„Fertige“, in des Wortes buchstäblicher Bedeutung, gab es wiederum keinen einzigen unter ihnen; denn Rogoshin hatte selbst die ganze Zeit über streng darauf achtgegeben, daß sie sich nicht betranken. Mußte er doch, was es auch kosten mochte, noch vor Mitternacht mit hunderttausend Rubeln bei Nastassja Filippowna erscheinen! Er selbst war inzwischen vollkommen nüchtern geworden, doch dafür war er jetzt wie betäubt von all den Aufregungen dieses Tages, dem an Wildheit kein einziger seines früheren Lebens gleichkam. Nur ein einziger Gedanke lebte in seinem glühenden Hirn, seinem klopfenden Herzen, seinem ganzen rasenden Wesen, und der verließ ihn keine Minute, keinen Augenblick. Nur für dieses eine quälte er sich, sprach, dachte, arbeitete er rastlos von fünf Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts in verzehrendem Verlangen und zitternder Aufregung, während er mit Biskup und Konsorten, die sich im Eifer für ihn fast zerrissen, das Geld zusammenscharrte. Und er hatte seinen Willen durchgesetzt: noch vor elf Uhr nachts hatte er hunderttausend Rubel in barem Gelde aufgetrieben – für Prozente, von deren Höhe selbst Biskup aus Schamgefühl nur flüsternd mit seinen Genossen sprach.
Wieder war es Rogoshin, der als erster eintrat, und dem sich dann die anderen nachschoben, was sie trotz des vollen Bewußtseins ihrer Macht doch etwas schüchtern taten. Am meisten fürchteten sie sich vor Nastassja Filippowna. Viele waren sogar fest überzeugt, daß sie allesamt die Treppe hinunterbefördert werden würden. Dieser Meinung war unter anderen auch der Stutzer und Herzensbesieger Saljosheff. Die anderen jedoch, und zu denen gehörte vor allen der Faustmensch, empfanden, wenn sie es auch nicht in ihren Worten äußerten, in ihrem Herzen nur tiefste Verachtung und sogar Haß für Nastassja Filippowna und gingen zu ihr, wie man zu einem Werk der Zerstörung zieht. Doch siehe, die kostbare Ausstattung der ersten zwei Zimmer, die vielen nie gesehenen, ihnen ganz märchenhaft erscheinenden Dinge, die Gemälde an den Wänden, die Portieren, die weiße Mamorstatue der Venus von Milo – alles das machte einen niederdrückenden Eindruck auf die Schar und flößte ihnen beinahe Furcht ein. Aber das hinderte sie natürlich nicht, sich allmählich immer weiterzuschieben und trotz aller Furchtsamkeit mit frecher Neugier sich hinter Rogoshin auch in den Salon hineinzudrängen. Als sie jedoch plötzlich unter den Gästen den General erblickten, durchfuhr sie wiederum ein unbehagliches Gefühl, und einige von ihnen, voran der Faustmensch und der Boxkünstler, begannen eingeschüchtert ins andere Zimmer zurückzudrängen. Nur Lebedeff, der am meisten seiner Stimmung „nachgeholfen“ hatte, hielt sich dicht neben Rogoshin; denn er wußte, was es heißt, ein Kapital von einer Million vierhunderttausend Rubeln zu besitzen und hunderttausend bar in der Hand zu halten. Übrigens waren sie alle – selbst der Kenner Lebedeff nicht ausgeschlossen – etwas unsicher in der Beurteilung ihrer Macht: und ob ihnen denn jetzt auch wirklich alles oder nur manches erlaubt war? Lebedeff war in manchem Augenblick zum heiligsten Schwur bereit, daß ihnen alles, entschieden alles erlaubt sei; doch empfand er in anderen Augenblicken wiederum das beunruhigende Bedürfnis, sich auf alle Fälle einzelne vornehmlich beruhigende Paragraphen des Zivilgesetzes zu vergegenwärtigen.
Auf Rogoshin selbst machte die kostbare Einrichtung der Wohnung Nastassja Filippownas einen ganz anderen Eindruck als auf seine Begleiter: sie bewirkte bei ihm gerade das Gegenteil. Kaum hatte er die Portieren zurückgeschlagen und Nastassja Filippowna erblickt, als alles andere für ihn zu existieren aufhörte, ganz wie auch schon vorher in der Wohnung Ganjäs, nur daß es diesmal noch erschütternder geschah. Er erbleichte und blieb stehen, und man erriet, daß sein Herz unerträglich schlug. Scheu und wie geistesabwesend sah er Nastassja Filippowna ein paar Sekunden lang an, ohne den Blick von ihr loszureißen. Plötzlich – es war, als hätte er die Besinnung verloren – schritt er fast wankend näher zum Tisch ... unterwegs stieß er an Ptizyns Stuhl und trat der hübschen Deutschen mit seinen schmutzigen, derben Stiefeln auf die spitzenbesetzte Schleppe ihrer kostbaren, hellblauen Abendtoilette ... weder entschuldigte er sich, noch schien er es bemerkt zu haben. Vor dem Tisch blieb er stehen und legte einen Gegenstand auf ihn hin, den er schon beim Eintritt in den Händen gehalten hatte – vor sich in beiden Händen. Es war ein Paket von etwa drei Zoll Höhe und vier Zoll Länge, in ein Blatt der Börsenzeitung fest eingewickelt und mehrmals kreuzweise mit einer Schnur fest umbunden, einer Schnur, von der Art, wie sie um Zuckerhüte gebunden zu sein pflegt. Und nachdem er das Paket hingelegt hatte, trat er mechanisch wieder einen Schritt zurück, seine Hände sanken herab und stumm blieb er stehen, als erwarte er sein Urteil. Er war in denselben Kleidern wie vorhin, nur um den Hals hatte er ein ganz neues seidenes Halstuch – grün mit Rot – das vorn mit einer großen Brillantnadel, die einen Käfer darstellte, festgesteckt war; und an dem schmutzigen Finger seiner rechten Hand trug er einen massiv goldenen Ring, gleichfalls mit einem großen Brillanten. Lebedeff war drei Schritte vom Tisch stehen geblieben. Von den übrigen hatten sich nur wenige in den Salon gewagt. Katjä und Pascha, Nastassja Filippownas Zofen, sahen erschrocken und erstaunt hinter der Portiere einer anderen Tür hervor.
