Und welch ein Lakaientum im Grunde, statt wirklichen Zartgefühls! Und welch eine Komik! Es ist schlechthin die komischste aller Entschädigungen „bei uns zu Haus“ für die unbequeme Uniform des europäischen Zartgefühls, in der wir uns Europa zu präsentieren lieben! Welch ein Lakaientum in den Gedanken dieser leicht erregbaren Herren! Die Situation überraschte viele von unseren Tapferen dermaßen, daß sie einfach ihre Geistesgegenwart verloren; und diese Verblüffung ist schon etwas ernster zu nehmen als jene Überrumpelung unseres Offiziers durch den Engländer mit dem erbsgrünen Mantel.
Später klärte sich natürlich alles auf, die Wahrheit enthüllte sich den Entrüsteten. Es stellte sich heraus, daß der Bulgare arbeitsam und sein Land sehr fruchtbar ist. Und wenn er auch mißtrauisch auf die russischen Truppen sieht, so muß man doch bedenken, daß er schon vier Jahrhunderte lang Sklave ist und infolgedessen, wenn er seinem neuen Herrn entgegentritt, nicht gut glauben kann, daß der ihm ein Bruder sein wolle. Außerdem muß er doch noch seinen früheren Herrn fürchten und sich unwillkürlich sagen: „Wenn der nun wiederkommt und es erfährt, daß ich diesem hier Salz und Brot gereicht habe, – was dann?“ Und der Arme hatte durchaus recht. Nachdem wir unseren ersten tapferen Angriff jenseits des Balkan gemacht hatten, traten wir den Rückzug an. Zu den Bulgaren aber kamen wieder die Türken – und wie sie von diesen behandelt wurden, wird die Weltgeschichte erzählen! Ihre hübschen Häuschen, diese Aussaaten, Gärten und Viehherden, alles wurde geplündert, in Staub und Asche verwandelt, dem Erdboden gleichgemacht. Nicht zu Hunderten, sondern zu Tausenden und Zehntausenden wurden die Bulgaren durch Feuer und Schwert vernichtet, ihre Kinder wurden in Stücke gerissen und sie starben unter den schrecklichsten Qualen, ihre Frauen und Töchter wurden geschändet, zum Verkauf fortgeschleppt oder totgeschlagen. Die Männer, die, welche die Russen mit Salz und Brot begrüßt hatten und obendrein auch noch jene, die die Russen nicht begrüßt hatten, mußten alle auf dem Scheiterhaufen oder am Galgen dafür büßen. Man nagelte sie am Abend mit den Ohren an die Zäune, und am anderen Morgen mußte einer von den Verurteilten alle seine Gefährten aufhängen, zum Schluß aber wurde er selbst aufgeknüpft – unter dem Gelächter dieser wollüstigen Bestien, die sich eine türkische Nation nennen.
Auf diese Weise kamen die über das gute Leben der Bulgaren so entrüsteten Herren bald zu der Erkenntnis, daß dieses Leben im Grunde genommen nur eine Dekoration gewesen war, daß alle diese Häuser und Gärten und die Frauen und Kinder, die unmündigen Knaben und Mädchen in diesen Häusern, dem Türken gehörten. Und der nahm sie, wann es ihm gefiel: auch in friedlichen Zeiten überfiel er sie, nahm ihnen Geld und Vieh, Frauen und Mädchen.
