„Also zur selben Zeit, als er vor dir seine Bücklinge gemacht und dich seiner Ergebenheit versichert hat! ‚Er trägt dich ja seit drei Tagen auf den Händen‘, wie Koljä sagt! Das sind mir mal Menschen! Ich brauche deinen Puschkin nicht und deine Tochter hat nichts bei mir zu suchen!“
Lisaweta Prokofjewna wollte sich bereits erheben, doch da bemerkte sie, daß Hippolyt lachte, und gereizt wandte sie sich an ihn:
„Was, mein Lieber, wolltest du dich hier etwa über mich lustig machen?“
„Gott behüte!“ versetzte Hippolyt mit verzerrtem Lächeln, „mich wundert nur, daß Sie wirklich so exzentrisch sind, Lisaweta Prokofjewna. Ich will’s gestehen, daß ich mit Absicht diese Sache zur Sprache gebracht habe: ich wußte, wie das auf Sie wirken würde, auf Sie allein; denn der Fürst wird ihm bestimmt verzeihen, er hat ihm schon verziehen und sucht bereits offenbar nach einer Entschuldigung für ihn. Nicht wahr, Fürst, hab’ ich nicht recht?“
Er atmete schnell und seine seltsame Aufregung wuchs mit jedem Wort.
„Nun!“ ... sagte Lisaweta Prokofjewna kurz und ungehalten, denn der Ton, den er jetzt anschlug, wunderte sie. „Nun?“
„Ich habe viel von Ihnen gehört ... vieles von dieser Art ... es hat mich furchtbar gefreut ... und ich habe Sie achten gelernt ...“ fuhr Hippolyt fort.
Es war, als hätte er gar nicht das sagen wollen, was er sprach, sondern etwas ganz anderes; etwas, das er mit keinem Wort andeutete. Er sprach mit einem leisen Schimmer von Spott, regte sich aber dabei ganz unbegreiflich auf, blickte sich mißtrauisch im Kreise um, schien sehr verwirrt zu sein und verlor beständig den Faden, so daß er durch dieses sonderbare Wesen, einen eigentümlich flackernden, an Wahnsinn gemahnenden Blick in dem hageren Gesicht, auf dessen Wangen zwei rote Flecke brannten, unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Anwesenden fesselte.
„Ich hätte mich eigentlich darüber wundern müssen, obgleich ich doch die Welt und die Gesellschaft fast gar nicht kenne – ich gebe das selbst zu –, daß Sie nicht nur selbst in unserer, für Sie so unanständigen Gesellschaft geblieben sind, sondern auch diesen ... jungen Mädchen erlaubt haben, diese skandalöse Geschichte anzuhören, wenn den Damen auch aus ... Romanen schon längst alles bekannt ist. Übrigens, ich ... vielleicht ... ich weiß nicht ... ich habe es nicht so sagen wollen ... doch jedenfalls – wer wäre denn sonst geblieben ... auf die Bitte eines Knaben ... nun, ja, Knaben – ich geb’ es wieder selbst zu – mit ihm einen Abend zu verbringen und ... Anteil zu nehmen ... an allem ... um sich dann am nächsten Tage dessen zu schämen ... Ich gebe übrigens selbst zu, daß ich mich nicht richtig ausdrücke. Ich kann das alles nur loben ... und Hochachtung dafür empfinden ... obschon ich an der Miene Seiner Exzellenz, Ihres Gatten, deutlich ersehe, wie wenig das gesellschaftlich comme il faut[24] für ihn ist ... Hihi!“ kicherte er, da er in eine aussichtslose Sackgasse geraten war; doch plötzlich bekam er einen heftigen Hustenanfall, daß er erst nach zwei Minuten wieder sprechen konnte.
„Da hat man’s!“ meinte kühl und schroff Lisaweta Prokofjewna, indem sie ihn mit strengem Blick musterte. „Nun, mein lieber Junge, genug, es ist Zeit.“