Zum letztenmal noch eine „Prophezeiung“. Man sagt: „Die Mehrzahl der europäischen Mächte wird es nicht erlauben.“ Aber aus welchen Reichen besteht denn jetzt diese „Mehrzahl der europäischen Mächte“? Ich wiederhole hier schon einmal von mir Gesagtes: „Europa verändert sich von Stunde zu Stunde: was noch vor einem halben Jahr war, wird vielleicht in drei Monaten nicht mehr sein!“ Wir befinden uns am Vorabend der allergrößten und erschütterndsten Ereignisse und Umwälzungen in Europa. Augenblicklich, also jetzt im November, besteht „diese Mehrzahl der europäischen Mächte“, die uns beim Friedensschluß ihr drohendes Veto entgegenstellen könnten, nur aus England und kaum noch aus Österreich, obgleich England alles tut, um Österreich zu einem Bündnis gegen uns zu zwingen und nebenbei noch eines mit Frankreich zu schließen. Doch wir werden nicht allein sein: soviel ist jetzt schon klar. In Europa gibt es ja noch Deutschland, und Deutschland wird zu uns halten.

Europa stehen große Umwälzungen so sonderbarer Art bevor, daß der Verstand des Menschen sich sträubt, an sie zu glauben, und ihre Verwirklichung für unmöglich hält, weil sie ihm viel zu phantastisch erscheinen. Doch vieles, was man in diesem Sommer noch für phantastisch, unmöglich und für übertrieben hielt, ereignete sich zu Ende des Jahres in Europa buchstäblich, und die Meinung, zum Beispiel, daß die katholische Verschwörung eine Macht habe – eine Meinung, über die alle noch im Sommer zu lachen bereit waren, oder im äußersten Falle zog man es vor, sich einer Kritik über sie zu enthalten – wird jetzt von allen geteilt und durch Tatsachen als keineswegs übertrieben bestätigt. Ich erwähne dies nur, damit die Leser auch meiner jetzigen „Prophezeiung“ mehr Glauben schenken und sie nicht für ein phantastisches und übertriebenes Hirngespinst erklären.