Doch jetzt, da sie in Wut geraten sind, plündern und zerstören sie die unglücklichen bulgarischen Provinzen bis auf den nackten Erdboden. Wenn wir lange vor Plewna liegen müssen und nur langsam vorrücken, so werden die Türken, wenn sie sehen, daß sie Bulgarien vielleicht auf immer verlieren, das Land ganz und gar in Asche verwandeln, solange sie noch Zeit dazu haben. Jedenfalls aber sind die Ansichten unserer Klugen darüber wirklich bemerkenswert; sie behaupten: wenn wir uns nicht in türkische Angelegenheiten eingemischt hätten, würden die Bulgaren noch heute gleichsam im Wollkorbe leben, und wir Russen allein seien an ihrem Unglück schuld. Der bekannte Korrespondent der „Daily News“, Mr. Forbes, sagt uns darüber in einem seiner vorzüglichen Berichte vom Kriegsschauplatz seine ganze englische Wahrheit. Er gesteht den Türken aufrichtig zu, daß sie das volle Recht gehabt hätten, alle Bulgaren, die nördlich vom Balkan lebten, in der Zeit zu vernichten, als die russische Armee sich über die Donau zurückzog. Mr. Forbes bedauert fast – natürlich nur politisch –, daß dies nicht geschehen ist, und kommt zu dem Schluß, daß die Bulgaren den Türken zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet seien, weil diese sie nicht wie eine Herde Schafe geschlachtet haben. Wenn man jetzt an die russische Auffassung denkt, an die „Bulgaren im Wollkorbe“, und sie dem Ausspruch Forbes’ gegenüberstellt, könnte man sich ja mit folgenden Worten an den Bulgaren wenden: „Wie solltest du nicht im Wollkorbe leben, da man dich nicht einfach geschlachtet hat?“ Sonderbar ist dabei nur eines: Wie ist es möglich, daß ein solches Recht den Türken kaltherzig zugesprochen werden kann, und noch dazu von einem so gebildeten Menschen wie Mr. Forbes, der doch einer so aufgeklärten und großen Nation angehört? Sind das die letzten Blüten und Früchte der englischen Zivilisation? Selbstverständlich hätte er sich anders ausgedrückt, wenn es sich, anstatt um Bulgaren, um Franzosen oder Italiener gehandelt hätte. Es handelte sich hier aber nur um Slawen, um Bulgaren! In Europa scheint man eine geradezu blutliche und ererbte Verachtung für die Slawen, für die slawische Rasse überhaupt zu haben. Man zählt sie dort zu den Hunnen. Europa würde es ruhig zulassen, daß man sie alle, mit Weibern und Kindern bis auf den Letzten vernichtete. Und bitte vor allen Dingen nicht zu vergessen, daß es nicht ein Earl of Beaconsfield ist, der jenen Ausspruch getan – der könnte solche Überzeugungen noch aus Rücksicht auf die „englischen Interessen“ haben –, sondern Mr. Forbes, ein Privatmann, der doch keineswegs verpflichtet ist, die Interessen Englands um jeden Preis, und was es auch koste, zu wahren, ein ehrlicher, talentvoller, „wahrhaft humaner Mensch“, wie er uns in seinen ersten Briefen erschien. Nein, diesem Urteil liegt eine westeuropäische Antipathie gegen alles, was Slawe heißt, zugrunde. Diese Bulgaren kann man mit siedendem Wasser übergießen, wie ein Wanzennest in einem alten Holzbett. Ist es bei den Europäern vielleicht ein Instinkt, eine Vorahnung, daß die östlichen Slawenstämme, wenn sie einmal befreit sein werden, eine große Rolle in der neu heraufkommenden Menschheit spielen und den Platz der alten, vom Wege abgekommenen Kulturträger einnehmen könnten? Bewußte Westler können das natürlich weder zulassen, noch sich vorstellen, daß dieses Wanzennest sich wirklich zu etwas Höherem zu entwickeln vermöchte. Aber da ist ja noch Rußland, das augenscheinlich der Träger einer neuen Idee ist und die Fahne der Zukunft, zum Ärger und Erstaunen aller, hochhebt. Da Rußland aber kein Wanzennest ist, sondern ein Gigant und eine Kraft, die man nicht leugnen kann, und da Rußland gleichfalls aus einer slawischen Nation besteht, – wie müssen diese Europäer da Rußland in ihrem Herzen hassen, wie müssen sie sich unwillkürlich und vielleicht noch ganz unbewußt über unsere Mißerfolge freuen, wie über jegliches Unglück, das uns trifft! Sollte das nicht aus Instinkt, aus Vorgefühl geschehen?
Ein ganz persönliches Wort über die Slawen, das ich schon lange habe sagen wollen
Da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein ganz persönliches Wort über die Slawen und die Slawenfrage sagen. Wer diskutiert heutzutage bei uns nicht über die Möglichkeit eines baldigen Friedens, über die Möglichkeit irgendeiner Entscheidung in der Slawenfrage? Geben wir also unserer Phantasie einmal volle Freiheit und stellen wir uns vor, daß Rußland durch sein Blut die Slawen bereits befreit habe, daß das Türkische Reich überhaupt nicht mehr existiere und die Balkanvölker nun ein neues, freies Leben führen können. Es ist natürlich schwer vorauszusagen, welche Form diese Freiheit der Slawen annehmen, ob es zu einer Föderation der befreiten kleineren Völker kommen wird, oder ob sich die einzelnen Völker zu selbständigen kleinen Reichen emporschwingen werden, mit Herrschern, die man natürlich aus den verschiedenen regierenden Häusern Europas wählen würde. Und schließlich: werden alle diese Länder und Ländchen vollständig unabhängig sein, oder werden sie unter dem Schutze und der Aufsicht eines „europäischen Bundes der Mächte“, zu dem auch Rußland gehören wird, stehen? Ich glaube, alle diese kleinen Völker werden sich auf jeden Fall einen „europäischen Bund der Mächte“ ausbitten, auch wenn Rußland in diesen einbegriffen sein wird. Denn was sollten sie sonst zum Schutz vor Rußlands Herrschsucht tun?