„Was ist das?“ fragte Nastassja Filippowna, nachdem sie aufmerksam und lebhaft Rogoshin betrachtet hatte, mit dem Blick auf das Paket in Zeitungspapier weisend.
„Hunderttausend!“ antwortete jener fast flüsternd.
„Ah, er hat sein Wort gehalten, nicht übel! Bitte, – nehmen Sie Platz, dort auf jenem Stuhl. Ich werde Ihnen später etwas sagen. Wer ist dort noch? Die ganze Gesellschaft vom Nachmittag? Nun, mögen sie hereinkommen und sich setzen. Dort auf dem Sofa ist noch Platz, und auch dort auf jener Chaiselongue. Dort sind noch zwei Sessel ... wie, Sie wollen nicht?“
In der Tat waren einige der Menschen verlegen geworden und zogen sich immer mehr ins andere Zimmer zurück, um dort den Verlauf der Dinge abzuwarten. Andere jedoch blieben im Salon und nahmen nach der Aufforderung auch wirklich Platz, nur taten sie es möglichst fern vom Tisch und bevorzugten namentlich die dunkleren Ecken. Einige hätten sich immer noch lieber gedrückt. Einzelne wiederum gewannen erstaunlich schnell ihren Mut zurück, der dann zusehends wuchs. Rogoshin hatte sich gleichfalls auf dem ihm angewiesenen Stuhle niedergelassen; doch erhob er sich bald wieder, um sich dann nicht mehr zu setzen. Allmählich begann er auch die Gäste, gleichsam jetzt erst, zu bemerken. Als er Ganjä erblickte, lächelte er höhnisch und sagte nur halblaut ein spöttisches „Seht doch!“ Den General und Tozkij sah er ohne jede Verwirrung und sogar ohne jedes besondere Interesse an. Als er jedoch neben Nastassja Filippowna den Fürsten erblickte, konnte er vor Erstaunen lange den Blick nicht von ihm abwenden, ganz als wäre er nicht imstande gewesen, sich über diese Begegnung Rechenschaft abzulegen. Man konnte glauben, daß er, wenigstens in manchen Augenblicken, ganz benommen war, wie ein wachend Träumender; denn abgesehen von allen Erschütterungen dieses Tages, hatte er die letzte Nacht auf der Reise zugebracht und nun wohl schon zwei Nächte nicht geschlafen.
„Das hier, meine Herren, sind hunderttausend Rubel,“ sagte Nastassja Filippowna, sich mit einer geradezu fieberhaft ungeduldigen Herausforderung an die Anwesenden wendend, „hier in diesem schmutzigen Zeitungspapier. Vorhin bei Ganetschka rief er plötzlich wie ein Irrsinniger aus, daß er mir noch heute abend hunderttausend Rubel bringen werde, und ich habe ihn hier die ganze Zeit erwartet. Er wollte mich nämlich kaufen: zuerst bot er mir achtzehntausend, dann sprang er plötzlich auf vierzig, und dann – auf die hundert hier. Er hat also sein Wort gehalten! Pfui, wie bleich er geworden ist! ... Das geschah vorhin bei Ganetschka: ich war zu ihm hingefahren, um seiner Mutter einen Besuch zu machen und meine zukünftigen Verwandten kennen zu lernen; doch seine Schwester schrie mir ins Gesicht: ‚Ist denn niemand hier, der diese Unverschämte hinausweist!‘ worauf sie ihrem Brüderchen Ganetschka ins Gesicht spie. Ja, ein charaktervolles Mädchen ist sie, das muß man ihr lassen!“
„Nastassja Filippowna!“ sagte der General vorwurfsvoll. Er begann zu begreifen, was hier vor sich ging – allerdings nur auf seine Art.
„Wie beliebt? Unanständig, was? Ach, Exzellenz, lassen wir doch die Maske fallen! Daß ich im französischen Theater wie eine unnahbare Beletagentugend saß und alle, die sich fünf Jahre lang um mich bewarben, wie eine Wilde floh und dabei die Miene einer stolzen Unschuld aufsetzte, – das waren ja doch alles nur Albernheiten! Da, da steht jetzt vor Ihnen einer, der hunderttausend auf den Tisch geworfen hat, nach fünf Jahren Unschuld! – und sicher hat er schon seine Troiken bereit, die nur auf mich warten. Auf hunderttausend hat er mich geschätzt! Ganetschka, ich sehe, du bist mir immer noch böse? Ja, wolltest du mich denn wirklich in deine Familie einführen? Mich, die so eine für einen Rogoshin ist!? Was sagte doch der Fürst vorhin?“