„Aber so ist doch schon allein das interessant, wie ein jeder lügt,“ versetzte Ferdyschtschenko. „Du aber Ganetschka, brauchst dir darob, daß du lügen könntest, keine besonderen Sorgen zu machen, da doch deine schmählichste Tat ohnehin schon allen bekannt ist. Bedenken Sie doch nur, meine Herrschaften,“ rief er plötzlich geradezu begeistert aus, „mit welchen Augen wir dann einander ansehen werden, morgen zum Beispiel, nach den Erzählungen, was?!“

„Wie, soll es denn wirklich? ... Ist es denn wirklich Ihr Ernst, Nastassja Filippowna?“ fragte Tozkij würdevoll.

„Wer den Wolf fürchtet, soll nicht in den Wald gehen!“ war ihre spöttisch lächelnde Antwort.

„Aber erlauben Sie, Herr Ferdyschtschenko, ist denn das ein Gesellschaftsspiel?“ fuhr Tozkij, immer erregter, fort. „Ich versichere Sie, solche Späße gelingen nie. Sie sagten ja auch selbst, daß es bereits einmal nicht gelungen sei.“

„Wieso, wieso nicht gelungen? Habe ich nicht das vorigemal erzählt, wie ich einmal drei Rubel gestohlen habe? Da tat ich’s doch einfach und erzählte!“

„Nun ja. Aber es war doch von vornherein jede Möglichkeit ausgeschlossen, die Sache so zu erzählen, daß sie glaubhaft erschien. Und Gawrila Ardalionytsch hat ganz richtig bemerkt, daß das ganze Spiel sofort seine Pointe verliert, sobald man auch nur im geringsten von der Wahrheit abweicht. Die strikte Beobachtung der Wahrheit wäre in diesem Fall doch nur bei einer gewissen Prahlsucht schlechten Tones möglich, und dieser Ton ist hier doch ganz undenkbar, denke ich.“

„Herrgott, sind Sie mir mal ein delikater Mensch, Afanassij Iwanowitsch, Sie vernichten mich ja geradezu!“ lachte Ferdyschtschenko. „Mit dieser Bemerkung, meine Damen und Herren, hat ja Afanassij Iwanowitsch in der delikatesten Weise angedeutet, daß ich ganz unmöglich hätte stehlen können – was direkt zu sagen, wohl direkt unvornehm wäre – wenn er auch bei sich, versteht sich, vollkommen überzeugt ist, daß Ferdyschtschenko sehr wohl stehlen könnte! Doch zur Sache, meine Herren, die Lose sind vollzählig – und auch Sie, Afanassij Iwanowitsch, haben ja von sich einen Gegenstand in den Hut gelegt; folglich willigen Sie also ein, etwas zum besten zu geben. Bitte, Fürst, greifen Sie hinein.“

Der Fürst senkte schweigend die Hand in den Hut: der erste Gegenstand, den er hervorholte, war von Ferdyschtschenko hineingelegt worden, der zweite von Ptizyn, der dritte vom General, der vierte von Tozkij, der fünfte von ihm selbst, der sechste von Ganjä usw. Die Damen hatten es vorgezogen, sich nicht zu beteiligen.

„O Gott, welches Pech!“ jammerte Ferdyschtschenko. „Und ich glaubte, als erster würde der Fürst daran glauben müssen und als zweiter Seine Exzellenz! Doch zum Glück folgt Iwan Petrowitsch Ptizyn sogleich hinter mir, und das soll meine Entschädigung sein! Nun, dann – los, meine Herrschaften, ich muß mit gutem Beispiel vorangehen! Doch da tut es mir im Augenblick unsäglich leid, daß ich so gering bin und mich durch nichts auszeichne, nicht einmal durch einen Titel. Wie kann es da von Interesse sein, wie und wann und ob überhaupt ein Ferdyschtschenko mal was Gemeines begangen hat? Und schließlich: welches ist nun meine größte Schandtat? Hier gerät man ja förmlich in einen embarras de richesse![10] Es sei denn, daß ich wieder den Diebstahl der drei Rubel erzähle, um unseren verehrten Afanassij Iwanowitsch zu überzeugen, daß man sehr wohl stehlen kann, ohne dabei ein Dieb zu sein.“

„Sie überzeugen mich sogar davon, daß gewisse Leute tatsächlich ein Vergnügen bis zum Hochgenuß daran finden können, von ihren schmutzigen Taten zu erzählen, selbst dann, wenn niemand sie darum bittet. ... Doch übrigens ... Verzeihen Sie, Herr Ferdyschtschenko.“