mit zwei leuchtenden Schwingen auf die Gipfel des Christentums.
„Der große östliche Adler, der viele Jahre schläft, und der besiegte“ (bezieht sich das nicht auf unseren Krieg mit Europa vor 22 Jahren?) „wird sich wieder erheben und die westlichen Bewohner im jungfräulichen Lande zittern machen,“ – sollte sich das nicht auf die Gegenwart anwenden lassen, natürlich wenn man von unseren europäisierenden „Weisen“ absieht, die immer noch gewissermaßen vor den Bewohnern des Westens Angst zu haben scheinen, im Widerspruch zu dieser Weissagung, und das in einer Zeit, in der sich der Adler „mit zwei leuchtenden Schwingen“ schon erhoben hat. Doch es sind ja nur die „Weisen“, die da zittern, nicht der Adler! Dann: „die Bewohner im jungfräulichen Lande“ könnte sich, wenn man an die heutigen Verhältnisse denkt, auf England beziehen. In dem Falle jedoch – warum das „jungfräuliche Land“? Im Jahre 1528 gab es noch keine Königin Elisabeth. Oder meint Lichtenberger mit dieser Allegorie vielleicht Großbritannien in dem Sinne, wie sich einst Napoleon über die europäischen Hauptstädte, in die er eingezogen war, geäußert: „Eine Residenz, die sich vom Feinde hat einnehmen lassen, gleicht einer Jungfrau, die ihre Jungfräulichkeit verloren hat“ –? Doch der Adler wird nach der Weissagung auch andere „stolze Gipfel zittern machen“, wird „gegen Süden fliegen, um das Verlorene wieder zu nehmen“, und – was am auffallendsten ist – „mit der Liebe der Barmherzigkeit wird Gott den östlichen Adler entflammen“. Nun, dieses könnte schon stimmen. Hat sich nicht unser Adler aus Barmherzigkeit für die Unterdrückten und Gequälten erhoben? War es nicht die christliche Liebe, die unser Volk zur „schweren Tat“ zog, im vorigen wie in diesem Jahre? Wer will das leugnen? Diese Bauern, diese Soldaten aus diesem unserem Volke, das die „Gebete nicht auswendig kann“, haben einstweilen in der Krim, vor Sebastopol, zuerst die verwundeten Franzosen aufgehoben und zum Verbandsplatz getragen, und dann erst die Russen: „Lassen wir die noch etwas liegen: einen Russen wird jeder aufheben, aber solch ein armes Französchen ist hier doch ganz fremd und allein, für ihn muß man zuerst sorgen.“ Ist nicht Christi Geist in diesen gutmütig gesagten Worten? Ist nicht die Seele Christi in unserem Volke – in dem „dunklen“, doch guten, unwissenden, aber niemals barbarischen Volke? Ja, Christus ist seine Kraft, ist unsere russische Kraft, jetzt, da der Adler gegen Süden fliegt! Was bedeutet da irgendeine Anekdote von den Sebastopoler Soldaten gegenüber den Tausenden von Beweisen des christlichen Geistes und der „barmherzigen Liebe“, die in unserer Zeit offenbar geworden sind, wenn auch die „Weisen“ sich immer noch aus allen Kräften bemühen, den Gedanken zu unterdrücken und die Tatsache zu begraben, daß unser Volk mit Herz und Geist an dem heutigen Schicksal Rußlands und des Balkans Anteil nimmt? Ihr „Gebildeten“, weist nicht auf die „Roheit und Stumpfheit“ des Volkes hin, auf seine Unwissenheit und Rückständigkeit, bei der es, wie es heißt, unmöglich begreifen könne, was jetzt vor sich geht. Seid überzeugt, das Wesen der Sache versteht es vorzüglich – schon seit vier Jahrhunderten. Nur die jetzigen Diplomaten würde es nicht verstehen, wenn es sie kennen lernte; doch wer kann denn diese überhaupt verstehen? Ja, unser großes Volk ist wie ein Tier auferzogen worden, hat Qualen seit seinem ersten Tage und die ganzen tausend Jahre seiner Geschichte erduldet, Marter, wie sie kein einziges Volk der Welt