„Jawohl ja. Erstens: wie ich merke, schickt er sich bereits an, sich bei mir häuslich niederzulassen. Na, das mag noch hingehen. Zweitens ist er seinen Mitmenschen überaus zugetan, und das sogar in solchem Übermaße, daß er sich sofort jedem als Verwandten vorstellt. Wir beide haben uns schon mehrmals klipp und klar bewiesen, daß wir unbedingt verwandt sein müssen, und wie er nun herausgetüftelt hat, sind wir auch über diese und jene und noch eine dritte hinweg verschwägert. Also bon, mir soll’s recht sein. Aber auch Sie, Durchlauchtigster Fürst, sind, wie er mir ausführlich erklärt hat, mütterlicherseits der Neffe seiner Nichte – hat’s mir noch gestern mathematisch bewiesen. Sind Sie aber mit ihm verwandt, so sind Sie es ja durch ihn auch mit mir, nach der neuen Verfassung sozusagen. Aber was, das mag noch hingehen – ’ne kleine Schwäche, wie gesagt, und weiter nichts. Aber soeben hat er mir versichert, daß er während seines ganzen Lebens, angefangen von seiner Fähnrichszeit bis zum elften Juni vorigen Jahres, täglich niemals weniger als zweihundert Personen zu Tisch gehabt habe. Schließlich ging’s sogar so weit, daß sie überhaupt nicht mehr von den Stühlen aufstanden, so daß sie zirka dreißig Jahre lang täglich mindestens fünfzehn Stunden zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend bei ihm speisten und zwischendurch noch Tee tranken! Und das wohlgemerkt! ohne die geringste Unterbrechung, kaum daß sie Zeit ließen, die Tischtücher zu wechseln: der eine steht auf, geht fort, der andere kommt, setzt sich – und an Fest- und Feiertagen gab es sogar dreihundert Menschen, und am Tage der Feier des tausendjährigen Bestehens des Russischen Reiches zählte er mir sogar siebenhundert vor! Das ist doch schauderhaft! So etwas, bei Licht betrachtet, ist doch ’n schlimmes Zeichen! Und solche Menschen bei sich zu empfangen, deren Gastfreundschaft mit einem so endlosen Maßstabe gemessen werden muß – da–da–das ist doch mehr als riskant! Nun, sehen Sie wohl, und deshalb dachte ich denn auch so bei mir, ob er für Sie vielleicht nicht gar zu gastfreundlich sein würde?“
„Aber Sie selbst stehen sich doch mit ihm, wir mir scheint, sehr gut?“
„Wie Brüder! Aber ich faß’s ja auch nur als Scherz auf. Nun gut, wir sind also verschwägert – bon, mir soll’s recht sein. Gereicht mir ja nur zur Ehre. Und im übrigen erkenne ich auch trotz der zweihundert Personen und der Jahrtausendfeier unseres Vaterlandes einen außergewöhnlichen Menschen in ihm. Jawohl ja – ich bin die Aufrichtigkeit selbst. Sie, Fürst, beliebten vorhin ein Wort über Geheimnisse fallen zu lassen, und zwar in dem Sinne, daß ich mich Ihnen jedesmal so nähere, als hätte ich ein ungeheures Geheimnis mitzuteilen. Damit haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen: ich bin nämlich soeben tatsächlich mit einem Geheimnis hergekommen. Die gewisse Dame hat mich soeben wissen lassen, daß sie mit Ihnen unbedingt ein heimliches Zusammentreffen wünscht.“
„Weshalb denn ein heimliches? Das ist durchaus nicht nötig. Ich werde selbst zu ihr hingehen, meinetwegen heute noch.“
„Um–um–um Gottes willen!“ winkte Lebedeff mit beiden Händen ab. „Und sie fürchtet ja gar nicht das, was Sie vielleicht denken! Übrigens: das Ungeheuer kommt jeden Tag, um sich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen – wußten Sie das schon?“
„Sie nennen ihn etwas gar zu oft ein Ungeheuer, das kommt mir sehr verdächtig vor.“
„Aber ich bitte Sie, hier kann doch von Verdacht gar nicht die Rede sein ... und im übrigen wollte ich ja nur erklären,“ lenkte Lebedeff schnell ab, „daß die betreffende Dame nicht ihn, sondern einen ganz anderen Menschen fürchtet, jawohl ...“
„Nun, wen denn? So sagen Sie doch endlich alles, was Sie zu sagen haben,“ drängte der Fürst ungeduldig, da ihn die Geheimnistuerei Lebedeffs aufrichtig ärgerte.
„... Das ist aber eben das Geheimnis.“
Und Lebedeff lächelte vielsagend.