„Ich liebe dich nicht, Lew Nikolajewitsch, weshalb sollte ich also zu dir kommen? Weiß Gott, Fürst, du bist ganz wie so ’n kleines Kind! Willst du ein Spielzeug haben – da nimm’s aus der Tasche und leg’s hin. Begreifst doch nicht, um was es sich handelt. Das hast du auch alles genau so in deinem Brief niedergeschrieben, ganz wie du’s jetzt sagst, aber was – glaube ich dir denn etwa nicht? Ich glaube dir doch jedes Wort und weiß, daß du mich niemals betrogen hast und auch hinfort nie betrügen wirst, aber – ich liebe dich trotzdem nicht. Da schreibst du nun, daß du alles vergessen hast, daß du dich nur deines Bruders Rogoshin erinnerst, der mit dir sein Kreuz getauscht hat, und nicht jenes Rogoshin, der sein Messer gegen dich erhob. Aber woher kennst du denn meine Gefühle?“ Rogoshin lachte wieder kurz auf. „Ich habe doch seither vielleicht noch kein einziges Mal das Geschehene bereut, du aber hast mir schon deine brüderliche Verzeihung zugesandt. Vielleicht hab ich schon an jenem Abend an ganz was andres gedacht, daran aber –“

„Hast du überhaupt nicht gedacht!“ fiel ihm der Fürst ins Wort. „Aber was hat denn das auf sich? Ich wette meinen Kopf darauf, daß du damals mit der Bahn hierher nach Pawlowsk gefahren bist, um sie dort in der Menschenmenge ganz so wie heute zu beobachten und zu verfolgen! Nein, da hast du mich nicht in Erstaunen gesetzt! Weiß ich doch, daß du, wenn du damals nicht in einem Zustande gewesen wärst, in dem du überhaupt nur an eins zu denken vermochtest, auch das Messer nicht gegen mich erhoben hättest. Ich hatte ja damals schon seit dem Morgen ein solches Vorgefühl, sobald ich dich nur ansah. Weißt du auch, wie du damals warst? Gerade als wir die Kreuze tauschten, da muß sich in mir der Gedanke geregt haben. Weshalb führtest du mich zu deiner alten Mutter? Glaubtest du, damit deine Hand aufzuhalten? Doch was rede ich, das kann ja gar nicht sein, daß du damals daran gedacht hättest, du hast es vielleicht nur so gefühlt, ganz wie auch ich ... Wir fühlten es damals in ein und demselben Augenblick. Und wenn du dann später deine Hand – die Gott abgelenkt hat – nicht erhoben hättest: als was würde ich dann jetzt vor dir dastehen? Ich habe dich doch sowieso dessen verdächtigt, also ist es nur unsere gemeinsame Sünde! Wir dachten es doch beide zugleich! (So mach doch kein so finsteres Gesicht! Nun? und weshalb lachst du jetzt?) ‚Nicht bereut‘! Ja, aber du hättest es doch vielleicht überhaupt nicht zu bereuen vermocht, selbst wenn du gewollt hättest, denn du liebst mich ja noch nicht einmal! Und wenn ich auch so unschuldig wie ein Engel vor dir dastände, du würdest mich doch hassen, so lange du glaubst, daß sie nicht dich, sondern mich liebt. Das ist doch nichts als Eifersucht! Nur höre jetzt, was ich in dieser Woche gedacht habe, Parfen, ich will es dir sagen: weißt du auch, daß sie dich jetzt vielleicht mehr als alle anderen liebt, und sogar um so mehr liebt, je mehr sie dich quält? Dir wird sie das nicht sagen, aber man muß es zu sehen verstehen. Weshalb will sie dich denn sonst schließlich trotz allem heiraten? Einmal wird sie es dir selbst sagen. Manche Frauen wollen gerade so geliebt werden und sie – sie ist von dieser Art. Dein Charakter und deine Liebe müssen sie doch stutzig machen! Weißt du auch, daß eine Frau fähig ist, einen Mann mit Grausamkeiten und Spott zu Tode zu martern, ohne auch nur ein einziges Mal Gewissensbisse zu empfinden, denn jedesmal wird sie bei sich denken, wenn sie ihn ansieht: ‚jetzt quäle ich ihn, wie aber werde ich ihn dafür lieben, wie mit meiner Liebe die Qual wieder gut machen ...‘“

Rogoshin begann zu lachen, nachdem er bis dahin den Fürsten wortlos angehört hatte.

„Was, Fürst, du bist jetzt wohl auch selbst einer solchen in die Finger geraten? Ich hab so was gehört, wenn’s wahr ist?“

„Was, wieso, was kannst du gehört haben?“ fuhr der Fürst erschrocken auf und stockte plötzlich wieder maßlos verwirrt.

Rogoshin fuhr fort zu lachen. Er hatte nicht ohne Neugier und vielleicht auch nicht ohne Freude dem Fürsten zugehört; die freudige Beredsamkeit desselben wunderte ihn und flößte ihm Mut ein.

„Nicht nur gehört, jetzt seh ich’s ja selbst, daß es wahr ist,“ sagte er. „Wann hättest du wohl sonst so gesprochen wie jetzt? Solch ein Gespräch ist doch wie gar nicht von dir. Hätt ich aber nicht so was von dir gehört, so wär ich auch nicht hergekommen – und noch dazu in den Park um Mitternacht.“

„Ich verstehe dich nicht, Parfen Ssemjonytsch.“

„Sie hat mir schon lange von dir das gesagt, jetzt aber habe ich selbst gesehen, wie du dort während der Musik mit jener saßest. Sie hat mir geschworen, hat mir gestern und heute geschworen, daß du in Aglaja Jepantschina wie ein Kater verliebt seiest. Mir ist das aber, Fürst, an sich ganz gleich, und das ist auch nicht meine Sache: wenn du aufgehört hast, sie zu lieben, so hat sie deswegen noch nicht aufgehört, dich zu lieben. Du weißt doch, daß sie dich unbedingt mit jener verheiraten will, hat es sich geschworen, hehe! ‚Anders heirate ich dich nicht,‘ sagte sie zu mir, ‚erst wenn sie zum Altar gehen, gehen auch wir zum Altar.‘ Was das von ihr aus bedeutet, kann ich nicht verstehen und hab’s auch noch nicht verstanden: entweder liebt sie dich bis zur Sinnlosigkeit – oder aber ... wenn sie dich liebt, warum will sie dich dann mit einer anderen verheiraten? ‚Ich will ihn glücklich sehen‘, sagt sie, also liebt sie dich doch.“

„Ich habe dir gesagt und geschrieben, daß sie ... von Sinnen ist,“ brachte der Fürst, dem Rogoshins Worte schwere Qualen bereiteten, stockend hervor.