Wieder unterbrach ihn der General, der jetzt Verschiedenes zu fragen begann. Der Fürst erzählte alles, was er bereits im Kupee Rogoshin erzählt hatte. Es stellte sich heraus, daß der General den verstorbenen Pawlischtscheff sogar persönlich gekannt hatte. Aus welchem Grunde sich dieser Pawlischtscheff für ihn interessiert und für seine Erziehung gesorgt hatte, vermochte der Fürst übrigens selbst nicht zu erklären; vielleicht einfach nur aus alter Freundschaft für den verstorbenen Vater des Fürsten. Nach dem Tode seiner Eltern war der Fürst, damals noch ein kleines Kind, ganz allein in der Welt zurückgeblieben und hatte dann ausschließlich auf dem Lande gelebt, da die Landluft ihm bedeutend zuträglicher gewesen war. Pawlischtscheff hatte den kleinen Knaben zwei alten Gutsbesitzerinnen, mit denen er weitläufig verwandt war, anvertraut; zuerst hatte er eine Gouvernante gehabt, späterhin einen Erzieher. Der Fürst fügte auch noch hinzu, daß er sich zwar alles dessen entsinnen, doch vieles nicht ganz erklären könne, da er sich über manche Dinge damals nicht Rechenschaft gegeben habe. Die häufigen Krankheitsanfälle hätten aus ihm fast einen Idioten gemacht. (Der Fürst drückte sich tatsächlich so aus: ‚einen Idioten‘.) Zum Schluß erzählte er noch, daß Pawlischtscheff einmal in Berlin den Professor Schneider, einen Schweizer, kennen gelernt habe, der sich auch damals schon speziell mit derartigen Krankheiten abgab und im Kanton Wallis eine Heilanstalt besaß, in der er die Kranken nach seiner eigenen Methode (vornehmlich mit kaltem Wasser, Gymnastik und Ähnlichem) auch von Idiotie und Irrsinn heilte, gleichzeitig sie unterrichtete und sich überhaupt ihrer geistigen Entwicklung mit Erfolg annahm. Pawlischtscheff hatte darauf den jungen Fürsten vor etwa fünf Jahren zu ihm in die Heilanstalt geschickt und war dann selbst – vor etwa zwei Jahren – ganz plötzlich gestorben, ohne ein Testament zu hinterlassen. In diesen zwei Jahren hatte ihn Schneider auf eigene Kosten in der Anstalt behalten und behandelt. Zwar habe er ihn nicht völlig geheilt, aber ihm doch sehr geholfen, bis er ihn dann schließlich auf eigenen Wunsch und außerdem noch aus einem „anderen besonderen Grunde“ nach Rußland geschickt habe.
Der General wunderte sich nicht wenig.
„Und hier in Rußland haben Sie keinen einzigen, der Ihnen nahesteht, keinen einzigen Menschen?“ fragte er.
„Bis jetzt keinen ... aber ich hoffe ... außerdem habe ich einen Brief erhalten ...“
„Aber wenigstens haben Sie doch etwas gelernt,“ unterbrach ihn wieder der General, ohne die letzten Worte des Fürsten zu beachten, „und Ihre Krankheit wird Sie doch nicht hindern, einen, nun, sagen wir – nicht allzu schweren Posten zu bekleiden?“
„Oh, sicherlich nicht. Und ich würde sogar sehr gern eine Stelle annehmen; denn ich würde selbst gern wissen wollen, wozu ich fähig bin. In diesen vier Jahren habe ich ununterbrochen gelernt, allerdings nicht so, wie man in der Schule lernt, sondern nach Professor Schneiders Grundsatz, nämlich gewissermaßen frei und freiwillig. Ich hatte dort auch Gelegenheit, viele Bücher zu lesen.“
„Russische Bücher? Dann können Sie also auch schreiben und ... können Sie auch fehlerlos schreiben?“
„Oh, selbstverständlich!“
„Vortrefflich. – Und Ihre Handschrift?“
„Meine Handschrift ist tadellos. Hierin besitze ich, nun ja, Talent, und wenn man will, kann man mich vielleicht sogar einen Künstler nennen, was das Schreiben anbelangt. Geben Sie mir ein Blatt Papier, ich werde Ihnen etwas zur Probe schreiben,“ sagte der Fürst, ganz bei der Sache.