigten! Die Heldentat des Selbstopfers für all das, was wir heilig halten, ist doch wohl ethischer als der ganze bourgeoise Moralkatechismus. Der Aufschwung des Geistes der Nationen für eine hochherzige Idee – ist ein Schritt nach vorn, aber nicht „Vertierung“. Natürlich können wir uns ja irren in dem, was wir eine hochherzige Idee nennen; ist aber das, was wir heilig halten, schimpflich und lasterhaft, so werden wir der Strafe der Natur nicht entgehen: das Schimpfliche und Lasterhafte trägt seinen Tod in sich und richtet sich früher oder später doch selbst. Der Krieg, der zur Eroberung fremder Reichtümer geführt wird, auf Wunsch der unersättlichen Börse, – wenn er auch vielleicht im tiefsten Grunde auf dem allen Völkern gemeinsamen Gesetz der Ausbreitung ihrer nationalen Persönlichkeit beruhen mag, so gibt es doch eine Grenze, die bei dieser Ausbreitung nicht überschritten werden darf, über die hinaus jede Aneignung schon Überfluß ist –: solch ein Krieg zeugt bereits von der Dekadenz der Nation und kann ihr nur den Tod bringen. So würde England, wenn es in diesem Kriege für die Türken eintreten und aus Interesse für seine handelspolitischen Vorteile die Leiden gequälter Menschen ganz und gar vergessen wollte, zweifellos ein Schwert erheben, das früher oder später auf sein eigenes Haupt zurückfallen würde. Und umgekehrt: welch eine Tat könnte reiner und heiliger sein als dieser Krieg, den Rußland jetzt unternommen hat? Man wird vielleicht sagen: „Auch Rußland will sich doch in diesen Völkern, die es jetzt, nehmen wir an, aus tatsächlich uneigennützigen Gründen zu befreien und selbständig zu machen beabsichtigt, durch diese selbe Tat für die Zukunft Verbündete, d. h. also, eine neue Kraft erwerben; – das aber geschieht natürlich nach diesem selben Gesetz der Ausbreitung der nationalen Persönlichkeit, dem zufolge auch England zu erobern strebt. Da aber das Ziel des ‚Panslawismus‘ durch seine Kolossalität Europa fraglos schrecken kann, so hat Europa allein schon nach dem Gesetz des Selbsterhaltungstriebes das Recht, uns aufzuhalten, ganz so wie wir das Recht haben, vorwärts zu gehen, ohne uns durch seine Angst auch nur im geringsten aufhalten zu lassen, und uns in unserem Gang nur nach dem zu richten, was uns die eigene politische Umsicht und Klugheit rät. Auf diese Weise gibt es hierbei weder Heiliges noch Schmähliches, sondern nur einen ewigen, sagen wir, tierischen Instinkt der Völker, dem sich ausnahmslos alle noch ungenügend und unvernünftig entwickelten Nationen der Welt unterwerfen. Trotzdem aber müssen die erworbene Erkenntnis, die Wissenschaft und Menschlichkeit endlich einmal, sei es wann es sei, den ewigen tierischen Instinkt der unvernünftigen Nationen schwächen und in ihnen allen den Wunsch nach Frieden, nach allvolklicher Vereinigung und philanthropischem Fortschritt entfachen. Daraus folgt, daß man Frieden und nicht Blut verkünden muß.“
Heilige Worte! Im gegenwärtigen Augenblick jedoch kann man sie nicht gut auf Rußland anwenden, oder, um es besser auszudrücken –: in der jetzigen historischen Epoche ganz Europas stellt Rußland gewissermaßen eine Ausnahme dar. Sollte sich Rußland, das sich jetzt uneigennützig zur Errettung der geknechteten Völker gerüstet hat, späterhin auch durch dieselben verstärken, so würde es doch selbst dann ein Ausnahmebeispiel bleiben, was natürlich Europa, das Rußland nur nach sich beurteilt, vorläufig noch keineswegs für möglich hält. Rußland wird sich, selbst wenn es sich durch das Bündnis mit den von ihm befreiten Völkern ungemein verstärkt, doch nicht mit seinem Schwerte auf Europa stürzen, nichts von ihm verlangen, nichts von ihm fortnehmen, wie es umgekehrt Europa bestimmt