Was man jetzt über den Frieden spricht.
Muß Konstantinopel Rußland gehören, und ist das überhaupt möglich? Verschiedene Meinungen

Vor einiger Zeit fing man bei uns an, über die baldige Beendigung des Krieges zu sprechen, und heute spricht bereits alle Welt von möglichen und unmöglichen Friedensbedingungen. Es freut mich sehr, daß große politische Zeitungen Rußlands unsere Mühen und Opfer hochschätzen und Friedensbedingungen vorschlagen, die diesen gebrachten Opfern angemessen sind. Auch ist es beruhigend zu hören, daß die Mehrzahl der Urteile die selbständige Entscheidung Rußlands beim Friedensschluß verlangt, das Recht, einen persönlichen, separaten Frieden zu schließen, ohne Europa herbeizurufen, und wenn möglich, ohne sich um die europäischen Meinungen überhaupt zu kümmern. Das Los der Slawen wird gleichfalls in Betracht gezogen. Man streitet über die Kriegsentschädigungen und verlangt in der Begeisterung sogar die türkischen Panzerschiffe. Das Recht, uns Kars und Erserum einzuverleiben, gestehen uns fast alle zu. Natürlich gibt es auch wieder Leute, die schon bei der bloßen Annahme, wir könnten es wagen, Kars zu annektieren, beleidigt sind. Und wiederum gibt es andere, die nicht nur über Kars, sondern selbst über Konstantinopel verfügen und sogar behaupten, daß Konstantinopel einmal uns gehören müsse! Diese Debatten über den Frieden werden sich natürlich nach jeder größeren Aktion unseres Heeres wiederholen. Ich will hier nur darauf hinweisen, daß in den Urteilen unserer großen Blätter ein Irrtum sich bemerkbar macht. Alle halten sie das Europa von heute noch für das Europa von früher – das heißt, man nimmt bei uns an, daß die europäischen Großmächte immer noch dieselben sind, man setzt immer noch das alte „europäische Gleichgewicht“ voraus. Indessen verändert sich Europa jetzt von Stunde zu Stunde: was vor einem halben Jahr war, wird vielleicht schon nach drei Monaten nicht mehr sein – so sehr kann sich bis zum nächsten Frühling Europas früheres Aussehen verändert haben. Die ungeheuren und verhängnisvollen Gegenwartsprobleme, die sich erst noch herausarbeiten müssen, und die vielleicht sehr bald eine Entscheidung heischen werden, zieht man noch immer nicht in dem Umfange in Betracht, den sie tatsächlich in der Welt einnehmen. Sogar der Bestand jenes Europas, das sich beim Friedensschluß einmischen könnte, ist schwer schon jetzt festzustellen. Deshalb aber kann man, meiner Meinung nach, auf Grund der früheren Verhältnisse die Friedensbedingungen unmöglich im voraus bestimmen, ohne zu berücksichtigen, daß Europa selber von der Stelle rückt und selber neuer Bestimmungen harrt. Übrigens, davon später. Jetzt will ich, da schon einmal von Konstantinopel die Rede ist, noch eine sehr sonderbare Meinung Nicolai Jakowlewitsch Danilewskis[49] über das „nächste Schicksal Konstantinopels“ vermerken.

Ich werde sie übrigens nicht in allen Einzelheiten wiedergeben können.

