In seinem Bericht vom Kriegsschauplatz erzählt Herr Krestowski unter anderem von einem spaßigen Fall. „In der Suite des Großfürsten erschien ein sonderbarer Engländer: er trug einen Korkhelm und einen Mantel von erbsgrüner Farbe. Es heißt, er sei Mitglied des Parlaments und benutze seine freie Zeit, um vom Kriegsschauplatz an eine der großen Londoner Zeitungen (Times) Bericht zu erstatten. Andere versichern, er sei nur ein ‚reisender Engländer‘, wiederum andere, er sei einfach ein Russenfreund. Doch wie dem nun auch sei, jedenfalls führt sich dieser Herr etwas exzentrisch auf. In Gegenwart des Großfürsten, wenn alle stehen, Seine Hoheit nicht ausgenommen, bleibt er z. B. ruhig sitzen, und bei Tisch erhebt er sich, wann es ihm gefällt. Vor kurzem wandte er sich an einen bekannten Offizier mit der Bitte, ihm seinen erbsfarbenen Mantel zu halten. Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos in den Mantel. Freilich, es blieb ihm auch nichts anderes übrig. Der Engländer aber berührte nur flüchtig mit der Hand den Schirm seines Korkhelms ...“

Die Petersburger Zeitung findet diesen Fall spaßig. Zu meinem Bedauern kann ich wirklich nichts Spaßiges in ihm entdecken, sondern nur sehr viel Ärgerliches. Bei uns hat sich aus Romanen und französischen Vaudevilles der Glaube ein für allemal festgesetzt, daß jeder Engländer ein Sonderling sei. Aber was ist denn ein Sonderling? Nicht immer braucht so ein Sonderling gleich dermaßen naiv zu sein, nicht einmal erraten zu können, daß in der Welt nicht überall dieselben Sitten und Gebräuche herrschen, die irgendwo dort in England allgemein angenommen sein mögen. Die Engländer sind, im Gegenteil, ein kluges Volk; als Seefahrer, und zudem noch als gebildete Seefahrer, haben sie mit ihrem scharfen Blick besser als alle Europäer die Völker aller Erdteile und ihre Sitten zu beobachten verstanden; sie sind ganz ungewöhnlich begabte Beobachter. Solch ein Engländer nun, und noch dazu einer, der Mitglied des Parlaments ist, sollte nicht wissen, wo und wann er stehen, wo und wann er sitzen muß!? Es gibt ja kein einziges Land, in dem die Etikette eine so große Rolle spielt wie gerade in England. Die englische Hofetikette ist die komplizierteste der ganzen Welt. Wenn dieser Engländer Parlamentarier ist, so muß er als solcher doch wenigstens wissen, wie sich die Mitglieder des Unterhauses zu denen des Oberhauses zu verhalten haben, und zwar gerade in dem Sinne: wer vor wem sitzen bleiben, und wer vor wem aufstehen muß. Und wenn er noch gar zur höheren Gesellschaft gehört – wo geht es denn zeremonieller zu als bei den Diners und auf den Bällen oder in den Empfangssälen der Londoner Aristokratie? Nein, dieser Engländer scheint mir keineswegs ein Sonderling zu sein – soweit man ihn nach dieser Beschreibung beurteilen kann. Nein, das ist englischer Stolz, und nicht nur Stolz, sondern ist einfach Anmaßung, Herausforderung. Dieser „Russenfreund“ kann doch kein großer Freund von uns sein. Er bleibt ruhig sitzen und denkt bei sich über die russischen Offiziere: „Meine Herren, ich weiß, daß Sie ein Löwenherz haben! ... Sie unternehmen ja fast Unmögliches und führen es auch aus. Furcht vor dem Feinde kennen Sie nicht; jeder einzelne von Ihnen ist ein Held, und was Ehre ist, wissen Sie alle nur zu gut. Ich kann nicht abstreiten, was ich mit meinen eigenen Augen sehe. Doch nichtsdestoweniger bin ich Engländer, Sie aber sind nur Russen; ich bin Europäer, und Europa gegenüber sind Sie verpflichtet, zartfühlend und aufmerksam zu sein. Welche Löwenherzen Sie auch haben mögen – im Vergleich mit Ihnen bin ich doch ... nun eben ein höherer Typ Mensch. Es ist mir sehr angenehm, sehr angenehm, Ihr Zartgefühl mir gegenüber zu beobachten ... Sie denken, daß das alles nur Kleinigkeiten sind, aber gerade diese Kleinigkeiten sind es, die mich amüsieren. Ich habe diese Vergnügungsreise gemacht, weil ich hörte, daß Sie Helden seien; ich bin hergekommen, um Sie mir näher anzusehen, aber ich werde wieder einmal mit der Überzeugung heimkehren, daß ich als Sohn Old-Englands“ – sein Herz erbebt vor Stolz – „auf der Welt doch ein Mensch ersten Ranges bin und bleibe: Sie aber, meine Herren, sind als Russen doch nur zweitrangige Kreaturen ...“

