‚Wissen Sie, was mir durch den Kopf geht?‘ Dabei bog ich mich weit über das Geländer.
‚Doch nicht etwa, ins Wasser zu springen?‘ rief Bachmutoff fast erschrocken aus. Vielleicht hatte er diesen Gedanken in meinem Gesicht gelesen.
‚Nein, vorläufig war es nur ein Gedanke. Angenommen, ich habe noch zwei bis drei, vielleicht auch noch vier Monate zu leben, und ich hätte nun den großen Wunsch, noch eine gute Tat zu vollführen, die viel Arbeit und Mühe verlangt. So müßte ich in meinem Falle auf sie verzichten. Geben Sie doch zu, daß es ein drolliger Gedanke ist!‘
Der arme Bachmutoff quälte sich meinetwegen sehr; er begleitete mich nach Haus und war so taktvoll, daß er die ganze Zeit über schwieg. Er verabschiedete sich von mir, drückte mir herzlich die Hand und bat um die Erlaubnis, mich besuchen zu dürfen. Ich antwortete ihm, daß er, wenn er etwa als ‚Tröster‘ zu mir käme, mich jedesmal an den Tod erinnern würde. Er zuckte mit den Achseln und gab mir recht; wir verabschiedeten uns höflich voneinander, höflicher als ich es erwartet hatte.
An diesem Abend und in dieser Nacht wurde der erste Keim zu meiner ‚letzten Überzeugung‘ gelegt. Ich klammerte mich an diese neue Idee, überlegte sie mir mit allen ihren Folgen – ich schlief die ganze Nacht nicht – und je mehr ich mich in sie vertiefte, desto mehr erschrak ich über sie. Zuletzt packte mich eine wahnsinnige Angst, die mich die ganzen folgenden Tage nicht mehr verließ. Und wenn mir diese Angst zum Bewußtsein kam, so erstarrte ich zu Eis; ich fühlte, daß diese ‚letzte Überzeugung‘ von mir Besitz ergriffen hatte und mich nun sicher zu einem Entschluß führen würde. Doch zum Entschluß fehlte mir noch die Kraft. Nach drei Wochen war auch das überwunden, und die Kraft kam mir durch einen sehr sonderbaren Umstand.
Ich verzeichne hier in meiner Erklärung alle diese Daten. Die können mir freilich jetzt ganz gleichgültig sein, doch wünsche ich, daß diejenigen, die mein Vorhaben beurteilen werden, klar sehen, aus welcher logischen Kette von Schlüssen meine ‚letzte Überzeugung‘ entsprungen ist. Ich schrieb soeben, daß die Kraft, die mir zur Ausführung meiner ‚letzten Überzeugung‘ noch fehlte, mir durchaus nicht aus einer logischen Folgerung kam, sondern durch einen sonderbaren Stoß von außen, also von ganz äußerlichen Umständen her, die, vielleicht, mit dem Gang der Sache in keinerlei Zusammenhang standen. Vor zehn Tagen erschien bei mir Rogoshin in einer Angelegenheit, die ich hier zu erwähnen für unnütz halte. Ich hatte Rogoshin niemals früher gesehen, doch viel von ihm gehört. Ich gab ihm die verlangte Auskunft und er ging bald darauf fort, und da zwischen uns überhaupt keine Beziehungen bestanden, so war die Sache damit zu Ende. Doch fing er mich plötzlich sehr zu interessieren an und den ganzen Tag über stand ich unter dem Einfluß der sonderbarsten Ideen, so daß ich mich endlich entschloß, am nächsten Tage zu ihm hinzugehen und seinen Besuch zu erwidern. Rogoshin war augenscheinlich nicht sehr erfreut darüber und ließ sogar durchblicken, daß er nicht geneigt sei, diese Bekanntschaft mit mir fortzusetzen; doch erlebten wir – denn ich glaube auch er – eine sehr interessante Stunde zusammen. Zwischen uns bestand ein solcher Gegensatz, daß er uns beiden ganz unmöglich nicht auffallen konnte, besonders mir nicht: ich war ein Mensch, dessen Tage gezählt waren, und er – voll Leben, voll unmittelbarem Leben, ohne jede Sorge um die ‚letzten‘ Schlüsse oder Zahlen oder was es sonst wäre, wenn es sich nur nicht darum handelte, was er ... worauf er ... nun, wovon er besessen war. Möge mir Herr Rogoshin diesen Ausdruck verzeihen, wie etwa, sagen wir, einem schlechten Schriftsteller, der seine Gedanken nicht auszudrücken vermag. Ungeachtet seiner Unliebenswürdigkeit erschien er mir als ein Mensch von großem Verstande, obgleich ihn kaum etwas für ihn Nebensächliches interessierte. Ich sagte ihm nichts von meiner ‚letzten Überzeugung‘, doch schien es mir, als hätte er sie aus meinen Bemerkungen erraten. Er schwieg, er war schrecklich schweigsam. Ich sagte zu ihm, als ich fortging, daß ungeachtet aller Unterschiede zwischen uns und aller Gegensätze – les extrêmes se touchent[29] – er von meiner letzten Überzeugung vielleicht gar nicht so weit entfernt sei, wie es scheine. Darauf antwortete er mir nur mit einer düster-bitteren Grimasse, stand auf, suchte selbst meine Mütze, tat, als ob ich die Absicht geäußert hätte, fortzugehen und führte mich einfach aus seinem dunklen, großen Hause hinaus, dem Anscheine nach, als gebe er mir aus Höflichkeit das Geleit. Sein Haus schien mir wie ein Totenhaus, doch lebte er offenbar gern in ihm, und übrigens ist das verständlich: ein so volles unmittelbares Leben, wie er es lebt, braucht keine andere Umgebung.
