„Freut mich, Sie kennen zu lernen,“ erwiderte der General. „Womit kann ich Ihnen dienen?“
„Ein unaufschiebbares Anliegen an Sie habe ich im Grunde genommen nicht. Der Zweck meines Besuches ist ausschließlich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich will Sie jedoch, wenn Ihre Zeit knapp bemessen ist, nicht weiter aufhalten; doch da ich weder Ihren Empfangstag kenne, noch weiß, wann Sie zu sprechen sind – ich bin übrigens soeben erst hier in Petersburg eingetroffen, aus der Schweiz ...“
Der General wollte schon lächeln, besann sich aber noch rechtzeitig und blieb ernst; darauf überlegte er noch ein wenig, kniff die Augen zusammen, betrachtete seinen Gast nochmals von Kopf bis zu den Füßen, wies dann plötzlich auf einen Stuhl, setzte sich selbst schräg gegenüber und wandte dem Fürsten in ungeduldiger Erwartung sein Gesicht zu. Ganjä stand am Schreibtisch und sortierte die verschiedenen Papiere.
„Zu Bekanntschaften habe ich im allgemeinen wenig Zeit,“ sagte der General, „da Sie jedoch mit Ihrem Besuch zweifellos einen besonderen Zweck verfolgen, so ...“
„Ich habe es, offen gestanden, nicht anders erwartet, als daß Sie in meinem Besuch eine besondere Absicht vermuten würden. Aber – mein Ehrenwort – außer dem Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, habe ich keinerlei besondere Nebenabsicht im Sinn.“
„Das Vergnügen liegt natürlich ganz auf meiner Seite, aber man kann doch nicht immer nur ans Vergnügen denken. Mitunter, wissen Sie, gibt es auch ernste Sachen zu erledigen ... Zudem kann ich zwischen uns bis jetzt noch nichts Gemeinsames entdecken ... ich meine, gewisse Gründe, die–i–ie ...“
„Ganz recht, solche Gründe gibt es natürlich nicht, und Gemeinsames zwischen uns dürfte wahrscheinlich nur – wenig vorhanden sein. Denn wenn ich auch ein Fürst Myschkin bin und Ihre Frau Gemahlin aus demselben Hause stammt, so ist das wohl noch kein genügender Grund zu einem Besuch. Das sehe ich vollkommen ein. Dennoch ist es nun einmal der einzige Grund, weshalb ich Sie aufgesucht habe. Ich bin vier Jahre nicht in Rußland gewesen. Und als was verließ ich es: kaum war ich bei vollem Verstande! Damals kannte ich so gut wie niemanden, und heute kenne ich hier vielleicht noch weniger ... Mir tut Bekanntschaft mit guten Menschen not. Außerdem muß ich noch eine wichtige Angelegenheit erledigen, und ich weiß nicht einmal, an wen ich mich wenden soll, und wer mir mit seinem Rat beistehen könnte. Da dachte ich schon in Berlin an Sie: ‚Das sind doch fast Verwandte, ich werde mich zuerst an sie wenden; vielleicht können wir uns gegenseitig beistehen, ich ihnen, sie mir – wenn es gute Menschen sind.‘ Und ich habe gehört, Sie seien gute Menschen.“
„Sehr schmeichelhaft.“ Der General wunderte sich. „Erlauben Sie, wenn ich fragen darf: wo sind Sie abgestiegen?“
„Ich bin noch nirgendwo abgestiegen.“
„Also direkt aus dem Waggon zu mir? Und ... mit Ihrem ganzen Gepäck?“