Nach vielen durchaus richtigen Bemerkungen – wie zum Beispiel, daß Konstantinopel nach der Vertreibung der Türken nicht eine freie Stadt werden kann, wie es etwa Krakau einmal war, ohne zu riskieren, ein Sammelplatz und Zufluchtsort von Verbrechern und Verschwörern der ganzen Welt, eine Beute der Juden, Spekulanten und Intriganten zu werden – fordert N. J. Danilewski, daß Konstantinopel in den „gemeinsamen Besitz aller östlichen Völker“ übergehe. Allen Völkern sollen die gleichen Rechte über diese Stadt zugestanden werden: Russen, Slawen, Griechen, Bulgaren sollen alle zusammen Konstantinopel besitzen. Eine solche Ansicht ist meiner Meinung nach denn doch etwas sonderbar. Wie kann Rußland den Besitz dieser Stadt mit anderen Völkern teilen, wenn Rußland ihnen in jeder Beziehung weit überlegen ist, nicht nur jedem einzelnen kleinen Balkanvolk, sondern auch allen diesen Völkern zusammen genommen? Der Riese Gulliver könnte, wenn er wollte, den Liliputanern hundertmal versichern, daß er ihnen in jeder Beziehung gleich sei, es würde ihm doch niemals geglaubt werden. Wie kann man nur eine solche Geschmacklosigkeit behaupten und dazu noch selbst mit aller Gewalt an so etwas glauben? Nein, Konstantinopel muß uns gehören, muß von uns Russen erobert werden und muß bis in alle Ewigkeiten in unserem Besitz verbleiben. Uns allein soll die Stadt gehören; wir aber können dann, wenn wir sie beherrschen, alle Slawen und meinetwegen auch noch alle anderen Völker der Welt mit der Gewährung der größten Freiheiten in ihr aufnehmen – aber keine Föderation zusammen mit den Slawen! Man bedenke doch nur, daß eine solche Föderation kaum in einem Jahrhundert durchgesetzt werden kann! Nur Rußland ist der Aufgabe gewachsen, Konstantinopel zu beherrschen, denn wir dürfen nicht die dazu gehörige Umgebung, den Bosporus und die Dardanellen vergessen. Nur Rußland kann dort ein Heer und eine Flotte halten. O, natürlich wird es jetzt sofort heißen: „Also ist die Hilfe, die die Russen den Slawen bringen, doch nicht so uneigennützig!“ – Darauf können wir antworten: Rußland wird nie aufhören, den Slawen zu dienen und wird sie durch seine große zentrale Kraft ewig am Leben erhalten; solch ein Dienst läßt sich aber mit nichts entgelten, und wenn Rußland jetzt auch Konstantinopel einnehmen sollte, so würde das doch nur geschehen, weil zu seinen Aufgaben, außer der Lösung der slawischen Frage, noch die Lösung einer viel größeren, der Orientfrage, gehört. Diese Aufgabe aber kann nur durch die Eroberung Konstantinopels erfüllt werden. Eine föderative Verwaltung Konstantinopels durch verschiedene Völker könnte die Orientfrage einfach vernichten, während wir doch, im Gegenteil, eine baldige Lösung derselben vor allem wünschen müssen, da sie mit dem Schicksal und der Bestimmung Rußlands so eng verbunden ist. Ganz abgesehen davon, daß alle diese Völkchen sich um den Einfluß und die Vorherrschaft in der Stadt nur streiten würden ... Mit einem Wort, Konstantinopel wäre nur ein Stein des Anstoßes für die ganze östliche Welt, würde nur die Einigung der Slawen verhindern und ihre gesunde Lebensentwicklung aufhalten. Die einzige Rettung ist, daß Rußland allein und auf eigene Rechnung Konstantinopel nimmt; denn nur Rußland kann ruhig sagen, daß es ganz allein dieser Aufgabe gewachsen sein wird. Und ist das denn nicht wahr? Rußland ist das geistige Zentrum, das Haupt des Ostens, Konstantinopel aber ist die Stadt, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland hat es nötig – und es wäre ihm sogar nützlich –, sich jetzt dem Orient zuzuwenden und auf einige Zeit Petersburg, wenn auch nur ein wenig, zu vergessen – in Anbetracht der baldigen Veränderung seines Schicksals, sowie der Schicksale ganz Europas. Doch wozu schon jetzt alle Mißstände erörtern, die durch einen gemeinsamen Besitz der Stadt unter den Slawen entstehen würden! Wenden wir uns lieber dem Schicksal der Griechen und der rechtgläubigen Bevölkerung Konstantinopels zu – dem Schicksal, dem sie bestimmt nicht werden entgehen können, wenn Byzanz „Gemeingut“ wird.