Alles das läßt sich heute noch nicht im einzelnen voraussagen, doch zwei Dinge kann man auch jetzt schon mit Bestimmtheit wissen: erstens, daß bald, oder vielleicht auch noch nicht so bald, alle slawischen Stämme sich vom Türkenjoch befreien und ein neues, und vielleicht sogar unabhängiges Leben führen werden; und zweitens ... Doch gerade über diesen zweiten Punkt wollte ich schon seit langer Zeit meine persönliche Meinung sagen.
Es ist meine feste Überzeugung, daß Rußland noch nie solche Neider, Verleumder und sogar so bittere Feinde gehabt hat, wie es alle diese Slawen sein werden, wenn Rußland sie befreit haben wird und Europa sie als Befreite wird anerkennen müssen. Möge man deswegen nicht glauben, daß ich die Slawen hasse! Im Gegenteil, ich liebe die Slawen sehr und werde mich deshalb nicht lange verteidigen; weiß ich doch, daß alles, was ich jetzt behaupte, in Erfüllung gehen wird, und daß diese Feindschaft nicht etwa einer besonderen slawischen Charakterlosigkeit oder Undankbarkeit entspringen wird – in dieser Beziehung sind die Slawen wie alle anderen Völker –, sondern es wird geschehen, weil solche Dinge in der Welt nun einmal keinen anderen Lauf nehmen können. Doch ich werde mich nicht weiter dabei aufhalten; ich will nur sagen, daß wir jetzt keine Dankbarkeit von den Slawen verlangen können, uns vielmehr darauf gefaßt machen müssen, daß sie uns keine entgegenbringen werden. Nach der Befreiung werden sie ihr neues Leben sicherlich damit beginnen, daß sie Europa, wahrscheinlich England und Deutschland, um die Sicherstellung ihrer Freiheit bitten. Sie werden sich die größte Mühe geben, sich selbst davon zu überzeugen, daß sie Rußland nicht die geringste Dankbarkeit schuldig, sondern gezwungen seien, beim Friedensschluß Europas Schutz zu erflehen, auf daß Rußland, nachdem es sie von den Türken befreit, sie nicht etwa selber verschlinge – „zur Erweiterung seiner Grenzen und Gründung des großen allslawischen Reiches durch die Unterwerfung der Slawen unter den gierigen, schlauen, barbarischen Staat der Großrussen“. Lange, oh, lange noch werden sie nicht imstande sein, weder die Uneigennützigkeit Rußlands, noch seine große heilige Idee anzuerkennen: eine jener mächtigen Ideen, durch die die Menschheit lebt, ohne die aber die Menschheit, wenn sie aufhören sollte, in ihr zu leben – erstarren, verkrüppeln und sterben würde an ihren Seuchen und ihrer Kraftlosigkeit. Nehmen wir zum Beispiel den gegenwärtigen Krieg, diesen volkstümlichen russischen Krieg, der ein Kampf gegen die türkischen Ungeheuer zur Befreiung unglücklicher Völker ist, – haben die Slawen diesen Krieg etwa verstanden? Jetzt haben sie uns noch nötig, wir kämpfen ja noch für sie. Wenn aber der Krieg beendet sein wird, werden sie ihn dann auch noch für eine große Tat ansehen, für die sie uns Dankbarkeit schuldig sind? Nie und nimmer werden sie das tun!