ertragen hätte, sondern unter ihnen zerfallen und vergangen wäre. Unser Volk aber ist in ihnen nur stärker und fester geworden. So werft ihm doch, meine Herren Gelehrten, nicht „Roheit und Unwissenheit“ vor; denn ihr, gerade ihr habt für euer Volk nichts getan. Ihr habt es vor zweihundert Jahren verlassen und euch von ihm endgültig getrennt, habt es in zinspflichtige Nummern verwandelt, in eine für euch arbeitende Maschine; und so ist es aufgewachsen, meine europäisch gebildeten Herren, von euch vergessen und verstoßen, von euch wie ein Tier in seine Höhle verjagt. Doch mit ihm war Christus und mit dem allein hat es bis zu dem großen Tage gelebt, da vor zwanzig Jahren der nordische Adler sich erhob und seine Flügel ausbreitete und es segnete. Ja, es ist viel Roheit in unserem Volke, doch weist nicht auf sie hin! Diese Roheit – das ist der Schlamm der dunklen Jahrhunderte, von dem die Zeit das Volk befreien wird. Doch nicht das ist schlimm, daß noch Roheit vorhanden ist, schlimm ist es, wenn Roheit für Tugend angesehen wird. Ich habe Verbrecher gesehen, die viel Tierisches getan und mit ihrem verderbten, geschwächten Willen tiefer als tief gesunken waren; doch selbst diese Tiere wußten wenigstens von sich, daß sie Tiere waren, sie fühlten, wie tief sie gesunken, und in reinen, hellen Augenblicken, die Gott auch solchen „Tieren“ schickt, verstanden sie, sich selber zu verurteilen, wenn sie auch oftmals nicht mehr die Kraft hatten, sich wieder aufzurichten. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn die Roheit wie ein Idol über alles erhoben wird und die Menschen es anbeten und gerade deswegen glauben, Helden zu sein. Der Earl of Beaconsfield und nach ihm alle anderen russischen wie europäischen Beaconsfields halten sich die Ohren zu und schließen die Augen, um nicht die Marter zu sehen, die man ganzen Völkern auflegt, und verraten Christus aus Liebe zu den „Interessen der Zivilisation“, und weil die Gemarterten Slawen sind, also etwas Neues in sich tragen und man sie folglich mit der Wurzel ausrotten muß – und das gleichfalls für die Interessen der alten angefaulten Zivilisation! Das ist meiner Meinung nach Roheit, bloß gebildete und zur Tugend erhobene. Und vor diesem Idol beugt man sich nicht nur im Westen, sondern auch in Rußland! Und der „allerheiligste Papst, der unfehlbare Stellvertreter Gottes“, – hat der nicht in seinen letzten Tagen noch den Türken, den Quälern der Christenheit, Sieg gewünscht über die Russen, die im Namen Christi für die Christenheit auszogen? – Und warum? Weil nach seiner „unfehlbaren“ Definition die Türken immerhin besser seien als die russischen Ketzer, die den Papst nicht anerkennen! Ist das nicht Roheit, ist das etwa nicht barbarisch? Die Weissagung Johannes Lichtenbergers scheint sich wirklich auf unsere Zeit zu beziehen. Und ist nicht einer der „stolzen Gipfel“ – der Papst? Übrigens, was mag Lichtenberger mit diesen Worten gemeint haben: „Hierauf wird ein anderer Adler kommen, der im Schoße der Braut Christi Feuer erwecken wird, und es werden drei Uneheliche sein und ein Rechtmäßiger, der die anderen verschlingen wird“? In der religiösen, mystischen Sprache hat man unter der „Braut Christi“ immer die „Kirche“ im allgemeinen verstanden. Was oder wer sind nun die drei Illegitimen und der eine Legitime? Man könnte annehmen, hiermit seien die drei verschiedenen Kirchen gemeint: die katholische, die protestantische und ... welche ist nun die dritte illegitime? Und welche dann die legitime?
