Dieses Zartgefühl, das wir Europa entgegenbringen, verläßt uns bei keiner Gelegenheit. Die türkischen Gefangenen verlangten Weißbrot und sie erhielten es sofort. Ja, die türkischen Gefangenen weigerten sich sogar, zu arbeiten. Fürst Meschtscherski schreibt in seinem „Tagebuch“ als Augenzeuge aus dem Kaukasus:

Unsere Gefangenen verließen Tiflis. Man wollte sie in offenen Wagen transportieren, sie aber revoltierten und erdreisteten sich, zu erklären, daß sie in solchen Wagen nicht fahren würden. Daraufhin gab man ihnen Postequipagen, jede Equipage mit sechs Pferden bespannt. Darüber drückten sie ihre Zufriedenheit aus. Die Folge davon aber war, daß aus Mangel an Pferden die Reisenden auf der großen Grusinischen Heerstraße dreimal vierundzwanzig Stunden warten mußten. Die russischen Offiziere aber, die die gefangenen Türken begleiteten, und die nur 50 Kop. täglich erhielten, setzte man nicht in die Equipage, sondern wie Bediente in einen Omnibus! Das nennt man dann „Humanität“! (Moskauer Nachrichten.)

Das ist freilich nicht Humanität, sondern eben jenes besagte Zartgefühl der europäischen Meinung gegenüber. „Europa sieht auf uns, folglich muß man in Galauniform den Paschas die besten Wagen anbieten.“

Die „Moskauer Nachrichten“ berichten unter anderem auch von dem Erstaunen der Moskowiter bei der Ankunft der gefangenen Türken, als sie sahen, wie man sie transportierte:

Die gefangenen türkischen Soldaten waren bequem in Waggons dritter Klasse untergebracht, die Offiziere in Waggons zweiter Klasse, und der Pascha nahm einen ganzen Waggon erster Klasse ein. „Warum wird ihnen so viel Luxus geboten?“ hörte man im Publikum fragen. „Unsere Grenadiere wurden aus Moskau in Viehwaggons transportiert, diese türkischen Gefangenen aber fahren in Luxuszügen.“

„Was, Grenadiere,“ rief darauf aus der Menge ein Kaufmann – „sogar unsere verwundeten Soldaten wurden in Viehwaggons transportiert, und dabei hatte man ihnen nicht einmal Stroh untergebreitet. Diesen feisten Pascha da, diesen Aufgefütterten, den hätte man in den Viehwagen einsperren sollen, damit er wenigstens etwas von seinem Fett verliert!“

„Dort unten haben sie unsere Verwundeten zu Tode gequält, ihnen die Sehnen herausgezogen, sie mit glühendem Eisen gebrannt, und jetzt werden sie bei uns dafür verhätschelt ...“

Solche Stimmen, bemerkt die Moskauer Zeitung, waren nicht vereinzelt; in ihnen tat sich die Volksmeinung kund: ist es doch schmerzlich zu sehen, daß diese Baschi-Bozuks, dieser ganze türkische Abschaum besser behandelt wird als unsere eigenen Soldaten.

Wir, die Intelligenz, sehen nichts Besonderes darin: es ist eben Zartgefühl oder richtiger die äußere Form eines Zartgefühls der europäischen Meinung gegenüber – und weiter nichts. Das ist doch schon zweihundert Jahre lang bei uns so Sitte gewesen – es wäre Zeit, sich daran zu gewöhnen!

Da ich einmal auf diese Dinge zu sprechen gekommen bin, will ich noch ein kennzeichnendes Beispiel wiedergeben. Ich las diese Geschichte vor kurzem in der Petersburger Zeitung, die sie einem Briefe entnommen hatte.