„Aber gelang es denn auch, Ferdyschtschenko?“ erkundigte sich Nastassja Filippowna.

„Das ist es ja eben, daß es nicht gelang, oder wenn Sie wollen, gelang es, aber es wurde gemein. Allerdings weigerte sich niemand, zu erzählen, viele erzählten auch wahrheitsgetreu – und denken Sie sich nur: es erzählte gar manch einer mit aufrichtigem Vergnügen und Wohlgefallen! Dann aber schämte sich doch ein jeder. Hielten’s nicht aus. Im allgemeinen aber war es übrigens durchaus erheiternd, – in seiner Art, versteht sich ...“

„Vorzüglich! Das ist ja wie geschaffen für uns!“ fiel ihm Nastassja Filippowna ins Wort; sie war wie neu belebt. „Nein wirklich, das müssen wir doch versuchen, meine Herren! Es ist heute gar nicht lustig bei mir. Wenn nun ein jeder von uns bereit wäre, etwas zu erzählen ... irgend etwas in dieser Art – nicht? ... Natürlich nur, wenn er aus freien Stücken einwilligt – was meinen Sie? Vielleicht werden wir es aushalten? Wenigstens ist es furchtbar originell!“

„Oh, gewiß, es ist eine geniale Idee!“ begeisterte sich Ferdyschtschenko. „Die Damen brauchen übrigens nicht mitzuwirken, die Herren fangen an. Die Reihenfolge wird durch das Los bestimmt – so machten wir es auch damals. Unbedingt, unbedingt! Wer nun aber gar nicht will, der kann dann natürlich den Mund halten, nur ist es gerade keine Liebenswürdigkeit. Also, meine Herren, ein jeder gebe ein Pfand, irgendeinen x-beliebigen Gegenstand – hier ... hier ist ein Hut – also hier hinein, meine Herren, der Fürst wird dann die Pfänder herausnehmen. Die ganze Aufgabe ist ja so einfach, wie man sie sich einfacher gar nicht denken kann: die häßlichste Tat von allen im Laufe des Lebens begangenen ... wie gesagt: die Einfachheit selbst. Sie werden ja sehen, meine Herren. Und falls jemand sein schlechtes Gedächtnis vorschützen sollte, so werde ich dem schon nachzuhelfen wissen!“

Der Einfall war allerdings sehr eigenartig. Doch gefiel er keinem der Gäste. Einige waren verstimmt, andere lächelten verschmitzt, und wieder andere versuchten dies und jenes einzuwenden, doch taten sie es nur mit Vorsicht, so z. B. der General, der Nastassja Filippowna nie recht zu widersprechen wagte. Er hatte sogleich bemerkt, daß ihr dieser Einfall sehr zusagte – vielleicht nur weil er nichts weniger als alltäglich und eigentlich doch unerhört war. Nastassja Filippowna war aber in ihren Wünschen unberechenbar und rücksichtslos, wenn sie sie einmal offen zeigte, gleichviel, ob es auch die kindischsten und für sie selbst nutzlosesten Wünsche waren. Sie war jetzt wie im Fieber, konnte kaum ruhig sitzen. Das Lachen überkam sie wie ein Anfall, um dann ebenso plötzlich abzubrechen. Sie amüsierte sich köstlich über Tozkijs beleidigte und besorgte Miene. Ihre dunklen Augen glänzten. Auf ihren bleichen Wangen erschienen zwei rote Flecke. Der Schatten unbehaglichen Mißvergnügens in den Gesichtern einiger ihrer Gäste reizte noch mehr ihren Spott und ihre Heiterkeit. Vielleicht gefiel ihr am meisten an dem ganzen Einfall gerade der Zynismus und die Grausamkeit. Einzelne waren überzeugt, daß sie damit etwas ganz Besonderes bezweckte. Jedenfalls war man neugierig, wie es werden würde, und diese Neugier zog sogar sehr. Ferdyschtschenko war ganz Feuer und Flamme.

„Aber wenn es irgend etwas ist, das man nicht erzählen kann ... in Gegenwart von Damen?“ fragte schüchtern der schweigsame Jüngling.

„Dann erzählt man es eben nicht,“ versetzte Ferdyschtschenko. „Als ob Sie nur eine einzige Schändlichkeit begangen hätten! Ach, Sie – Jüngling!“

„Und ich weiß nicht einmal, welches gerade die schlechteste Tat ist, die ich begangen habe,“ seufzte die lebhafte Dame.

„Die Damen sind nicht verpflichtet, zu erzählen,“ wiederholte Ferdyschtschenko, „aber auch nur das: nicht verpflichtet! Inspiration aus eigener Initiative wird mit Anerkennung zugelassen. Die Herren dagegen werden nur dann der Pflicht enthoben, wenn sie nun mal ganz und gar nicht wollen.“

„Aber, wie wird man denn wissen, ob ich nicht lüge?“ fragte Ganjä. „Wenn ich aber lüge, ist doch der ganze Sinn des Spieles verdorben. Und wer wird nicht lügen? Das ist doch selbstverständlich, daß bei einer solchen Gelegenheit ein jeder lügt.“