Am interessantesten sind in dem Briefe zweifellos die letzten Zeilen: „Der Offizier maß ihn mit etwas erstauntem Blick, lächelte darauf ein wenig ironisch, zuckte die Achsel und half ihm schließlich widerspruchslos in seinen Mantel. Freilich, es blieb ihm auch nichts anderes übrig.

Wieso: „freilich“? Warum blieb ihm nichts anderes übrig? Im Gegenteil, da hätte man gerade das Entgegengesetzte tun sollen: man hätte ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit nicht mißzuverstehendem Blick messen, ironisch lächeln, mit den Schultern zucken und vorübergehen sollen, ohne den Mantel anzurühren. Hatte man denn wirklich nicht bemerkt, daß der aufgeklärte Seefahrer bloß seine Stückchen machte, daß der feinste Kenner der Etikette den Augenblick benutzte, um seinen kleinlichen Stolz zu befriedigen? Das ist es ja, daß man in dem Augenblick nicht darauf verfallen konnte, denn unser „Zartgefühl“ verhinderte es. Doch, das war nicht etwa Zartgefühl diesem Engländer gegenüber – weder als Mitglied des Parlaments, noch als Besitzer jenes Korkhelms –, sondern unser Zartgefühl Europa, der europäischen Aufklärung gegenüber, unser Zartgefühl, in dem wir aufgewachsen sind, und das uns bis zum Verlust unserer eigenen Selbständigkeit und Persönlichkeit beherrscht, und von dem wir uns noch lange nicht werden befreien können. Die Lieferung von Patronen an die Türkei, die England und Amerika besorgen, soll wirklich enorm sein. Wir wissen ja ganz genau, daß der türkische Soldat bei Plewna bisweilen an 500 Patronen täglich verbraucht: die Türkei aber hat weder so viel Geld, noch solch einen Kredit, um ihre Armee dermaßen mit Munition versehen zu können. Daß die Engländer ihnen in jeder Beziehung helfen, liegt auf der Hand; ihre Schiffe bringen den Türken alles, was zum Kriege nötig ist. Bei uns aber schweigen die Zeitungen darüber – aus „Zartgefühl“ natürlich: „Ach, sprechen Sie nicht davon, werfen Sie doch nur nicht solche Fragen auf, wir wollen nichts davon sehen, nichts hören, sonst würden wir die gebildeten Seefahrer womöglich erzürnen und dann ...“

Nun, und was dann? Warum fürchtet ihr euch? Wahrlich, über dieses Thema „Zartgefühl“ könnte man noch vieles hinzufügen.

Selbst wenn es diese gewissen Wechsel und Wechselchen gibt, die wir Europa in Gestalt verschiedener Versprechungen eingehändigt haben sollen, so ist doch auch das nur aus Zartgefühl Europa gegenüber und aus Verehrung für seine Kultur geschehen. Doch vorläufig will ich dieses Thema fallen lassen. Ich erinnere mich, zu Anfang dieses Kapitels noch hinzugefügt zu haben, all das geschehe ja nur Europa gegenüber, bei uns zu Hause kämen wir schon auf unsere Rechnung. Ich möchte nun die Gelegenheit benutzen, zu zeigen, wie wir es verstehen, uns dafür zu entschädigen.

Der größte Beweis unseres Lakaientums

Erinnern Sie sich noch, meine Herren, wie wir im Sommer, als wir kurz vor Plewna in Bulgarien eindrangen, plötzlich vor Unwillen einfach erstarrten? Übrigens waren nicht alle so ungehalten, das muß ich vorausschicken. Doch die Stimmen der Herren Kriegsberichterstatter fanden in unseren Petersburger Zeitungen einen lebhaften Widerhall.

