„Im Vergleich womit?“

„Im Vergleich zum zwölften Jahrhundert mit seinen Ausläufern nach vorne und nach hinten. Denn damals herrschte, wie die Schriftsteller jener Zeit behaupten, die Hungersnot einmal in zwei Jahren, jedenfalls einmal in drei Jahren, so daß unter solchen Umständen die Menschen schon zur Menschenfresserei ihre Zuflucht nahmen, wenn auch nur heimlich. Einer dieser Menschenfresser, als er sich seinem Ende näherte, hat selbst und ohne Zwang eingestanden, daß er im Laufe seines langen, mühevollen Lebens im geheimen sechzig Mönche und einige weltliche Jünglinge selbst getötet und sie aufgegessen habe. Im ganzen nur sechs weltliche Jünglinge, das ist wenig im Vergleich mit der Anzahl Geistlicher, die er verspeist hat. Erwachsene weltliche Leute hat er, wie es scheint, zu diesem Zwecke überhaupt nicht verwendet.“

„Das ist einfach unmöglich!“ rief hier der „Präsident“ in fast beleidigtem Tone. „Ich habe mich des öfteren, meine Herren, mit ihm darüber gestritten, und immer über dieselben Dinge. Er redet solch unglaubliches Zeug, daß einem die Ohren davon welk werden. Nicht für einen Groschen Wahrheit!“

„General! Denken Sie an die Belagerung von Kars, und Sie, meine Herren, Sie wissen, daß meine Anekdote die – volle Wahrheit ist. Ich bemerke nur von mir aus, daß die Wirklichkeit, die durchaus ihre unleugbaren Gesetze hat, uns immer als unwahrscheinlich und unwahr erscheint, und je wirklicher sie ist, um so unwahrscheinlicher erscheint sie uns.“

„Ja, kann man denn sechzig Mönche aufessen?“ lachte alles ringsum.

„Daß er sie nicht auf einmal gegessen hat, das ist doch selbstverständlich, aber in fünfzehn bis zwanzig Jahren ist es ganz verständlich und natürlich ...“

„Und natürlich?“

„Und natürlich!“ verteidigte sich Lebedeff eigensinnig. „Und außerdem ist der katholische Mensch schon von Natur aus neugierig und zutraulich, und man kann ihn nur zu leicht in den Wald locken oder an irgendeinen verborgenen Ort und mit ihm in erwähnter Weise verfahren. Doch bestreite ich durchaus nicht, daß die Anzahl der verspeisten Menschen ungeheuerlich erscheint, bis zum ...“

„Vielleicht hat er recht, meine Herren,“ bemerkte plötzlich der Fürst.

Er hatte bisher den Streitenden schweigend zugehört und sich nicht am Gespräch beteiligt, nur oft von ganzem Herzen gelacht, sobald auch die anderen lachten. Er war offenbar sehr froh darüber, daß alle so heiter, so lärmend waren; sogar darüber, daß sie alle soviel tranken. Vielleicht hätte er den ganzen Abend kein Wort gesprochen. Doch plötzlich fiel es ihm ein, zu reden. Er sprach sogar mit außergewöhnlichem Ernst, so daß sich alle mit Neugier ihm zuwandten.