„Ich habe nicht gesagt, daß Sie ... so eine seien, denn Sie sind es nicht!“ sagte der Fürst mit bebender Stimme.

„Nastassja Filippowna, laß gut sein, Täubchen, hör’, was ich sage, Täubchen,“ mischte sich plötzlich Darja Alexejewna ein, die sich nicht mehr bezwingen konnte, „wenn sie dich so ärgern, wozu läßt du sie dann hier sitzen? Willst du denn wirklich mit solch einem gehen, und wenn auch für hunderttausend! Nun ja, hunderttausend – sieh mal an! Ach was! – nimm die hunderttausend und ihn setz’ vor die Tür! Siehst du, so springt man mit solchen Leuten um! Weiß Gott, ich an deiner Stelle würde sie alle ... nein wirklich, was soll denn das!“

Darja Alexejewna ärgerte sich aufrichtig. Sie war eine gute und eindrucksfähige Seele.

„Aber so ärgere dich doch nicht, Darja Alexejewna,“ beruhigte Nastassja Filippowna sie lächelnd. „Ich habe ihm damit doch nichts Böses sagen wollen. Habe ich ihm denn Vorwürfe gemacht? Ich kann wirklich nicht verstehen, wie ich auf diesen albernen Einfall gekommen bin, in eine anständige Familie einzudringen. Ich habe auch seine Mutter gesehen und ihr die Hand geküßt. Daß ich mich aber so bei dir aufführte, Ganetschka, das tat ich ja nur, um einmal zu sehen, wozu du fähig bist. Nun, du hast mich in Erstaunen gesetzt, das muß ich sagen! Auf vieles war ich gefaßt, auf das aber doch nicht! Hättest du mich denn wirklich genommen, nachdem du gesehen, daß der General mir ein so kostbares Geschenk macht und ich es fast am Tage vor der Trauung mit dir annehme? Und dann noch Rogoshin! Der hat doch in deinem Hause in Gegenwart deiner Mutter und Schwester mich zu kaufen versucht, du aber bist trotzdem als Bewerber gekommen und hast beinahe noch deine Schwester mitgebracht! Ist es denn wirklich wahr, was Rogoshin von dir sagt, daß du für drei Rubel auf allen vieren bis zum Wassiljewskij Prospekt kriechst?“

„Sicher!“ sagte plötzlich Rogoshin halblaut vor sich hin, doch in einem Tone, aus dem felsenfeste Überzeugung sprach.

„Ich würde nichts sagen, wenn du dem Hungertode nahe wärst, aber du bekommst doch, soviel ich weiß, ein gutes Gehalt! Und obendrein, außer der Schande, hättest du ja dann eine verhaßte Frau in dein Haus einführen müssen! – denn du haßt mich doch, das weiß ich. Nein, jetzt glaube ich es, daß so einer wie du für Geld Menschen erdrosselt! Hat sie doch heutzutage alle eine solche Geldgier ergriffen, daß sie förmlich von Sinnen zu sein scheinen – so werden sie von der Habsucht beherrscht. Unreife Jungen wollen Wucherer sein! Oder sie umwickeln die Rasiermesserachse mit einem dicken Seidenfaden, damit das Messer feststeht, und schleichen dann hinterrücks an den Freund heran und schlachten ihn wie einen Hammel, wie ich vor kurzem noch gelesen habe. Ein Schamloser bist du, Ganjä! Auch ich bin eine Schamlose, du aber bist es noch hundertmal mehr. Von diesem Blumenbesorger da will ich schon gar nicht reden ...“

„Sind Sie das, Nastassja Filippowna, sind denn Sie das!“ rief der General aus, in aufrichtigem Staunen die Hände erhebend. „Sie, die Sie so zartfühlend sind, so vornehm denken, – und nun! Welch eine Sprache! Was für Worte!“

„Ich bin jetzt im Rausch, Exzellenz!“ lachte plötzlich Nastassja Filippowna auf, „ich will durchgehen! Heute ist mein Tag, mein Jahrestag, mein Schaltjahr! Ich habe lange genug darauf gewartet! Darja Alexejewna, siehst du den Bukettherrn dort, jenen Monsieur aux camélias,[18] da sitzt er und lacht über uns ...“

„Ich lache nicht, Nastassja Filippowna, ich höre nur mit größter Aufmerksamkeit zu,“ versetzte Tozkij würdevoll.

„Nun, sag’ doch, wozu habe ich ihn wohl ganze fünf Jahre lang gequält und nicht von mir fortgelassen? War er denn das wert? Er ist doch nur so, wie er sein muß ... Er kann ja schließlich noch schuldige Dankbarkeit von mir verlangen: er hat mich doch erziehen lassen, hat mich wie eine Gräfin ausgestattet und Geld, – Gott! – wieviel Geld er für mich ausgegeben hat! Schon dort hat er für mich einen ehrenwerten Mann gesucht und hier schließlich Ganetschka gefunden. Und was glaubst du wohl: ich habe in diesen fünf Jahren nicht mit ihm gelebt und dabei doch Geld von ihm angenommen und noch obendrein geglaubt, ich hätte ein Recht dazu! Ich hatte mich ja selbst ganz irre gemacht. Du sagst, nimm die hunderttausend und jage ihn fort, wenn es dich anekelt. Es ist wahr, es ekelt mich an ... Ich hätte ja schon längst heiraten können, und noch ganz andere als Ganetschka, aber es war doch zu ekelhaft. Und wozu habe ich nun meine fünf Jahre verloren! Aber wirst du’s mir glauben, vor etwa vier Jahren dachte ich eine Zeitlang daran, ob ich nicht schließlich wirklich noch meinen Afanassij Iwanowitsch heiraten sollte! Aus Haß dachte ich daran – als ob ich wenig Einfälle gehabt hätte! Und glaub’ mir, ich hätte es auch durchgesetzt! Er hat sich mir ja selbst angetragen, kannst du dir das vorstellen? Freilich tat er es nicht aus Liebe, aber er war doch gar zu erpicht, konnte es nicht aushalten. Da überlegte ich es mir aber noch zum Glück und dachte: Ist er denn solcher Bosheit überhaupt wert, lohnt es sich denn? Und da wurde er mir plötzlich so ekelhaft, daß ich ihn, selbst wenn er allen Ernstes um mich angehalten hätte, für keinen Preis genommen haben würde. Und so habe ich es die ganzen fünf Jahre getrieben! Nein, lieber auf die Straße, wohin ich ja doch sowieso gehöre! Entweder mit Rogoshin in Saus und Braus, oder ich werde morgen noch Wäscherin! Denn ich habe ja doch nichts, mir gehört ja nichts! Wenn ich fortgehe, werfe ich ihm alles hin, alles, alles, auch den letzten Lappen; ohne alles aber wird mich ja doch niemand nehmen, frag mal Ganjä! Nicht einmal Ferdyschtschenko würde mich nehmen!“