Die Griechen werden eifersüchtig auf die neue slawische Basis in Konstantinopel sehen und werden die Slawen sogar noch mehr hassen und noch mehr fürchten, als vorher die Mohammedaner. Der jüngste Streit zwischen den Bulgaren und dem ökumenischen Patriarchen kann für die Zukunft als Beispiel dienen. Die Repräsentanten der Rechtgläubigkeit in Konstantinopel werden sich bis zu Intrigen und kleinlichen Verschwörungen, bis zu gegenseitigen Exkommunikationen und weiß Gott wozu noch erniedrigen, werden vielleicht sogar Ketzer werden – und alles das aus nationalen Gründen, aus nationaler Empfindlichkeit. „Warum stehen die Slawen über uns?“ werden die Griechen fragen, „warum wird ihnen ein unumschränktes Recht auf Konstantinopel zugesprochen, ... wenn auch mit uns zusammen?“ Beherrscht aber Rußland allein Konstantinopel, hat Rußland allein die Autorität in der Stadt, so fällt selbst die Möglichkeit solcher Fragen fort. Sogar die Griechen würden dann Rußland nicht um den Besitz Konstantinopels beneiden und sich nicht gekränkt fühlen. Rußland würde in Konstantinopel gleichsam auf der Wacht stehen für alle Slawen und alle Balkanvölker, ohne etwa letztere den Slawen nachzustellen. Die Herrschaft der Mohammedaner war in diesen Jahrhunderten für die Balkanvölker keine vereinigende, sondern eine unterdrückende Macht, unter der sie sich nicht zu rühren, nicht einmal wie Menschen zu leben wagten. Nach der Vernichtung der mohammedanischen Herrschaft kann aus diesen Völkern, die aus der Knechtschaft zur Herrschaft kommen, ein Chaos entstehen; so daß nicht nur eine regelrechte Föderation, sondern selbst eine Übereinstimmung unter ihnen höchstens in ferner Zukunft möglich sein wird. Dagegen würde Rußland zweifellos die alle Balkanvölker vereinigende Kraft sein, wenn es sich in Konstantinopel festsetzte ... Auch ist doch nur Rußland allein fähig, die Fahne der neuen Idee des Ostens zu erheben und der ganzen östlichen Welt ihre neue Bestimmung zu erklären. Denn was ist die Orientfrage im Grunde anderes als die Schicksalsfrage der Rechtgläubigkeit überhaupt? Das Schicksal der Rechtgläubigkeit aber ist wiederum untrennbar mit der Bestimmung Rußlands verbunden. „Was ist denn das für ein Schicksal?“ wird man fragen.

Der römische Katholizismus, der Christus für weltlichen Besitz verkaufte, was die Menschheit veranlaßte, sich von ihm abzuwenden, und was zur Hauptursache der Verbreitung des europäischen Materialismus und Atheismus wurde, – dieser Katholizismus erzeugte in Europa naturgemäß auch den Sozialismus. Denn die Aufgabe des Sozialismus ist, das Schicksal der Menschheit nicht durch Christus, sondern außerhalb von Gott und Christus zu bestimmen. Er hat sich in Europa auf ganz natürliche Weise bilden müssen zum Ersatz für das dort gefallene christliche Prinzip. Doch die im Westen entstellte Lehre Christi hat sich in ihrer ganzen Reinheit in der Rechtgläubigkeit erhalten. Aus dem Osten wird das neue Wort an die Welt ausgehen, wird dem Sozialismus entgegenziehen und von neuem die europäische Menschheit erlösen. Das ist die Bestimmung des Ostens, das ist die Bedeutung der Orientfrage für Rußland! Ich weiß, sehr viele nennen eine solche Überzeugung „Besessenheit“; doch Herr N. J. Danilewski wird verstehen, was ich sagen will. Infolge dieser Bestimmung hat Rußland Konstantinopel nötig, denn Konstantinopel ist, wie ich schon sagte, das Zentrum der östlichen Welt. Rußland – ich meine das Volk zusammen mit seinem Zaren – erkennt und fühlt, daß es allein der Träger der Christenidee ist, und daß das Wort der Rechtgläubigkeit sich in ihm zu einer großen Tat gestaltet, daß diese Tat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen hat, und daß uns noch Jahrhunderte der Arbeit und Selbstverleugnung bevorstehen, um die Brüderschaft der Völker zu verwirklichen, jener Völker, denen wir mit heißer Mutterliebe wie teuren Kindern dienen wollen.