Der einzige Politiker Europas, der mit seinem genialen Blick bis in die Tiefe der Erscheinungen dringt, ist – Fürst Bismarck. Den schrecklichsten Feind Deutschlands, seiner Einheit und seiner erneuten Zukunft hat er schon vor langer Zeit, früher als alle anderen erkannt: im römischen Katholizismus und in dem vom Katholizismus erzeugten Ungeheuer – dem Sozialismus. Deutschland ist durchsetzt von Sozialismus. Bismarck hält es für unumgänglich nötig, dem Katholizismus im Augenblick der Wahl des neuen Papstes den Todesstoß zu versetzen. Oh, er weiß, daß er den Papst nicht endgültig wird vernichten können, und daß er ihn höchstens in eine neue Phase des Kampfes drängen wird. Denn der Kampf des Katholizismus wird so lange fortdauern, wie Frankreich lebt. Solange Frankreich noch lebt, hat der Katholizismus ein starkes Schwert in der Hand und die Möglichkeit, eine europäische Koalition gegen Deutschland zustande zu bringen. Was Frankreich anbetrifft, so ist dieses Land in den Augen des Fürsten Bismarck freilich schon seinem Schicksal verfallen. Für Bismarck gibt es jetzt nur noch eine Frage: Frankreich – oder Deutschland? Fällt aber Frankreich, so tritt der Katholizismus zusammen mit dem Sozialismus in eine neue Phase seines Daseins. Während nun die europäischen Politiker den sich hinziehenden Kampf Mac-Mahons mit den Republikanern verfolgen und von ganzem Herzen den Republikanern den Sieg wünschen, da sie glauben, die Republik sei in Frankreich eine volkliche Regierung und fähig, Frankreich zu einigen, – weiß Fürst Bismarck, daß Frankreich seine Zeit bereits überlebt hat und die französische Nation innerlich auf ewig zerstückt ist, daß es in ihr niemals mehr eine alle vereinende, starke und gesunde nationale Regierung geben wird. Nun könnte allein schon diese Schwäche Frankreichs in Deutschland große Hoffnungen erwecken; doch Fürst Bismarck weiß, ich wiederhole es: solange Frankreich lebt, wird auch der römische Katholizismus noch lebendig sein, – ganz abgesehen davon, daß der Katholizismus noch einmal, und wenn auch nur auf kurze Zeit, wenn auch nur außenpolitisch, diesem zersetzten Lande als vereinigende Idee dienen kann. Denn anders kann es ja gar nicht kommen: früher oder später wird Frankreich – selbst wenn es Republik bleiben sollte – sein Schwert doch für den Papst und den Katholizismus ziehen. Die Republikaner werden es noch selbst einsehen, daß ihre Stellung in Frankreich unhaltbar werden würde, wenn sie den Papst und den Katholizismus fallen ließen. Oder vielleicht werden sie zu dieser Einsicht nicht fähig sein und so bis zu ihrem Ende die Protégés des Fürsten Bismarck bleiben, – Protégés, die er im geheimen schon zum Tode verurteilt hat, obschon sie immer noch den Anspruch auf die Fähigkeit haben, Frankreich von neuem zu einem festen Ganzen zu vereinigen. Ja, die französischen Republikaner sind nicht nur Bismarcks Schützlinge, sondern auch Deutschlands Sklaven, die ganz Frankreich an Deutschland nicht bloß zu politischer, sondern auch zu innerer, geistiger Sklaverei ausliefern, und zwar tun sie dies, indem sie Frankreich gerade seiner selbständigsten politischen und historischen Idee berauben, wenn sie ihrem Vaterlande jene Fahne aus der Hand reißen, die es so viele Jahrhunderte hindurch als Vertreter des romanischen Elements in der europäischen Menschheit hochgehalten hat. Dafür aber werden sich diejenigen, welche die unbegabten, unnützen Republikaner gerade deswegen stürzen wollen, unbedingt sofort bemühen – Bismarck weiß das bereits –, zum letztenmal die katholische Fahne gegen Deutschland zu erheben, die Fahne, an die Frankreich nicht mehr glaubt, die fast schon von der ganzen Nation verneint wird, doch den Franzosen politisch noch zum letzten Vereinungs- und Stützpunkt dienen kann gegen den verhängnisvollen (und gleichfalls letzten) Angriff des protestantischen Deutschland, das ewig gegen die vom alten Rom geerbten Grundsätze der ganzen westlichen Hälfte der europäischen Menschheit protestiert und protestieren wird.

Deshalb aber hat Fürst Bismarck Frankreichs Schicksal wahrscheinlich schon bestimmt. Das Schicksal Polens erwartet auch Frankreich, und politisch wird es tot sein oder Deutschland müßte aufhören zu sein. Wenn Bismarck das erreicht haben wird, dann wird er auch den kämpfenden römischen Katholizismus – der bestimmt bis zum Ende der Welt kämpfen wird – zwingen, in eine neue Phase des Daseins und des Kampfes um das Dasein einzutreten, – in die Phase des unterirdischen, reptilhaften Verschwörerkrieges. Bismarck aber erwartet ihn schon in dieser neuen Phase. Und je früher dies geschehen wird, desto besser für ihn, denn hier erwartet er bereits die Vereinigung beider Feinde Deutschlands und der Menschheit, die Vereinigung des Katholizismus mit dem Sozialismus, und hofft, sie gerade so leichter vernichten zu können, beide auf einmal ...

