Lisaweta Prokofjewna überlegte eine Weile. Plötzlich faßte sie den Fürsten bei der Hand und zog ihn mit sich fort.
„Sofort! Du kommst jetzt sofort! Unverzüglich!“ befahl sie in ungewöhnlicher Aufregung und Ungeduld.
„Aber Sie setzen mich doch den größten ...“
„Was? Wem setze ich dich aus? Du unschuldige Einfalt! Gott, das soll ein Mann sein! Nun werde ich selbst alles sehen, mit eigenen Augen ...“
„Aber meinen Hut lassen Sie mich doch wenigstens nehmen ...“
„Hier hast du deinen elenden Hut, gehen wir! Nicht mal eine Fasson hast du dir mit Geschmack aussuchen können! ... Das hat sie ... Das hat sie nach jenem Auftritt ... das hat sie in der ersten Wut ...“ murmelte Lisaweta Prokofjewna, den Fürsten, dessen Hand sie keinen Augenblick losließ, hinter sich herziehend. „Vorhin trat ich für dich ein, sagte laut, daß du ein Esel seist, weil du nicht kämst ... sonst hätte sie nicht diesen Zettel –! Wie sie als wohlerzogenes, kluges Mädchen überhaupt so etwas fertiggebracht hat! ... Hm!“ fuhr sie in ihrem Gedankengang fort, „oder ... vielleicht ... vielleicht hat sie sich selbst darüber geärgert, daß er nicht kam, nur hat sie vergessen, daß man an einen Idioten so nicht schreiben darf; denn der nimmt es ja doch wörtlich, wie er es nun auch getan hat. Was horchst du?“ fuhr sie plötzlich zusammen, als sie gewahr wurde, daß sie ihre Gedanken immerhin hörbar ausgesprochen hatte. „Einen Narren braucht sie, gerade solch einen wie du einer bist, hat dich lange nicht gesehen, deshalb schreibt sie! Aber mich freut es, mich freut es, daß sie dich jetzt durch die Hechel ziehen wird, das freut mich! Gerade das hast du verdient! Geschieht dir recht. Und sie versteht es, oh, sie versteht es, das kannst du mir glauben!“
Dritter Teil
I.
Es wird bei uns so oft geklagt, daß wir keine praktischen Leute hätten; Staatsmänner zum Beispiel gäbe es unzählige, Generäle nicht minder; Beamte und alle möglichen Räte könne man sogleich in beliebiger Anzahl zur Stelle schaffen – aber praktische Leute gäbe es bei uns trotzdem nicht. Wenigstens klagen alle, daß es sie nicht gäbe. Nicht einmal ein anständiges Eisenbahnpersonal hätten wir auf manchen Strecken aufzuweisen, und die Administration irgendeiner Dampfschiffahrtsgesellschaft zustande zu bringen, sei, wenn man sich eine auch nur einigermaßen erträgliche wünsche, bei uns in Rußland ganz unmöglich. Dort, hört man, sind zwei Eisenbahnzüge zusammengestoßen, oder auf einer neueröffneten Strecke ist eine ganze Brücke mitsamt einigen Waggons eingestürzt; hier, heißt es, hat ein Zug auf offenem Felde fast überwintert: die Fahrt sollte nur ein paar Stunden dauern, man blieb aber ganze fünf Tage im Schnee stecken. Dort, wird erzählt, faulen mehrere Tausend Pud Fracht in den Waggons auf ein und derselben Station und warten drei Monate vergeblich auf Weiterbeförderung, und als ein Kaufmann – es klingt fast unglaublich! – einem der „Administratoren“ oder Oberaufseher mit den Bitten um Zustellung der Waren seines Lieferanten lästig geworden war, da hat ihm dieser statt der lagernden Ware eine administrative Ohrfeige verabfolgt und seine Handlungsweise nachher noch damit zu rechtfertigen gesucht, daß er es „im Eifer“ getan habe. Man sollte meinen, daß wir doch nachgerade genügend Amts-, Rats-, Gerichts- und noch andere Personen im Staatsdienst haben – in Wirklichkeit kann einem geradezu angst und bange werden vor ihrer unabsehbaren Anzahl! – alle haben im Staatsdienst gestanden, alle stehen darin, und alle haben die Absicht, in Staatsdienste zu treten –, wie sollte man da aus einem solchen Material nicht eine gute Administration zustande bringen, selbst wenn es sich nur um eine Dampfschiffahrtsgesellschaft handelt?!
Auf diese Frage wird uns aber eine so einfache Antwort zuteil, eine so einfache, daß man dieser Antwort überhaupt nicht glauben will.