Diese große christliche Tat, diese neue Tätigkeit des Christentums und der Rechtgläubigkeit, hat schon mit dem jetzigen Kriege begonnen, mit der bloßen Tatsache, daß wir diesen Krieg führen ... Doch Herr N. J. Danilewski glaubt noch immer nicht daran. Augenscheinlich glaubt er nicht daran, weil er Rußland nicht für würdig hält, Konstantinopel zu beherrschen. Sollten die Russen wirklich dem nicht gewachsen sein – oder was will er sonst damit sagen? Natürlich ist es schwer, eine Herrschaft in dieser Stadt zu errichten; aber Herr Danilewski gibt doch zu, daß Rußland Konstantinopel vorläufig allein beherrschen könnte, d. h. natürlich nur, um die Stadt später den Völkern als Gemeingut zu übergeben. Es fragt sich bloß, warum und wozu übergeben? Wie es scheint, glaubt Herr Danilewski, daß der Besitz Konstantinopels für Rußland verderblich sein würde, in ihm schlechte, eroberungsgierige Instinkte wachrufen könnte. Aber es wäre doch Zeit, endlich an Rußland zu glauben, besonders nach der Heldentat dieses Krieges, denn es ist dieser Aufgabe doch tatsächlich gewachsen ...

Und plötzlich kann sich der Autor nicht einmal entschließen, diese Stadt auch nur zeitweilig diesem Rußland anzuvertrauen! Und – man stelle sich nur vor, womit er schließt: man müsse vorläufig die Existenz der Türkei noch verlängern, ihr zwar alle Slawen und den Balkan nehmen, Konstantinopel jedoch ihr noch auf einige Zeit überlassen – und das sei für Rußland jetzt sogar das Vorteilhafteste, sei sozusagen ein Fingerzeig Gottes! Warum ein Fingerzeig Gottes, warum? Herr Danilewski setzt natürlich voraus, daß die Türkei in ihrer neuen Existenz ganz unter dem Einfluß Rußlands, d. h. von Rußland abhängig sein werde. Aber wozu denn diese Maskerade? Bedenken wir bloß, daß Europa in eine solche Konstellation erst recht nicht einwilligen würde. Europa wäre eine vollständige Besiegung der Türkei, wäre die vollendete Tatsache lieber, als einen neuen Orientkrieg in der allernächsten Zukunft befürchten zu müssen. Somit stimmt ja Herr Danilewski zum Schluß mit der politischen Meinung Lord Beaconsfields überein, nach der die Existenz der Türkei durchaus nötig sei und sie nicht vernichtet werden dürfe.

„Von der Türkei wird nur ein Schatten übrigbleiben,“ sagt Herr Danilewski – „dieser Schatten aber muß (?) vorläufig noch die Ufer des Bosporus und der Dardanellen verdunkeln; denn ihn schon jetzt durch einen lebendigen und dazu gesunden Organismus zu ersetzen, ist noch nicht möglich (!?) ...“

Also wäre Rußland ein so ungesunder und toter Organismus, daß es die Hauptstadt der Rechtgläubigkeit an Stelle der in Fäulnis übergegangenen Türkei nicht besetzen dürfte? Das scheint mir doch sonderbar! Oder will Herr Danilewski damit vielleicht sagen, daß Rußland Konstantinopel nicht besetzen dürfe, weil Europa es ihm nicht gestatten würde? Er sagt an einer Stelle seines Aufsatzes: „Der Besetzung Konstantinopels durch die Russen werden die meisten europäischen Mächte den größten Widerstand entgegensetzen.“ Freilich, wenn er die Unmöglichkeit darin sieht, so wird seine Behauptung – bezüglich der Notwendigkeit, den Türken vorläufig noch Konstantinopel zu überlassen – verständlicher. Nichtsdestoweniger kann man in betreff des „Widerstandes der meisten europäischen Mächte“ eines positiv behaupten: erstens, daß Europa, wie ich schon gesagt habe, eher die Besetzung Konstantinopels durch uns wünschen würde als ein Fortbestehen der Türkei „unter voller Vormundschaft Rußlands, ohne den Balkan, ohne Slawen, ohne Flotte“ – mit einem Wort, als ein „Schatten“ der früheren Türkei, wie sich Herr Danilewski ausdrückt. Wen würden wir mit diesem Gespenst betrügen können? Die Europäer würden sich doch sagen: „Wenn die Russen nicht heute in Konstantinopel einziehen, so werden sie es morgen tun.“ Und deshalb würden sie auch eine endgültige Form einem zeitweiligen Schatten vorziehen. Und zweitens: wir müssen doch einsehen, daß es niemals eine für uns so günstige Zeit geben wird – in Anbetracht der gegenwärtigen politischen Lage Europas.