Man muß den Augenblick benutzen. Diese Vereinigung der beiden Feinde wird zweifellos stattfinden, sobald Frankreich politisch gefallen ist, denn diese beiden Feinde haben in Frankreich immer einen organischen Zusammenhang gehabt. Der Katholizismus war fast bis zur jüngsten Zeit Frankreichs vereinigende und wesentlichste Idee. Und aus ihr heraus ist in Frankreich der Sozialismus entstanden. So hofft denn Fürst Bismarck, auch dem Sozialismus einen starken Schlag zu versetzen, wenn er Frankreichs politisches Leben vernichtet. Der Sozialismus aber als Fortsetzung des Katholizismus und als Ausdruck Frankreichs – ist für den echten Germanen das Verhaßteste von allem Verhaßten, und so ist es wohl verzeihlich, daß die führenden Männer Deutschlands glauben, leicht mit ihm fertig werden zu können, wenn sie Frankreich als seine Quelle und Basis politisch vernichten. Doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird etwas ganz anderes geschehen, wenn Frankreich politisch fällt. Der Katholizismus, der mit dem Sturze Frankreichs sein Schwert verliert, wird sich dann zum erstenmal an das von ihm so lange verachtete Volk wenden. Früher hatte er noch die Könige und Kaiser dieser Welt, jetzt jedoch hat er niemanden mehr, außer dem Volk. Und so wird er sich denn an die beweglichsten, unruhigsten Elemente desselben wenden – an die Sozialisten. Dem Volke wird Rom sagen, daß alles, was die Sozialisten den Menschen verkünden, schon von Christus gepredigt worden sei. Noch einmal wird Rom Christus entstellen und diesmal an das Volk verkaufen, so wie es ihn früher schon so oft für weltliche Herrschaft verkauft hat, wie z. B. damals, als es für das Recht der Inquisition eintrat. Vergessen wir nicht, daß diese Inquisition die Menschen für ihre Gewissensfreiheit im Namen Christi folterte, – Christi, dem nur ein freiwilliger Jünger lieb war, nicht aber ein abgekaufter oder durch Furcht gezwungener. Und der Katholizismus verkaufte Christus, als er die Jesuiten segnete und ihren Wahlspruch „Der Zweck heiligt das Mittel“ guthieß. Die ganze christliche Lehre hat er ja nur zum Erwerb irdischen Gutes und zur Erlangung der erträumten Herrschaft über die ganze Welt benutzt. Als die katholische Menschheit sich von jenem Ungeheuer, als das ihnen Christus zu guter Letzt gezeigt wurde, abwandte, da tauchen denn – nach einer Reihe von Jahrhunderten der Proteste und Reformationen – zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts Versuche auf, sich ohne Gott und Christus einzurichten. Doch ohne den Instinkt der Bienen und Ameisen zu haben, die sich fehlerlos ihre Stöcke und Ameisenhaufen schaffen, wollten auch die Menschen sich in der Art der Ameisen von neuem einrichten. Sie verstießen die von Gott herkommende und durch die Offenbarung dem Menschen verkündete einzige Formel seiner Rettung: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst“, und ersetzten sie durch praktische Folgerungen von der Art des „Chacun pour soi et Dieu pour tous“, oder durch wissenschaftliche Axiome von der Art des „Kampf ums Dasein“. Da die Menschen den Instinkt der Tiere, der diese lehrt, ihren Staat fehlerlos einzurichten, nicht haben, verließen sie sich stolz auf die Wissenschaft, – wobei sie natürlich ganz vergaßen, daß die Wissenschaft einer solchen Tat, wie es die Schaffung der Gleichheit wäre, noch längst nicht gewachsen ist, ja, im Verhältnis zu ihr gleichsam noch in den Windeln liegt. Man baute Luftschlösser. Der zukünftige Turm von Babel wurde einerseits zum Ideal und andererseits zum Schreckgespenst der Menschheit. Doch nach den Träumern kamen bald andere Lehrer, die einfach und allen verständlich ungefähr folgendes predigten: „Zuerst die Reichen plündern, die Welt mit Blut überschwemmen, dann aber wird alles schon von selbst irgendwie von neuem entstehen!“ Schließlich ging man noch weiter: es kam die Lehre vom Anarchismus. Wenn dieser sich einmal verwirklichen könnte, dann würde bestimmt wieder eine Periode der Menschenfresserei eintreten, und die Menschen wären gezwungen, alles von neuem zu beginnen, wie vor zehntausend Jahren. Der Katholizismus begreift das alles vorzüglich und wird es verstehen, die Führer des unterirdischen Kampfes für sich zu gewinnen. Er wird ihnen sagen: „Ihr habt kein Zentrum, keine Ordnung in der Führung eurer Sache, ihr seid eine über die ganze Welt verbreitete, aber zerstückelte Kraft und seid jetzt durch den Fall Frankreichs sogar völlig haltlos. Ich werde euch vereinigen und euch auch alle diejenigen noch zuführen, die an mich glauben.“ Wie es auch kommen mag: eine Einigung wird jedenfalls stattfinden. Der Katholizismus will nicht sterben; eine soziale Revolution jedoch, eine neue soziale Periode, stehen Europa sicher bevor: diese zwei, wenn auch verschiedenen, Kräfte werden sich unbedingt vereinigen, die zwei Strömungen werden ineinanderfließen müssen. Selbstverständlich wäre für den Katholizismus Zerstörung, Blutvergießen, Plünderung, ja selbst die Menschenfresserei sehr vorteilhaft. Kann er doch hoffen, gerade dann im trüben Wasser noch einmal seinen Fisch zu fangen: im rechten Augenblick, wenn die gequälte Menschheit sich ihm wieder in die Arme wirft, von neuem der „unumschränkte Alleinherrscher und die einzige Autorität dieser Welt“ zu werden und somit endgültig sein Ziel zu erreichen. Dieses Zukunftsbild ist leider – keine Phantasie. Ich bin fest überzeugt, daß es im Westen schon von vielen gesehen wird, und wahrscheinlich sieht man es auch in Deutschland. Doch die Führer des deutschen Volkes täuschen sich bloß in einem: in der Leichtigkeit, die beiden furchtbaren und dann bereits vereinten Feinde zu besiegen. Sie hoffen auf die Kraft des erneuten Deutschland, auf seinen protestantischen, gegen das alte und neue Rom, gegen Roms Grundsätze und deren Folgen protestierenden Geist. Doch nicht sie werden das Ungeheuer zum Stehen bringen: stellen und besiegen wird es nur der wiedervereinte Osten durch das neue Wort, das er der Menschheit bringen wird.

