Lakaientum oder Zartgefühl
Bekanntlich sind alle intelligenten Russen außerordentlich taktvoll in Fällen, in denen es sich um Europa handelt, oder wenn sie glauben, daß Europa auf sie sehe – obgleich Europa sie im Grunde niemals beachtet.[48] Zu Haus aber, da entschädigen sie sich dafür: zu Hause wird der ganze Europäismus in den allermeisten Fällen beiseite geschoben ... Und wer von ihnen glaubt denn auch im Ernst an diese uns so lange schon gepredigten „europäischen Ideen“? Freilich, manch ehrlicher und guter Mensch glaubt einfach aus Herzensgüte an sie; aber gibt es denn viele solcher Menschen bei uns? Um die Wahrheit zu sagen: genau genommen, gibt es doch keinen einzigen Europäer unter uns; denn wir sind ja überhaupt nicht fähig, Europäer zu sein. Unsere Börsengeister und andere führende Geister haben die europäischen Ideen anscheinend bloß gepachtet. Russen aber mit großen, gesunden Gedanken, die glauben freilich nicht an diese „europäischen Ideen“; denn da ist auch wirklich nichts, woran zu glauben sich lohnte. Nichts ist uns unklarer, nebelhafter, unbestimmbarer als dieser Zyklus von Ideen, den wir in der Periode unserer zweihundertjährigen europäischen Nachahmung uns angeeignet haben, – in Wahrheit kein Zyklus, sondern ein Chaos abgerissener Gefühle, fremder, unverstandener Gedanken, fremder Schlüsse und fremder Gewohnheiten, – und alles in allem doch nur Worte und Worte, europäische liberale Worte vielleicht, aber für uns doch nur Worte und Worte.
Mit Papageieninstinkten läßt sich das gerade auch nicht erklären, ebensowenig mit einem Lakaientum russischer Gedanken Europa gegenüber. Lakaiengedanken gibt es ja sonst sehr viele bei uns, aber der höhere Grund unserer europäischen Knechtschaft ist doch wohl nicht ein Lakaientum, sondern schon eher unser angeborenes Zartgefühl Europa gegenüber. Man wird sagen, daß Zartgefühl und Lakaientum in dem Falle ein und dasselbe sei. In vielen Fällen – vielleicht, aber nicht in allen. Ich spreche hier selbstverständlich nicht von den Geistern, die ich vorhin erwähnte; diesen „Europäern“ ist es niemals weder um Europa noch um Rußland zu tun gewesen. Die hatten als kluge Menschen im Trüben gut fischen, und das taten sie denn auch zwei Jahrhunderte lang.
Da äußert sich, zum Beispiel, der Engländer Gladstone über den jetzigen russischen Krieg mit den Türken folgendermaßen:
„Was man auch sonst über einige Kapitel der russischen Geschichte sagen könnte, durch die Befreiung vieler Millionen Menschen unterdrückter Völker von einem harten und erniedrigenden Joch erweist Rußland der Menschheit einen der größten Dienste, deren sich die Geschichte der Menschheit erinnern wird.“
Was glauben sie wohl, würde solche Worte ein russischer Europäer je auszusprechen wagen? Nie und nimmer! Eher würde er sich die Zunge abbeißen, würde aus Zartgefühl über und über erröten, nicht nur vor Europa, sondern auch vor sich selbst, wenn er Ähnliches nur hörte oder es womöglich noch von einem Russen auf russisch geschrieben lesen müßte. „Um Gottes willen! Wie sollten wir uns unterstehen ... und noch dazu für die ganze Menschheit ... wir Russen? Wir, die wir noch nicht einmal mit der Nase an solche Aufgaben heranreichen, wir, mit unserem schiefen, unausgeglichenen Gesicht, sollen ‚die Menschheit befreien‘! Welch unliberaler Gedanke! Rußland befreit die Völker!!“
Das wäre die aufrichtige Meinung des russischen Europäers, und er schlüge sich eher die Finger ab, als daß er Gladstones Worten Ähnliches niederschriebe. „Gladstone kann ja vieles zu irgendwelchen Zwecken erfinden, aber von Rußland versteht er doch nichts,“ würde er behaupten. Einige von unseren Europäern aber würden nicht ohne Stolz noch hinzufügen: „Wir russischen Europäer sind vielleicht doch noch liberaler als die europäischen Europäer; denn wer von unseren nüchternen Köpfen würde jetzt auch nur mit einer Silbe von der Befreiung der Völker reden? Welch ein Rückschritt! Und Gladstone schämt sich nicht einmal, so etwas zu sagen!“
Wie soll man das nun nennen, meine Herren? Lakaientum oder Zartgefühl Europa gegenüber?
Ich bleibe doch bei der Ansicht, daß in der europäischen Periode unserer Geschichte das Zartgefühl eine große Rolle gespielt hat. Viele von unseren Europäern sind doch achtenswerte und tapfere Leute, Ehrenmänner durch und durch – wenn auch nach den Begriffen einer fremden, anerzogenen und von diesen unseren Rittern selbst nicht allemal verstandenen Ehre –, aber immerhin irgendeiner Ehre; sind Leute, die es nicht erlauben, daß man ihnen auf die Füße tritt. Wie kann man sie nur so mir nichts, dir nichts Lakaien nennen? Nein, das Zartgefühl beherrscht sie, nicht das Lakaientum!
Unsere Damen, die begeistert den gefangenen Türken Konfekt und Zigaretten bringen, tun das ja gleichfalls nur aus Zartgefühl. Jetzt haben einige undelikate Leute diese Damen zur Vernunft gewiesen, aber vorher ... Nehmen wir an, daß nach dem Eisenbahnzuge mit den gefangenen Türken, denen unsere Damen Buketts und Konfekt verehrten, ein zweiter Zug mit echten Baschi-Bozuks ankäme – mit dieser berühmten Landwehr, die sich ganz besonders durch das Zerreißen von Säuglingen auszeichnet und durch die Kunst, aus den Rücken der Mütter Riemen zu schneiden – ja, ich glaube, unsere Damen würden diesen zweiten Zug mit einem Schrei des Entzückens empfangen, würden die interessante Landwehr mit Süßigkeiten überschütten und in ihren Komitees womöglich Stipendien am Gymnasium für sie erwirken. O, man glaube mir, meine Voraussetzung ist durchaus nicht so phantastisch: dieses Zartgefühl kann sich bei uns bis zum Äußersten steigern. Wenn diese Damen sich im Spiegel betrachten, so denken sie sicher ganz verliebt in sich selbst: „Wie human, wie liberal wir doch sind!“ Ich glaube nicht, daß ich übertreibe! Dieser hochmütige Blick, zum Beispiel, den der sogenannte russische Europäer für unser Volk nur übrighat, und dieses Lächeln, mit dem er das Streben des Volkes kritisiert und ihm jegliches Denken abspricht – „außer einigen schreiend blöden Einfällen von einigen tausend Bauernköpfen und irgendeinem Dummkopf“ –: kommt das nicht dem gleich, was ich von unseren Damen gesagt habe?