Im Gegenteil, sie werden es als politische und womöglich gar wissenschaftliche Wahrheit aufstellen, daß sie sich, wenn nicht Rußland dagewesen wäre, schon längst allein, durch eigenen Heldenmut, oder mit Hilfe Europas zu befreien verstanden hätten. Europa hätte, wenn wieder dieses Rußland nicht auf der Welt gewesen wäre, nichts gegen ihre Freiheit einzuwenden gehabt, sondern sie womöglich selber von den Türken befreit. Diese schlaue Lehre hat ja schon jetzt viele Anhänger unter ihnen und wird sich in der Folge noch zu einem wissenschaftlichen und politischen Axiom entwickeln. Sogar von den Türken werden diese Balkanslawen mit größerer Ehrfurcht sprechen als von uns. Vielleicht werden sie ein ganzes Jahrhundert oder noch länger für ihre Freiheit bangen und vor der Herrschsucht Rußlands zittern; sie werden sich bei den europäischen Mächten einschmeicheln, werden Rußland verleumden und überall gegen uns intrigieren. O, ich spreche nicht von einzelnen Personen: gewiß wird es auch unter ihnen Menschen geben, die wissen werden, was Rußland für sie war und immer sein wird. Diese Menschen verstehen auch sicher die ganze Größe und Heiligkeit der Tat Rußlands und seiner großen Idee, die es hochhält vor der ganzen Menschheit. Aber dieser Menschen wird es zuerst so wenige geben, daß man sie auslachen oder sogar politisch verfolgen wird. Besonders gern werden die befreiten Slawen aller Welt verkünden, daß sie gebildete Völker seien, sogar höchst kulturfähig, im europäischen Sinne, während Rußland ein barbarisches Land, ein dunkler nordischer Koloß, dabei längst nicht vom reinsten slawischen Blute, ein Unterdrücker und Feind der europäischen Zivilisation sei und bleibe. Sie werden natürlich eine konstitutionelle Regierung haben, ein Parlament, verantwortliche Minister, Redner und Reden. Das wird sie außerordentlich beruhigen und entzücken. Es wird ihnen ungeheuer schmeicheln, in den Pariser und Londoner Blättern Telegramme zu lesen, die durch die ganze Welt gehen und allen melden, daß z. B. nach langem Parlamentssturm endlich das bulgarische Ministerium gefallen sei und eine neue liberale Mehrheit sich gebildet habe, daß ein Bulgare namens Iwan Tschiftlik endlich eingewilligt, das Portefeuille des Ministerpräsidenten anzunehmen ... Ja, in Rußland muß man sich jetzt ernsthaft darauf vorbereiten, daß alle diese von uns befreiten Slawen sich zunächst begeistert auf Europa stürzen, bis zum Verlust der eigenen Persönlichkeit europäische Formen, politische wie soziale, annehmen und auf die Weise erst eine lange Periode des Europäismus durchleben werden, ehe sie etwas von ihrer slawischen Bedeutung und ihrer eigenen Berufung unter den Völkern werden begreifen lernen. Übrigens werden sie sich ewig untereinander streiten, ewig sich gegenseitig beneiden und gegen einander intrigieren. Sollte ihnen aber Gefahr drohen, so würden sie alle natürlich wieder Rußland um Hilfe bitten. Denn wie sie uns in Europa auch verleumden, wie sie mit Europa auch liebäugeln mögen, sie werden doch immer instinktiv fühlen (selbstverständlich erst im Augenblick der Gefahr, nicht früher), daß Europa der einzige Feind ihrer Selbständigkeit ist, war und immer sein wird. Sie werden begreifen, daß sie auf der Welt nur noch existieren, weil der große feststehende Magnet Rußland unwiderstehlich sie alle an sich zieht und so ihre Nationalität und Einheit erhält. Es wird auch Minuten geben, da sie imstande sein werden, beinahe bewußt einzugestehen, daß, wenn sie nicht Rußland hätten, das große östliche Zentrum der großen aufkommenden Ideen, ihre volkliche Einheit und Selbständigkeit im Augenblick auseinanderfallen, ihre ganze Nationalität sich auflösen und im europäischen Ozean wie einzelne Wassertropfen im Meere verschwinden würde. Noch auf lange aber wird Rußland die Sorge verbleiben, sie zu versöhnen, ihnen Vernunft beizubringen und vielleicht sogar noch das Schwert für sie zu ziehen. Natürlich wirft sich dabei die Frage auf, welch einen Vorteil Rußland denn für sich erwartet, warum Rußland sich so oft für sie geschlagen, sein Blut, seine Kräfte, sein Geld für sie hingegeben? Doch nicht etwa, um so viel kleinlichen Haß und so häßliche Undankbarkeit zu ernten? Freilich hat Rußland immer gewußt, daß es das Zentrum der slawischen Einheit ist, daß, wenn die Slawen in Zukunft ein freies, nationales Leben führen werden, Rußland das gewollt und durchgesetzt haben wird. Welch einen Vorteil bringt uns nun dieses Bewußtsein, außer Arbeit, Ärger und Sorgen?
