„Das ist ja, um wahnsinnig zu werden! Oder sind wir hier in einer Irrenanstalt?“ konnte sich Lisaweta Prokofjewna nicht mehr beherrschen.
„Wußten Sie das noch nicht, Mama?“ fragte Aglaja schroff, denn auch ihr riß die Geduld.
Doch ihre Worte hörte fast niemand in dem Lärm, der sich erhoben hatte. Alle sprachen durcheinander, die einen stritten, andere redeten laut und gescheit und erteilten guten Rat, einige lachten. Iwan Fedorowitsch Jepantschin war im höchsten Grade empört und wartete mit der Miene gekränkter Würde nur auf den Augenblick, in dem sich seine Gattin endlich erheben würde.
„Ja, Fürst, das muß man Ihnen lassen,“ ergriff Lebedeffs Neffe noch einmal das Wort, „Sie verstehen es großartig, aus Ihrer ... nun, sagen wir, um uns höflicher auszudrücken – Krankheit Kapital zu schlagen. Sie haben Ihre Freundschaft und das Geld in einer so geschickten Form anzubieten gewußt, daß ein Mann von Ehre sie in keinem Fall annehmen kann. Das war Ihrerseits entweder gar zu naiv oder vielleicht ungeheuer geschickt ... Das werden Sie übrigens selbst am besten wissen.“
„Verzeihung, meine Herren,“ rief plötzlich Gawrila Ardalionytsch, der mittlerweile das Kuvert untersucht hatte, „hier sind im ganzen nur hundert Rubel und nicht zweihundertfünfzig. Ich mache Sie jetzt nur darauf aufmerksam, Fürst, damit es später nicht zu irgendwelchen Mißverständnissen kommt.“
„Lassen Sie, lassen Sie!“ winkte der Fürst schnell Gawrila Ardalionytsch ab.
„Nein, ‚lassen Sie‘ es durchaus nicht!“ griff sofort Doktorenko auf. „Ihr ‚lassen Sie‘, Fürst, ist für uns äußerst beleidigend. Wir wollen nichts verheimlichen, wir gehen offen und ehrlich vor: ja, dieses Kuvert enthält nur hundert und nicht zweihundertundfünfzig Rubel, aber ist denn das nicht ganz gleich ...“
„N–nein, ich dächte nicht,“ unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch mit naiver Verwunderung.
„Unterbrechen Sie mich nicht; wir sind nicht so dumm, wie Sie glauben, mein Herr Advokat,“ bemerkte Doktorenko ärgerlich. „Selbstverständlich sind hundert Rubel nicht zweihundertundfünfzig Rubel; ich will nur sagen, daß es nicht auf die Vollzähligkeit der Summe ankommt, sondern auf das Prinzip. Die Hauptsache ist hier die Initiative, der fehlende Rest ist – Privatsache! Wichtig ist, daß Burdowskij Ihr Almosen nicht empfängt, Durchlaucht, daß er es Ihnen ins Gesicht wirft, und in diesem Sinne ist es ganz gleich, ob es hundert oder zweihundertundfünfzig sind. Burdowskij hat die Zehntausend nicht angenommen, das haben Sie gesehen; und er würde auch die hundert Rubel nicht zurückgebracht haben, wenn er das wäre, für was Sie ihn halten: ein Ehrloser! Die hier fehlenden hundertfünfzig Rubel sind für Tschebaroffs Unkosten, seine Reise zu Ihnen, usw. draufgegangen. Wenn Sie lachen wollen, dann lachen Sie über unser Unvermögen, eine Sache richtig anzufassen, über unsere Unkenntnis in solchen Dingen – Sie haben sich ja so redlich drum bemüht, uns lächerlich zu machen! – aber wagen Sie es nicht, uns zu sagen, daß wir keine Ehre hätten. Diese hundertfünfzig Rubel werden wir alle, mein Herr, dem Fürsten zurückzahlen, und wenn wir die Summe auch nur rubelweise zusammenbringen sollten – wenn Sie wollen, auch noch mit Prozenten. Burdowskij ist arm, er besitzt keine Millionen, Tschebaroff aber präsentierte nach der Reise seine Rechnung. Wir hofften zu gewinnen ... Wer hätte an seiner Stelle anders gehandelt?“
„Wer??“ mischte sich Fürst Sch. hinein.