tun würde, wenn es die Möglichkeit fände, sich wieder als Ganzes gegen Rußland zu vereinigen, und wie es in Europa alle Nationen von jeher tun – wenn sich nur eine Gelegenheit findet, sich auf Kosten der lieben Nachbarin zu verstärken. Das geschieht dort seit den ältesten Zeiten, und noch kürzlich ist es wieder geschehen: die gelehrteste, aufgeklärteste aller Nationen stürzte sich auf die andere, ebenso gelehrte und aufgeklärte Nation und packte sie wie ein grimmes Tiers, sog ihr das Blut aus, preßte ihre Kräfte in Gestalt von Milliarden heraus und hieb ihr eine ganze Seite – die beste – ab! Ist es wirklich noch Europas Schuld, wenn es nach alledem Rußlands Bestimmung nicht verstehen kann? Wie sollten sie, die Stolzen, Gelehrten, Starken, sich auch nur träumen lassen, daß Rußland vielleicht gerade zu ihrer Rettung bestimmt und geschaffen ist, und daß es vielleicht erst zum Schluß sein erlösendes Wort aussprechen wird! – Oh, wahrlich wahrlich, wir werden ihnen nichts wegnehmen! – Doch gerade durch den Umstand, daß wir uns so ungemein verstärken – und zwar durch eine Vereinigung in Liebe und Brüderlichkeit, und nicht durch Überfall, Eroberung und Gewalt – gerade durch diese Tatsache wird es uns endlich möglich sein, das Schwert ruhen zu lassen und in der Ruhe unserer Kraft das Beispiel des wahren Friedens zu geben, der internationalen Allvereinigung und Uneigennützigkeit. Wir werden die ersten sein, die der Welt kundtun, daß wir nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit uns fremder Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen, sondern, im Gegenteil, Letzteres nur in der freiesten und selbständigsten Entwicklung aller anderen Nationen sehen und in der brüderlichen Vereinigung mit ihnen, die einen die anderen ergänzend, indem wir uns ihre organischen Besonderheiten einimpfen und ihnen auch von uns Pfropfreiser geben, uns gegenseitig seelisch und geistig aufnehmen, von ihnen lernen und wiederum sie lehren – bis die Menschheit dereinst sich durch den universalen Umgang der Völker bis zur allgemeinen Einheit vervollständigen und wie ein großer prachtvoller Baum die glückliche Erde beschatten wird. Mögen sie doch lachen über diese „phantastischen“ Worte, unsere jetzigen Kosmopoliten und Selbstbespeier! Wir aber fühlen keine Schuld in uns, wenn wir mit unserem Volke, das daran glaubt, Hand in Hand gehen. Fragt doch das Volk, fragt die Soldaten: warum erheben sie sich, warum ziehen sie jetzt westwärts, und was ersehnen sie von diesem begonnenen Kriege? Alle werden sie wie aus einem Munde antworten, daß sie gehen, um Christus zu dienen, und um die bedrückten Brüder zu befreien, – und keiner ist unter ihnen, sage ich euch, der da an Eroberung dächte! Ja, jetzt, gerade in diesem Kriege werden wir den Europäern unsere ganze Idee der zukünftigen Bestimmung Rußlands in Europa beweisen, indem wir uns nach der Befreiung der slawischen Länder von ihnen keine Scholle aneignen – was Österreich bereits heute beabsichtigt, in Zukunft für sich zu tun –; sondern indem wir, im Gegenteil, nur über ihr gegenseitiges Einverständnis wachen und ihre Freiheit und Selbständigkeit, sollte es darauf ankommen, auch gegen ganz Europa verteidigen. Ist dem aber so, dann ist unsere Idee heilig und unser Krieg nicht „ewiger tierischer Instinkt unvernünftiger Nationen“, wohl aber der erste Schritt zur Verwirklichung jenes ewigen Friedens, an den zu glauben wir das große Glück haben, zur Verwirklichung der fürwahr internationalen Vereinigung und des wahrhaften Gedeihens! Also sage ich euch: nicht immer muß man den Frieden predigen, und nicht im Frieden allein liegt einzig die Erlösung – die kann zuweilen auch der Krieg bringen.