„Fünfzig Rubel, wenn ich gewinne, und nur fünf, wenn ich verliere,“ erklärte Lebedeff plötzlich mit einer ganz anderen Stimme, als er bisher gesprochen, mit einer so zahmen, als hätte er nie geschrien.
„Na, natürlich ist er durchgefallen, es ist ja doch nicht mehr die gute alte Zeit, man hat sich nur krank gelacht über ihn. Aber er ist doch ungeheuer zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. ‚Bedenken Sie,‘ hat er gesagt, ‚bedenken Sie, meine hochverehrten Herren Richter, ohne Ansehen der Person, wollte sagen, ganz unparteiisch, daß dieser armselige Greis, dem die Füße schon den Dienst versagen, und der von ehrlicher Arbeit lebt, daß er somit sein letztes Stück Brot verlieren würde! Gedenket der weisen Worte des Gebers aller Gesetze: Es walte die Milde im Gericht!‘ – Und was glauben Sie, diese Rede hält er an jedem Morgen, den Gott werden läßt, vor der versammelten Familie, Wort für Wort, wie er sie dort gehalten hat. Heute war’s schon das fünftemal; kurz bevor Sie kamen, redete er wieder, dermaßen hat er sich in sie verliebt. Leckt sich die Lippen ab vor lauter Gefallen an sich selbst. Und nun bereitet er sich vor, wieder irgend jemand zu verteidigen ... Sie sind, glaube ich, Fürst Myschkin? Koljä hat mir schon von Ihnen erzählt; einen klügeren Menschen als Sie habe er noch nie angetroffen, und es gäbe einen solchen auch wohl in der ganzen Welt nicht ...“
„Stimmt! Stimmt! gibt ’s auch nicht!“ mußte Lebedeff sofort bestätigen ...
„Na, was dieser sagt, das brauchen Sie nicht zu glauben, der lügt jedes Wort. Der eine liebt Sie und dieser will Ihnen bloß schmeicheln. Was nun mich betrifft, so habe ich durchaus nicht die Absicht, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, das sei vorausgeschickt. Aber Sie sind doch immerhin ein vernünftig denkender Mensch, – seien Sie jetzt mal unser Richter und schlichten Sie unseren Streit. Na, du, willst du, der Fürst soll unser Richter sein?“ wandte er sich an den Onkel. „Ich bin sogar sehr froh darüber, daß Sie uns in den Weg gelaufen sind, Fürst.“
„Abgemacht! Ich will’s auch!“ rief Lebedeff entschlossen aus und sah sich unwillkürlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurücken begann.
„Was haben Sie denn hier zu schlichten?“ fragte der Fürst stirnrunzelnd.
Sein Kopf tat ihm weh, und zudem fühlte er mit jedem Augenblick deutlicher, daß Lebedeff ihn betrog und sehr froh darüber war, daß er die Aussprache hinausschieben konnte.
„Also, die Sache verhält sich so: Ich bin sein Neffe, das hat er seltsamerweise nicht gelogen, wenn er auch sonst alles lügt. Ich bin Student, habe aber das Studium nicht beendet, doch will und werde ich es unfehlbar beenden, denn ich habe Charakter. Vorläufig aber nehme ich, um meine Existenz fortzusetzen, eine Anstellung an der Eisenbahn für fünfundzwanzig Rubel monatlich an. Ich gestehe freiwillig und gebe zu, daß er mir zwei- oder dreimal bereits geholfen hat. Nun besaß ich zwanzig Rubel und die habe ich jetzt verspielt. Werden Sie es glauben, Fürst, ich war tatsächlich so gemein, so unendlich dumm, daß ich sie verspielte? ...“
„Und noch an einen Schurken, an einen Schurken, den er gar nicht hätte bezahlen dürfen!“ schrie Lebedeff.
„Ja, an einen Schurken, den man jedoch nichtsdestoweniger bezahlen muß,“ fuhr der junge Mann fort. „Daß er aber ein Schurke ist, kann auch ich bezeugen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er dich mal gerupft hat. Das ist nämlich, müssen Sie wissen, ein heruntergekommener ehemaliger Offizier, ein verabschiedeter Unterleutnant aus Rogoshins Bande, der jetzt Unterricht im Faustkampf erteilt und sich einen meisterhaften Boxer nennt. Jetzt, nachdem Rogoshin die Kerle zum Deubel gejagt hat, treiben sie sich brotlos in der Stadt umher. Doch was das dümmste dabei ist: das ist, daß ich schon ohnehin wußte, wer er war, – nämlich ein Schurke und Spitzbube und Taschendieb – und mich dennoch hinsetzte und mit ihm zu spielen begann, und daß ich, als ich den letzten Rubel verspielte – wir spielten ein Hasardspiel – bei mir dachte: Verliere ich ihn, so gehe ich zu Onkel Lukjan, mache ihm meinen Bückling – er wird schon geben. Sehen Sie, das war eben die Gemeinheit, ja, das war wirklich eine Gemeinheit, das gebe ich zu. Das war schon ganz bewußte Niedertracht!“