In jedem Fall aber ist eines klar: Deutschland hat uns sogar weit nötiger, als wir denken. Denn Deutschland braucht uns nicht zu einem zeitweiligen politischen, sondern zu einem ewigen Bündnis. Die Idee des wiedervereinten Deutschland ist groß und stolz und reicht hinab bis in die Tiefe der Jahrhunderte. Doch was will denn Deutschland mit uns teilen? Die ganze westliche Menschheit ist sein Objekt, die ganze westliche Welt Europas hat es für sich bestimmt: statt der römischen und romanischen Idee soll hier die germanische die Führung übernehmen. Uns aber, Rußland, überläßt es den Osten. Zwei großen Völkern, uns und ihm, ist es bestimmt, das Angesicht der ganzen Welt zu verändern. Das ist kein menschliches Hirngespinst, das ist kein menschlicher Ehrgeiz, der sich das erdacht: so setzt sich die Welt selbst auseinander. Neue und sonderbare Fakta tauchen auf und bestätigen es von Tag zu Tag. Als man bei uns vom Besitze Konstantinopels noch nicht einmal zu träumen wagte, sprachen die deutschen Zeitungen von der Besetzung Konstantinopels durch uns Russen schon wie von einer ganz selbstverständlichen Sache. Das ist beinahe sonderbar im Vergleich zu den früheren Beziehungen Deutschlands zu uns. Man kann annehmen, daß die Freundschaft Rußlands zu Deutschland aufrichtig und stark ist, und daß diese Freundschaft mehr und mehr im Volksbewußtsein beider Nationen erstarken wird. Infolgedessen aber ist für Rußland noch keine Zeit zur endgültigen Entscheidung der Orientfrage so günstig gewesen wie gerade die gegenwärtige. In Deutschland wartet man auf die Beendung des Krieges vielleicht noch ungeduldiger als bei uns. Und doch kann man jetzt noch nichts voraussagen, und wäre es auch nur auf drei Monate. Werden wir den Krieg noch vor den letzten und schicksalsschweren Umwälzungen in Europa beenden? Alles dies ist noch ungewiß. Doch ob wir Deutschland noch werden zu Hilfe eilen können oder nicht, jedenfalls rechnet Deutschland auf uns nicht als zeitweiligen, sondern als ewigen Bundesgenossen. Was aber die Gegenwart anbetrifft, so kann man nur sagen, daß der Schlüssel zur Katastrophe in Frankreich und in der Wahl des neuen Papstes liegt. So kann denn der jetzt schon so gut wie sichere Zusammenstoß Deutschlands mit Frankreich bald erfolgen, besonders da England sich die größte Mühe gibt, sie aufeinander zu hetzen, und dann auch Österreich das Seine dazu beitragen wird ...

Auf jeden Fall muß Rußland diesen günstigen Augenblick benutzen, denn wir wissen nicht, wie lange er noch währen wird. Solange die jetzigen großen Führer Deutschlands noch am Ruder sind, ist die Zeit für uns wahrscheinlich am günstigsten ...

Vierter Teil.
Asien

Die Asienfrage

Was ist Asien für uns?