„Wessen Geheimnis?“
„Ihres, natürlich doch! Durchlauchtigster Fürst, Sie werden sich doch wohl dessen entsinnen, daß Sie selbst mir verboten haben, auch nur mit einem Wort davon zu sprechen,“ sagte Lebedeff wichtigtuend, und nachdem er sich an der krankhaften Ungeduld des anderen genugsam geweidet hatte, schloß er plötzlich ganz unerwartet: „Sie fürchtet Aglaja Iwanowna.“
Der Fürst runzelte die Stirn und schwieg eine Weile.
„Bei Gott, Lebedeff, ich verlasse Ihre Villa,“ stieß er mit einemmal hervor. „Wo sind Gawrila Ardalionytsch und Ptizyns? Bei Ihnen? Die wollen Sie wohl gleichfalls von mir fernhalten?“
„Sie kommen ja, sie kommen schon! Und sogar der General kommt mit ihnen. Ich werde alle Türen aufreißen, alle meine Töchter herrufen, alle, alle, sofort, sofort!“ flüsterte Lebedeff erschrocken, wieder mit den Händen beschwichtigend, und geschäftig stürzte er zur Tür, besann sich aber, lief zur anderen Tür, zögerte jedoch auch dort und kehrte dann wieder zur ersten zurück.
In dem Augenblick erschien Koljä auf dem Parkwege, sprang eilig die Stufen zur Terrasse empor und meldete, daß ihm auf dem Fuße Gäste folgten – Lisaweta Prokofjewna mit ihren drei Töchtern.
„Soll ich Ptizyns und Gawrila Ardalionytsch hereinlassen? Ja oder nein? Und den General?“ fragte geschwind Lebedeff, den diese Nachricht in höchste Aufregung versetzt hatte.
„Aber natürlich, weshalb denn nicht? Alle, wer nur zu mir kommen will. Ich versichere Sie nochmals, Lebedeff, daß Sie sich in Ihrer Auffassung meiner Beziehungen zu meinen Bekannten arg täuschen; Sie fassen alles immer ganz anders auf. Ich habe nicht die geringste Ursache, mich vor irgend jemand, sei es, wer es wolle, zu verbergen,“ sagte der Fürst lachend, und im Augenblick verzog auch Lebedeff sein Gesicht zu einem Schmunzeln; denn trotz seiner ganzen Aufregung war er doch ersichtlich äußerst zufrieden mit der Entwickelung der Dinge.
Koljäs Meldung erwies sich als richtig: er war den Damen nur ein paar Schritte vorausgeeilt, so daß nun plötzlich von beiden Seiten Gäste erschienen: aus dem Park näherten sich der Terrasse Jepantschins, und durch die Zimmertür traten Ptizyns, Ganjä und General Iwolgin.
Jepantschins hatten von der Erkrankung des Fürsten und seiner Anwesenheit in Pawlowsk soeben erst durch Koljä erfahren. Der General hatte ihnen zwar schon vor drei Tagen von der in ihrer Stadtwohnung vorgefundenen Visitenkarte des Fürsten erzählt und damit in seiner Gemahlin die feste Überzeugung erweckt, daß der Fürst sogleich in eigener Person auch in ihrer Villa erscheinen würde. Vergeblich wandten die Töchter ein, daß ein Mensch, der ein halbes Jahr nicht geschrieben, es wohl auch mit dem Besuch nicht so eilig haben werde, und außerdem könne ihn ja noch viel Wichtigeres in Petersburg zurückhalten. Die Generalin ärgerten diese Bemerkungen nicht wenig; sie hätte wetten mögen, daß der Fürst unfehlbar am nächsten Tage erscheinen würde, „obschon auch das noch unverzeihlich spät wäre“. Und so erwartete sie ihn am nächsten Tage den ganzen Vormittag, doch leider vergeblich; nachdem sie um eins ihr Frühstück ohne den Fürsten eingenommen hatten, begann sie ihn zum Diner zu erwarten; da er jedoch auch zum Diner nicht erschien, erwartete sie ihn zum Abend; doch als es gar zu dunkeln begann, ohne daß der Fürst erschienen wäre, da ärgerte sie sich dermaßen, daß sie in kürzester Zeit mit allen in Streit geriet und sich aufs ärgste mit ihren Töchtern und ihrem Gatten verfeindete. Selbstverständlich ward dabei ihrerseits mit keinem Wort des Fürsten Erwähnung getan. Als aber Aglaja am dritten Tage bei Tisch plötzlich die Bemerkung fallen ließ, daß maman sich ja nur deshalb so ärgere, weil der Fürst noch immer nicht käme (worauf der General sogleich vorbeugend feststellte, daß er, der General, doch nichts dafür könne, das sei doch nicht seine Schuld) – da erhob sich Lisaweta Prokofjewna in hellem Zorn und verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer. Endlich bereits am Abend, erschien Koljä und erzählte, daß der Fürst einen epileptischen Anfall gehabt. Das Ergebnis dieser Mitteilung war, daß Lisaweta Prokofjewna triumphierte, doch vorher bekam noch Koljä seinen Teil.