„Aber ... wie, alle, Nastassja Filippowna? Sie sind doch so unanständig! Ganz schrecklich!“
„Ja, laß alle herein, Katjä, du brauchst dich nicht zu fürchten, alle ohne Ausnahme, sonst werden sie auch ohne dich eintreten. Da, wie sie schon lärmen, ganz wie vorhin! Meine Herren, wird es Sie nicht kränken, daß ich diese ganze Schar in Ihrer Gegenwart empfange? Das täte mir sehr leid. Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber es muß sein, und ich würde es sehr gern sehen, wenn Sie einwilligten, Zeugen dieses entscheidenden Augenblicks zu sein ... Doch übrigens, ganz wie Sie wollen ...“
Die Gäste wußten vor Überraschung nicht, was sie tun sollten: sie sahen sich gegenseitig fragend an, wunderten sich, hier und da wurden wohl auch schnell und besorgt ein paar Worte geflüstert, – doch klar war nur eines: daß Nastassja Filippowna diesen Besuch vorausgesehen hatte, und daß, von Sinnen wie sie war, niemand sie mehr von der Ausführung ihres Vorhabens ablenken konnte. Hinzu kam, daß alle von unsäglicher Neugier erfaßt wurden. Und schließlich war ja nicht viel zu befürchten. Von Damen befanden sich nur zwei unter den Gästen: die lebhafte Darja Alexejewna, die als Schauspielerin schon so manches erlebt hatte und deshalb auch schwer einzuschüchtern war; und dann die schöne, doch schweigsame Unbekannte – diese begriff jedoch kaum etwas von dem, was um sie herum vorging: sie war eine zugereiste Deutsche und verstand kein Wort Russisch. Außerdem war sie allem Anscheine nach ebenso dumm wie hübsch. Es war nun einmal zur Gewohnheit geworden, sie als Dekorationsstück einzuladen. Was aber die Herren betraf, so war Ptizyn z. B. ein guter Bekannter von Rogoshin, und Ferdyschtschenko gar, der fühlte sich in dieser Gesellschaft wie ein Fisch im Wasser. Ganetschka war immer noch wie betäubt, empfand aber, wenn auch halb unbewußt, so doch um so unbezwingbarer das heiße Verlangen, bis zum Ende an seinem Pranger stehen zu bleiben. Der alte Lehrer, der ebenfalls begriff, um was es sich handelte, war dem Weinen nahe und zitterte buchstäblich vor Angst, da ihn die allgemeine Erregung und der ungewohnte Zustand Nastassja Filippownas, die er wie seine Enkeltochter vergötterte, aufrichtig erschreckte. Nein, der wäre eher gestorben, als daß er sie in einem solchen Augenblick verlassen hätte. Tozkij dagegen hätte sich sonst nie und nimmer so kompromittiert, daß er mit dieser „Kohorte“ unter einem Dach verweilte, nur war er leider gar zu sehr bei der Sache interessiert: Nastassja Filippowna hatte da einige Worte fallen lassen, nach denen er unmöglich so einfach wegfahren konnte, ohne sich vorher in der ganzen Sache Klarheit verschafft zu haben. Er beschloß also, gleichfalls bis zum Ende auszuharren, wenn auch, wie er sich vornahm, nur als völlig stummer Beobachter, was er der Wahrung seiner Würde durchaus schuldig zu sein glaubte. Nur Jepantschin, den Nastassja Filippowna noch vor einem Augenblick durch die so unzeremonielle und lächerliche Rückgabe seines Geschenks beleidigt hatte, fühlte sich durch diese neue Exzentrizität, den Empfang Rogoshins, gar zu sehr gekränkt. Überdies hatte er sich für sein Empfinden ja ohnehin schon dadurch unglaublich erniedrigt, daß er neben einem Ptizyn und einem Ferdyschtschenko gesessen. Doch was die Macht der Leidenschaft verschuldet hatte, das mußte jetzt schleunigst das Pflichtgefühl, wollte er sich seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung nicht unwürdig zeigen, gutmachen; denn sonst hätte er seine ganze Selbstachtung eingebüßt. Nein, Rogoshin und dessen Kohorte waren mit der Anwesenheit Seiner Exzellenz unvereinbar!