Es handelte sich um folgendes: Uns, wie der ganzen Welt, ist es bekannt, daß wir auszogen, um die unterdrückten, erniedrigten und gequälten Balkanslawen zu befreien. Ich erinnere mich noch, ganz zu Anfang des Krieges in einer unserer besten Zeitungen gelesen zu haben: „Wenn wir in Bulgarien einziehen, werden wir nicht nur unsere Armee zu ernähren haben, sondern auch die bulgarische Bevölkerung, die bereits dem Hungertode nahe ist.“ Und siehe da, nachdem wir uns eine solche Vorstellung gemacht hatten – von den Bedrückten, Gepeinigten und Hungernden, und von allen Flüssen und aus allen Gauen Rußlands hinzogen, um uns für sie aufzuopfern –, stehen wir plötzlich vor reizenden Bulgarenhäuschen, die, umgeben von Blumen und Obstgärten, weidenden Viehherden und Ackerland, keineswegs unseren Erwartungen entsprechen. Und zur Vollendung des Ganzen gibt es gleich im ersten bulgarischen Städtchen drei orthodoxe Kirchen und nur eine Moschee. Das war im Lande der Bulgaren, der des Glaubens wegen Unterdrückten! „Wie wagen sie es nur!“ ereiferten sich gleich die beleidigten Herzen der Befreier, und das Blut stieg ihnen zu Kopf. „Wir sind doch hergekommen, um sie zu befreien! – Auf den Knien müßten sie uns empfangen! Und statt über unser Kommen froh zu sein, sehen sie uns noch mißtrauisch an! Uns! ... Allerdings, sie bringen uns Salz und Brot, das ist schließlich wahr, aber von der Seite sehen sie uns doch mißtrauisch an! ...“ Was meinen Sie, meine Herren, wenn Sie plötzlich ein Telegramm bekämen mit der Nachricht, daß ein Ihnen nahestehender Mensch, ein Freund oder Bruder, im Sterben liegt oder verunglückt ist, oder daß man ihn beraubt hat, so werden Sie sich doch so schnell wie möglich zu ihrem unglücklichen Bruder begeben, nicht wahr? Und siehe da: plötzlich ist nichts von alledem geschehen: Sie treffen den Menschen bei vorzüglichster Gesundheit beim Mittagstisch an! Freudig lädt er sie ein, mit ihm zu speisen, und er lacht von ganzem Herzen über das Mißverständnis, über das qui pro quo. Ob Sie nun diesen Menschen lieben oder nicht lieben: es wird Ihnen doch niemals einfallen; es ihm zu verübeln, daß er nicht in Lebensgefahr schwebt, daß man ihn nicht beraubt hat, oder daß ihm nicht sonst ein Unglück zugestoßen ist? Oder gar, daß er so gesund aussieht, zu Mittag speist und dazu Wein trinkt? Ich glaube, doch nicht! Im Gegenteil, Sie würden sich freuen, daß er lebt und womöglich noch wohler aussieht als Sie selbst. Nun, freilich wäre es menschlich, sich ein bißchen zu ärgern – aber doch nicht etwa darüber, daß man ihm, sagen wir, nicht die Beine abgefahren hat? Sie werden doch nicht gleich vom Tische aufstehen und über ihn Bericht erstatten, Anekdoten von ihm erzählen, seine schlechten Charaktereigenschaften hervorheben ...? Bei den Bulgaren hat man es aber getan. „Bei uns kann sich ein wohlhabender Bauer nicht so gut ernähren wie dieser unterdrückte Bulgare,“ hieß es. Andere kamen sogar zu der Überzeugung, daß nur die Russen die Ursache des Unglücks der Bulgaren seien: „Wenn wir nicht den Türken gedroht hätten und nicht hingezogen wären, um diese angeblich geplünderten und unterdrückten Bulgaren zu ‚befreien‘, so lebten sie noch heute wie im Wollkorbe.“ Das kann man auch jetzt noch hören.

Und so mußten wir uns denn für unser Zartgefühl Europa gegenüber und für unseren aufgeklärten Europäismus zu Hause entschädigen, mußten, wo Europa nicht auf uns sieht, unser Herz erleichtern können. Und in Bulgarien waren wir ja so gut wie zu Hause. „Wir sind gekommen, um sie zu befreien, folglich gehören sie ja fast zu uns. Besitzt der Bulgare einen Garten oder ein Gut, so hat er es jetzt gleichsam geschenkt von uns wiedererhalten: wir nehmen dafür nichts von ihm und genau genommen haben wir ja auch nicht das Recht dazu, aber er muß es doch empfinden und uns ewig dafür dankbar sein, daß wir ihm zu Hilfe gekommen sind, ihn und sein Hab und Gut von dem Türken, seinem Unterdrücker, befreit haben. Das müßte er doch begreifen!“ Und da sehen wir plötzlich, daß ihn niemand unterdrückt! Welch eine beleidigende Situation, nicht wahr?