Die Antwort darauf ist schwer, und vielleicht werden nicht alle sie verstehen können. Wir wissen ja, daß Rußland niemals auch nur auf den Gedanken kommen wird, sein Territorium auf Kosten der Slawen erweitern, sie politisch an sich ketten oder gar ihre Länder zu russischen Gouvernements machen zu wollen. Alle Slawen verdächtigen jetzt Rußland dieser Absicht, und Europa wird noch weitere hundert Jahre diesen Argwohn gegen uns hegen. Möge Gott Rußland vor solchen Absichten bewahren! Denn je mehr es seine politische Uneigennützigkeit den Slawen gegenüber aufrechterhält, desto sicherer wird es eine volle Einigung der Slawen unter einander erreichen, vielleicht schon im Verlauf von einem Jahrhundert. Wenn es den Slawen von Anfang an politische Freiheit gibt und sich jeder Vormundschaft enthält, doch zu jeder Zeit bereit ist, sein Schwert für die Freiheit ihres Glaubens und ihrer Nationalität zu ziehen, so wird Rußland zu seinem und zu ihrem Wohl mehr erreichen, als wenn es mit Gewalt seinen politischen Einfluß auf die Slawen aufrechtzuerhalten strebte. Ja, gerade ... wenn Rußland seine vollständige Uneigennützigkeit ihnen gegenüber bewahrt, wird es sie besiegen und ihr Vertrauen gewinnen. Zuerst werden sie vielleicht nur im Notfalle zu uns kommen, dann aber werden sie sich mit dem vollen Vertrauen eines Kindes an uns schmiegen. Alle werden sie in das heimatliche Nest, zu Rußland, zurückkehren. Oh, viele Russen, Gelehrte wie auch Dichter, setzen schon große Hoffnungen auf diese Vereinigung. Sie erwarten, daß die befreiten und auferstandenen slawischen Völkerschaften viele neue und noch nie dagewesene Elemente ins russische Leben bringen, das Slawentum Rußlands erweitern und auf die Seele Rußlands einen großen Einfluß ausüben werden; ja, sogar die russische Sprache, die russische Literatur, das russische Schaffen überhaupt sollen sie geistig bereichern und ihm neue Horizonte eröffnen. Ich muß gestehen, daß mir diese Begeisterung immer etwas literarisch erschienen ist. Vielleicht wird Ähnliches einmal wirklich geschehen, aber wohl nicht früher als in hundert Jahren; für dieses ganze Jahrhundert dagegen wird Rußland von den Slawen nichts zu nehmen brauchen, weder von ihren Ideen, noch von ihrer Literatur, denn was könnten sie uns jetzt geben? Rußland wird dieses ganze Jahrhundert hindurch nur gegen ihre Beschränktheit und ihren Eigensinn zu kämpfen haben, desgleichen gegen ihre schlechten Angewohnheiten und ihren Verrat am Slawentum, ihren Verrat um europäischer Formen willen in politischen wie sozialen Dingen. Nach der Slawenfrage steht Rußland noch die Orientfrage bevor. Die Slawen werden heute überhaupt nicht verstehen, was diese Orientfrage eigentlich bedeutet! Ganz so, wie sie auch die slawische Einigung zu einer allgemeinen Brüderschaft noch lange nicht verstehen werden. Ihnen diese durch die Tat und das Beispiel zu erklären, wird in Zukunft die Aufgabe Rußlands sein. Wieder wird man fragen, wozu und warum soll Rußland eine solche Arbeit auf sich nehmen? Wozu? um ein höheres Leben zu führen, um die Welt mit einer großen uneigennützigen Idee zu durchleuchten, um einen großen, mächtigen Organismus brüderlicher Einigung von Völkerstämmen zu schaffen, – nicht durch politische Gewalt, nicht mit Feuer und Schwert, sondern durch Überzeugung, Liebe, Uneigennützigkeit und Aufklärung: um endlich alle Kleinen um sich zu scharen und ihnen die mütterliche Aufgabe Rußlands zu beweisen. Das ist unser Ziel und das ist meinetwegen auch unser Vorteil. Denn wenn eine Nation für keine höheren Ideen, nicht mit höheren Zielen zum Wohle der Menschheit, sondern nur ihren eigenen „Interessen“ lebt, so wird diese Nation untergehen. Höhere Ziele für Rußland kann es aber nicht geben, als uneigennützig den Slawen zu dienen, ohne von ihnen Dankbarkeit zu erwarten, nach ihrer sittlichen und geistigen, nicht nur nach ihrer politischen Einigung zu streben. Nur durch diese Tat würde das Slawentum der Menschheit eine neue, wertvolle Idee geben ... Höhere Ziele als solche gibt es nicht auf dieser Welt, und es kann für Rußland nichts „vorteilhafter“ sein, als solche Ziele zu haben, sie sich mehr und mehr klarzumachen, um die eigene Seele zu heben in dieser ewigen, unermüdlichen, heldenhaften Arbeit für die Menschheit. Darum aber ist eines gewiß: füllt dieser Krieg für Rußland günstig aus, so tritt Rußland in eine neue und höhere Phase seines Seins ...