„Ach, Exzellenz,“ besann sich auch sogleich Nastassja Filippowna, kaum daß er einen Schritt auf sie zugetreten war, „verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit! Sie können mir glauben, daß ich es nicht anders erwartet habe. Wenn es Ihnen so entwürdigend erscheint, so werde ich Sie nicht zurückhalten, obschon ich gerade Sie jetzt sehr gern bei mir sehen würde. Nun, jedenfalls danke ich Ihnen sehr für Ihre freundlichen Besuche und die schmeichelhafte Aufmerksamkeit ... doch wenn Sie fürchten ...“
„Erlauben Sie, Nastassja Filippowna,“ unterbrach sie der General mit galanten Eifer in einem Anfall ritterlicher Großmut, „zu wem sagen Sie das? Ich werde jetzt unbedingt bei Ihnen bleiben, schon allein zum Beweis meiner Ergebenheit, und zudem, falls Ihnen eine Gefahr drohen sollte ... Ich bin sogar außerordentlich gespannt ... Im Gegenteil, ich meinte nur, ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß diese Leute doch nur die Teppiche ruinieren und dies oder jenes zerschlagen könnten ... Wirklich, Nastassja Filippowna, tun Sie es lieber nicht, empfangen Sie sie lieber nicht – ich rate Ihnen gut! Wozu auch?“
„Da! Rogoshin selbst!“ rief Ferdyschtschenko.
„Was meinen Sie, Afanassij Iwanowitsch,“ flüsterte der General noch schnell seinem Freunde Tozkij zu, „sollte sie nicht irrsinnig geworden sein? ich meine es ohne jede Symbolik – ganz realiter irrsinnig? was meinen Sie?“
„Ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie von jeher dazu disponiert gewesen ist,“ flüsterte Tozkij ironisch zurück.
„Und jetzt noch die Influenza ...“
Rogoshins Rotte bestand fast aus denselben zweifelhaften Individuen, mit denen er schon bei Ganjä eingedrungen war. Hinzugekommen waren nur noch zwei: ein heruntergekommener Alter, der seinerzeit Redakteur gewesen war – Herausgeber irgendeines kleinen skandalösen Lokalblattes, das ausschließlich polemische Artikel brachte – und von dem man sich erzählte, daß er seine ganze Habe und sogar sein falsches Gebiß vertrunken habe; und dann noch irgendein verabschiedeter Unterleutnant, der in jeder Beziehung, sowohl dem Gewerbe, wie der Bestimmung nach, ein Gegner und Konkurrent des Riesen mit den Fäusten zu sein schien, und den kein einziger der Rogoshinschen Rotte kannte. Er hatte sich ihnen auf dem Newskij angeschlossen, wo er täglich auf der Sonnenseite die Vorübergehenden in hochtrabenden Reden um eine „Unterstützung“ anging, und zwar gewöhnlich mit der Begründung, daß er einst selbst Bettlern „an die fünfzehn Rubel“ gegeben habe. Beide Konkurrenten verhielten sich sofort feindlich zueinander, ja, der Herr mit den Fäusten fühlte sich durch die Aufnahme des „Bettlers“ in die „Kompagnie“ direkt beleidigt, und da er von Geburt schweigsam war, brummte er nur wie ein Bär und blickte mit tiefster Verachtung auf die Einschmeichelungsversuche des andern herab, der ziemlich weltgewandt und diplomatisch veranlagt zu sein schien. Dem Äußern nach zu urteilen, hätte der Unterleutnant, wenn es zu einem Kampf zwischen ihnen gekommen wäre, es mehr mit Gewandtheit und Geschick als mit Kraft versuchen müssen, so viel kleiner als der Faustmensch war er von Wuchs. Vorsichtig, ohne sich in offenen Streit einzulassen, und dabei doch unendlich selbstbewußt, hatte er schon ein paarmal die Vorzüge des englischen Faustkampfes angedeutet, und daß er selbst ein Meister in der „Boxkunst“ sei. Kurzum, er schien sich als waschechten Westeuropäer aufspielen zu wollen. Der Faustmensch dagegen hatte bei dem Worte „Boxkunst“ nur ein verächtliches Lächeln für den Gegner übrig gehabt und seinerseits, gleichfalls offenen Widerspruch vermeidend, schweigend und halb wie aus Versehen ein äußerst nationales Attribut – eine riesige, sehnige, förmlich verknotete und mit rötlichem Flaum bedeckte Faust – hin und wieder vorgeschoben. Allen ward es denn auch ohne weiteres klar, daß, wenn diese ultranationale Keule gutgezielt auf einen Gegenstand herabsauste, nur noch ein nasser Fleck von diesem übrigbleiben würde.