Doch das ist ja nur eine mystische Allegorie. Jenes Buch ist im Jahre 1528 geschrieben und gedruckt, was immerhin sehr beachtenswert ist: in jener Zeit sind wahrscheinlich des öfteren solche Bücher entstanden. Obgleich die Zeit den Stürmen der großen protestantischen Reformation voranging, gab es doch schon viele Protestanten, Reformatoren und Propheten. Bekannt ist auch, daß später, besonders unter protestantischem Kriegsvolk, verzückte „Propheten“ sich erhoben und geweissagt haben. Diesen lateinischen Auszug aus dem alten Buch habe ich nicht etwa als Wunder angeführt, sondern weil diese Weissagung doch eine merkwürdige Tatsache bleibt. Und überhaupt: sind es denn nur die Wunder allein, die ein Wunder sind? Das größte Wunder ist häufig das, was in der Wirklichkeit geschieht. Wir sehen die Wirklichkeit immer nur so, wie wir sie sehen wollen, wie wir sie uns selbst voreingenommen, vorurteilsvoll erklären. Sehen wir aber dann plötzlich in dem Sichtbaren nicht das, was wir sehen wollten, sondern das, was in Wirklichkeit ist, so halten wir es sofort für ein Wunder. Oh, das geschieht keineswegs selten! Bisweilen aber, wahrlich glauben wir eher an Wunder und Unmöglichkeiten als an die Wirklichkeit, an die wir nicht glauben wollen. Und so ist es immer in der Welt gewesen, darin besteht ja die ganze Geschichte der Menschheit.
Lüge sucht sich durch Lüge zu erhalten
Don Quijote
Als Don Quijote, der allbekannte Ritter von der traurigen Gestalt, der hochherzigste aller Edlen, die je in der Welt gelebt, sich einst mit seinem treuen Waffenträger Sancho auf der Jagd nach Abenteuern herumtrieb, ward er plötzlich von einem Zweifel angefochten, der ihn zwang, lange und tief nachzudenken.[47] Es kam ihm plötzlich in den Sinn, daß schon seit Adam de la Halle die alten Ritter, deren Lebensgeschichten in den wahrheitsgetreuesten Büchern bis auf den heutigen Tag erhalten sind – in den sogenannten Ritterromanen, zu deren Erwerb Don Quijote sich nicht scheute, einige der besten Landstücke seines sowieso nicht großen Besitztums zu verkaufen –, daß häufig diese Ritter während ihrer ruhmreichen und aller Welt Nutzen bringenden Streifzüge plötzlich ganze Heere von nicht weniger als hunderttausend Kriegern antrafen! Diese furchtbaren Heere wurden ihnen gewöhnlich von irgendeiner feindlichen Macht auf den Hals geschickt, oder auch von bösen, neidischen Zauberern, die alles mögliche ersannen, um sie zu verhindern, ihr großes Ziel zu erreichen und dann endlich zu ihren holden Damen heimkehren zu können. Gewöhnlich geschah es dann, daß der Ritter, wenn er so einem ungeheuerlichen feindlichen Heere begegnete, sein Schwert zog, noch schnell zu seinem Schutz den Namen seiner Dame anrief, sich darauf allein, wie er war, auf die hunderttausend Feinde stürzte und sie natürlich alle bis auf den letzten niederhieb. Man sollte meinen, daß diese Tatsache keinem Zweifel unterliegt. Doch Don Quijote verfiel darob plötzlich in tiefes Nachdenken. Und worüber denn eigentlich? Ja, es schien ihm mit einem Male unmöglich, daß ein einziger Ritter, wie stark er auch sei, und selbst wenn er mit einem siegbringenden Schwerte vierundzwanzig Stunden lang ohne jegliche Ermüdung um sich schlüge, hunderttausend Feinde töten könnte, und zwar – in einer einzigen Schlacht! Um einen Menschen zu töten, braucht man immerhin etwas Zeit; um hunderttausend Menschen zu töten, braucht man ungeheuer viel Zeit, und wie man da auch mit dem Schwerte fuchteln wollte, – in irgendwelchen fünf, sechs Stunden und ohne jede Ruhepause könnte das ein einzelner denn doch nicht fertigbringen, meinte weise Don Quijote. Nun aber steht es in diesen wahrheitsgetreuesten Büchern ausdrücklich, daß die Sache gerade in einer einzigen Schlacht geschah. Wie war das möglich?
