„Ich werde hier wahnsinnig!“ rief Lisaweta Prokofjewna aus.

„Das erinnert ja auffallend,“ begann lachend Jewgenij Pawlowitsch, der die ganze Zeit geschwiegen und sie alle beobachtet hatte, „ganz auffallend an eine vor kurzer Zeit gehaltene berühmte Rede eines Advokaten, der, nachdem er als Entschuldigungsgrund die Armut seines Klienten hervorgehoben, – sein Klient hatte sechs Menschen in einer Nacht ermordet und beraubt – plötzlich mit den Worten schloß: ‚Selbstverständlich ist dem Angeklagten nur infolge seiner Armut der Gedanke in den Kopf gekommen, diesen Mord an sechs Menschen zu begehen; aber wem wäre denn an seiner Stelle dieser Gedanke nicht in den Kopf gekommen?‘ – Oder ungefähr mit diesen Worten. Jedenfalls war’s etwas überaus Seltsames.“

„Genug jetzt!“ erklärte plötzlich bebend vor Zorn Lisaweta Prokofjewna. „Es ist Zeit, daß man diesem Unsinn endlich ein Ende macht! ...“ Sie kochte innerlich vor Wut, doch äußerlich trat sie geradezu majestätisch auf: fast drohend hatte sie den Kopf in den Nacken geworfen und mit stolzer, hochmütiger Herausforderung ließ sie ihren Blick über die ganze Gesellschaft schweifen, offenbar ohne im Augenblick die Freunde von den Feinden zu unterscheiden. Sie war bei jenem Punkt angelangt, über den hinaus ihr Zorn sich nicht mehr eindämmen ließ, sondern rücksichtslos zum Ausbruch, zum offenen Kampfe drängte. Alle, die sie näher kannten, fühlten sofort, daß diesmal ein ganz besonderer Ausbruch bevorstand. Am nächsten Tage sagte Iwan Fedorowitsch zum Fürsten Sch.: „Ja, das kommt bei ihr vor, aber mit einer solchen Wucht, wie gestern, doch nur sehr selten, höchstens alle drei Jahr einmal. Wie gesagt, höchstens einmal in drei Jahren, nicht öfter, nein, nicht öfter, höchstens einmal!“ schärfte er ihm noch nachdrücklich ein.

„Lassen Sie mich, Iwan Fedorowitsch!“ herrschte Lisaweta Prokofjewna ihren Mann an, der auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie fortzuführen. „Was soll ich jetzt noch mit Ihrem Arm! Wenn es Ihnen als Mann und Familienvater nicht früher eingefallen ist, mich von hier fortzuführen – jetzt ist es zu spät. Am Ohr hätten Sie mich fortziehen sollen, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre. Wenn Sie sich doch wenigstens um Ihre Töchter bekümmern würden! Jetzt aber werden wir auch ohne Sie den Weg finden ... die Schmach reicht für ein ganzes Jahr ... Warten Sie noch einen Augenblick, ich will mich nur noch bei dem Fürsten bedanken! ... Ich danke dir, Fürst, für die Vorstellung! ... Und ich hatte mich hier hingesetzt, um unsere Jugend zu hören! ... Das ist ja eine Niedertracht, eine Niederträchtigkeit! Das ist ja ein Chaos, so etwas kann man sich ja nicht einmal träumen lassen! Gibt es denn wirklich noch viele solche? ... Schweig, Aglaja! Sei still, Alexandra! Ihr habt euch nicht hineinzumischen! ... So lassen Sie mich doch, Jewgenij Pawlowitsch, ich habe Ihre Bücklinge wirklich satt! ... Also du, mein Junge, bittest sie noch um Verzeihung,“ wandte sie sich an den Fürsten, „‚verzeiht mir, daß ich euch ein Kapital anzubieten gewagt habe!‘ – ganz allerliebst! ... Was lachst du, du dummer Bengel!“ fuhr sie empört Lebedeffs Neffen an, der zu lächeln gewagt hatte, „also ‚wir bitten nicht, wir fordern, wir werfen ihm das Geld ins Gesicht!‘ Reizend! Wirklich reizend! Und dabei tut er noch, als wüßte er nicht, daß dieser Idiot sich spätestens morgen zu ihnen hinschleppen wird, um wieder seine Freundschaft und sein Geld anzubieten! Hab’ ich nicht recht? Du wirst doch gehen! Du wirst doch gehen? Wirst du gehen oder nicht?“

„Ich werde gehen,“ antwortete der Fürst leise und ruhig.

„Habt ihr’s gehört! Und darauf rechnest du ja nur,“ wandte sie sich wieder an Doktorenko, „das Geld hast du ja jetzt schon so gut wie in der Tasche, deshalb prahlst du ja auch so unverfroren, um uns noch vorher zu imponieren ... Nein, mein Täubchen, da müßt ihr euch andere Dumme suchen, denn ich durchschaue euch mehr, als ihr ahnt ... euer ganzes Spiel durchschaue ich!“

„Lisaweta Prokofjewna!“ rief der Fürst.

„Gehen wir, Lisaweta Prokofjewna, es ist Zeit, und den Fürsten fordern wir auf, sich uns anzuschließen,“ sagte möglichst ruhig und möglichst harmlos lächelnd Fürst Sch.

Die jungen Mädchen standen fast erschrocken etwas abseits, der General aber schien förmlich erstarrt zu sein. Übrigens waren alle zum mindesten erstaunt. Einige, die etwas weiter ab standen, lächelten verstohlen oder flüsterten sich ein paar Worte zu. Lebedeff war geradezu in Ekstase.

„Niederträchtigkeit und Chaos, gnädige Frau, findet man überall,“ sagte bedeutsam Lebedeffs Neffe, der übrigens gleichfalls etwas verblüfft war.