„Es ist aber doch lächerlich, sich einem so kleinen Bengel anzuvertrauen,“ sagte Aglaja, indem sie Koljä den Brief zurückgab, in beleidigendem Tone und ging mit verächtlicher Miene an ihm vorüber.

Das aber war denn doch zu empörend für Koljä! Er hatte sich noch absichtlich zu diesem Nachmittage von Ganjä dessen neue Krawatte ausgebeten, ohne einen Grund anzugeben, und nun wurde er so behandelt! Er fühlte sich tief und grausam beleidigt.

II.

Es war in den ersten Tagen des Juni und das Wetter war in Petersburg schon seit einer ganzen Woche selten schön. Jepantschins besaßen eine prächtige eigene Villa in Pawlowsk[12]. Eines schönen Tages bekam die Generalin Sehnsucht nach dem frischen Grün des Parks dort draußen, und in zwei Tagen war die Familie übergesiedelt.

Zwei oder drei Tage darauf traf mit dem Frühzug aus Moskau Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin in Petersburg ein. Ihn erwartete niemand; doch als er das Kupee verließ, schien es ihm plötzlich, daß ein seltsamer, glühender Blick zweier Augen aus der Menge, die sich auf dem Bahnsteig drängte, starr auf ihn gerichtet wäre. Er sah genauer hin, doch es war nichts mehr zu sehen. Natürlich war es ihm nur so vorgekommen, wie man zuweilen etwas vor den Augen flimmern sieht; doch nichtsdestoweniger blieb in ihm eine unangenehme Empfindung zurück, die ihn in seiner traurigen, nachdenklichen Stimmung noch mehr bedrückte. Der Fürst sah unruhig und besorgt aus.

Er nahm eine Droschke und sagte dem Kutscher, er solle ihn zu einem Hotel fahren. In der Nähe der Liteinaja hielt der Kutscher vor einem mittelmäßigen Gasthof. Der Fürst ließ sich zwei Zimmer anweisen, schien es kaum zu bemerken, daß sie klein, dunkel und schlecht möbliert waren, wusch sich, kleidete sich um, verlangte sonst nichts und ging eilig wieder fort, als hätte er gefürchtet, unnütz seine kostbare Zeit zu verlieren oder irgend jemand nicht zu Hause anzutreffen.

Hätte ihn jetzt jemand von seinen früheren Bekannten gesehen, die ihn vor sechs Monaten in Petersburg kennen gelernt, so würden sie ihn auf den ersten Blick sehr verändert gefunden haben, und zwar zum Besseren verändert. Doch im Grunde genommen war es wohl kaum der Fall. Nur die Kleidung war allerdings ganz anderer Art: sie war in Moskau gearbeitet, und man sah ihr sofort den guten Schneider an; aber schließlich wäre auch an ihr etwas auszusetzen gewesen: es war alles zu sehr nach der Mode gefertigt, wie es eben alle guten Schneider machen, und das paßte nicht zu einem Menschen, der sich dafür nicht im geringsten interessierte, so daß Lachlustige bei näherem Betrachten des Fürsten vielleicht Grund zu einem Lächeln gefunden hätten ... Doch worüber lächeln diese Leute schließlich nicht?

Der Fürst nahm wieder eine Droschke und fuhr nach Peski. In der Roshdestwenskijstraße fand er alsbald ohne Mühe die Hausnummer, die er suchte. Zu seiner Verwunderung war es ein sehr hübsches, wenn auch nicht großes hölzernes Häuschen, das offenbar sauber und in guter Ordnung gehalten wurde, und an der Straße davor lag sogar ein kleines Gärtchen, in dem Sonnenblumen blühten. Die Fenster zur Straße waren geöffnet, und man hörte eine laute Stimme fast schreiend reden, und zwar redete sie so ununterbrochen, daß man glauben konnte, es werde etwas laut vorgelesen oder eine Rede gehalten, die nur hin und wieder von schallendem Gelächter heller, jugendlicher Stimmen übertönt wurde. Der Fürst trat auf den Hof, stieg eine kleine Treppe zum Flur hinauf und fragte nach Herrn Lebedeff.

„Da ist er ja, hören Sie ihn denn nicht!“ sagte die Küchenmagd, die mit aufgekrempelten Ärmeln erschienen war, um ihm die Tür zu öffnen – und ärgerlich wies sie mit dem Finger auf die Zimmertür.

Dem Fürsten blieb nichts anderes übrig, als durch die bezeichnete Tür einzutreten. Das Besuchszimmer Lebedeffs war sehr sauber und sogar mit einer gewissen Prätention auf Komfort eingerichtet, d. h. in dem nicht hell-, aber auch nicht gerade dunkelblau tapezierten Zimmer befanden sich ein Sofa, ein runder Tisch, eine Stutzuhr unter einer Glasglocke, zwischen den Fenstern ein Stehspiegel, und an dem Ampelhaken in der Mitte der Decke hing an einer Bronzekette ein alter, kleiner Kronleuchter mit Glasprismen. Herr Lebedeff, der mit dem Rücken zur Tür stand, durch die der Fürst eingetreten war, befand sich wegen der Sommerhitze nur in Hemdsärmeln und Weste – der Rock war im Zimmer nicht zu sehen – und redete unter überzeugungsvollen Faustschlägen gegen die eigene Brust ohne Punkt und Komma in hinreißender Begeisterung. Seine Zuhörer waren: ein etwa fünfzehnjähriger Knabe mit einem lustigen und nicht dummen Gesicht und einem Buch in der Hand, ein zwanzigjähriges Mädchen in Trauerkleidern mit einem kleinen Kinde im Steckkissen auf den Armen, ein dreizehnjähriges Mädchen, gleichfalls in Trauer, das beim Lachen den Mund erschreckend weit aufriß, und ferner noch ein äußerst seltsamer Zuhörer, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, mit einem recht hübschen Gesicht, mit dichtem, dunklem, ziemlich langem Haar, großen dunklen Augen und einem kleinen Ansatz zu jenem kurz geschnittenen Backenbart, der kaum bis zur halben Wange reichte, wie man ihn zu Anfang des Jahrhunderts trug. Allem Anscheine nach unterbrach dieser Zuhörer mitunter den unaufhaltsam redenden Lebedeff, und wahrscheinlich waren es seine Fragen, die das übrige Publikum zu schallendem Gelächter reizten.