„Ich habe dieses Rätsel gelöst, mein Freund Sancho,“ sagte endlich Don Quijote. „Da alle diese Riesen, alle diese bösen Zauberer unreine Mächte waren, so waren ihre Heere gleichfalls von dieser unreinen Art. Ich nehme an, daß sie nicht aus ganz solchen Menschen wie wir zum Beispiel bestanden. Jene Menschen wurden durch Zauberei hervorgerufen, also waren aller Wahrscheinlichkeit nach auch ihre Leiber nicht den unsrigen ähnlich, sondern eher denen der ... sagen wir, Mollusken, Weichtiere, Würmer, Spinnen. Auf diese Weise konnte ein festes, scharfes Schwert, von mächtiger Ritterhand geführt, alle diese Leiber in einem Augenblick durchschlagen, fast ohne Widerstand zu finden, – es ging wie durch die Luft! So konnte es denn tatsächlich mit einem Hieb durch drei oder vier Leiber gehen, ja sogar durch zehn, wenn sie eng beieinander standen. Jetzt erst wird es einem klar, wie sich die Sache für den Ritter so ungemein vereinfachte, daß er wirklich in wenigen Stunden ganze Heere dieser bösen Araber und anderer Ungeheuer vernichten konnte ...“
Hiemit hat der große Dichter und Menschenkenner eine der tiefsten, geheimnisvollsten Saiten des Menschenherzens berührt. Oh, das ist ein großes Buch: es gehört zu den ewigen, zu denen, die der Menschheit nur in langen Abständen geschenkt werden. Und solche Beobachtungen des Tiefsten in unserer menschlichen Natur findet man in diesem Buch auf jeder Seite. Schon der eine Umstand, daß dieser Sancho, diese Verkörperung der gesunden Vernunft, der Schlauheit und der goldenen Mitte, des allerwahnsinnigsten Menschen Freund und Reisegefährte wurde, gerade er und kein anderer! Die ganze Zeit über betrügt er ihn wie ein kleines Kind, und doch ist er unerschütterlich von seines Herrn großem Verstande überzeugt, ist er bis zur Rührung von dessen Herzensgröße bezaubert, glaubt er felsenfest an alle phantastischen Träume des Ritters, und kein einziges Mal bezweifelt er, daß dieser ihm endlich doch noch eine Insel erobern werde! Wie wünschenswert wäre es, daß unsere Jugend dieses große Werk kennen lernte. Ich weiß zwar nicht, was man jetzt in den Schulen von der Literatur durchnimmt; doch weiß ich, daß dieses größte und traurigste aller Bücher, die vom Genie des Menschen geschaffen worden sind, die Seele gar manches Jünglings durch einen großen Gedanken erhöhen würde, in sein Herz die Keime großer Fragen säen und seinen Geist von der ewigen Anbetung des dummen Idols der Mittelmäßigkeit, der selbstzufriedenen Eigenliebe und der gemeinen „Lebensweisheit“ ablenken könnte.
Dieses traurigste der Bücher wird der Mensch nicht vergessen, zum letzten Gericht Gottes mit sich zu nehmen. Er wird auf das im Buche enthaltene tiefste, unheilvollste Geheimnis des Menschen und der Menschheit hinweisen: daß die größte Schönheit des Menschen, seine höchste Reinheit, Keuschheit, Treuherzigkeit, sein ganzer Mut und endlich sein größter Verstand – leider nur zu oft ohne Nutzen für die Menschheit vergehen und sich sogar in einen Gegenstand des Spottes verwandeln, nur weil dem Menschen, dem diese reichen Gaben so häufig zuteil werden, bloß die eine letzte Gabe fehlt: das Genie, den Reichtum und die Macht dieser Gaben zu beherrschen, zu lenken und sie – das ist das Wichtigste – nicht auf den phantastischen, wahnsinnigen, sondern auf den richtigen Weg zu leiten, sie zum Heile der Menschheit zu gebrauchen. Doch leider wird den Rassen und Völkern so wenig, so selten Genie geschenkt, daß wir häufig das Schauspiel dieser Schicksalsironie sehen müssen: wie die Tätigkeit der edelsten und glühendsten Menschheitsfreunde – dem Spottgelächter und der Steinigung preisgegeben wird, weil sie es in der Schicksalsstunde nicht verstehen, in den wahren Sinn der Dinge einzudringen und ihr neues Wort zu finden. Dieses Schauspiel aber des zwecklosen Unterganges so großer, edler Kräfte kann in der Tat gar manchen Menschenfreund zur Verzweiflung bringen, in ihm nicht mehr Gelächter, wohl aber heiße Tränen hervorrufen, und sein bis dahin gläubiges Herz auf ewig mit Zweifeln vergiften ...
Übrigens habe ich ja nur auf einen einzigen Charakterzug Don Quijotes hinweisen wollen, auf eine der unzähligen tiefen Beobachtungen, die Cervantes am Menschenherzen gemacht und so meisterhaft dargestellt hat.