Dieser Besuch bei Rogoshin ermüdete mich sehr. Außerdem fühlte ich mich schon seit dem Morgen nicht gut; gegen Abend war ich so schwach, daß ich mich zu Bett legen mußte, ich hatte starkes Fieber und phantasierte dabei über alles das, wovon er gesprochen und wovon wir uns unterhalten hatten. Wenn meine Augen minutenlang zufielen, sah ich sofort Iwan Fomitsch Ssurikoff, der anscheinend Millionen erhalten hatte. Er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte, rang die Hände über seinem Haupte, zitterte vor Furcht, daß sie ihm gestohlen werden könnten und entschloß sich zuletzt, sie irgendwo zu vergraben. Ich riet ihm, aus diesem Golde einen Sarg für sein ‚erfrorenes Kind‘ machen zu lassen und darum das Kind so schnell wie möglich auszugraben. Diesen Spott hielt Ssurikoff unter Tränen der Dankbarkeit für Ernst und schritt sofort zur Ausführung seines Planes. Ich spuckte aus und kehrte ihm den Rücken. Koljä versicherte mir, als ich zu mir kam, daß ich durchaus nicht geschlafen, vielmehr die ganze Zeit mit ihm über Ssurikoff gesprochen hätte. Von Zeit zu Zeit überkam mich schreckliche Verzweiflung, so daß Koljä sehr beunruhigt darüber fortging. Als ich aufstand, um die Tür hinter ihm zuzuschließen, erinnerte ich mich plötzlich des Bildes, das ich bei Rogoshin in einem großen, düsteren Saal über der Tür gesehen hatte. Rogoshin selbst wies im Vorübergehen darauf hin, ich glaube, ich betrachtete es fünf Minuten lang. In ihm war nichts schön im künstlerischen Sinne, doch erfüllte es mich mit Unruhe.
Das Bild war eine Kreuzabnahme Christi. Sonst stellen die Maler gewöhnlich Christus am Kreuze oder nach der Kreuzabnahme immer noch in der außergewöhnlichen Schönheit seiner verklärten Züge dar und diese Schönheit versuchen sie ihm selbst bei den schrecklichsten Qualen beizulegen. Auf dem Bilde bei Rogoshin konnte jedoch von Schönheit nicht die Rede sein: das war der wirkliche Leichnam eines Menschen, der noch vor der Kreuzigung die endlosesten Qualen erlitten hatte. Da sah man Wunden von Geißelhieben und den Mißhandlungen durch das Volk, als Er das Kreuz tragen mußte und unter dem Kreuze zusammenbrach, und, zum Schluß noch die (nach meiner Berechnung) sechsstündigen Qualen am Kreuze. Wahrhaftig, die Züge dieses Menschen, der soeben vom Kreuze genommen worden ist, enthielten noch etwas Lebendiges, Warmes, sie waren noch nicht erstarrt, ein Hauch von Leiden, ein Empfinden des Schmerzes schien noch aus ihnen zu sprechen, und das war ganz wundervoll von dem Künstler wiedergegeben. Nichts war beschönigt in diesem Gesicht, es war die reine Natur und genau so muß der Leichnam eines Menschen aussehen, wer er auch sei, nach solchen Qualen. Ich weiß, daß die christliche Kirche in den ersten Jahrhunderten das Dogma aufgestellt hat, daß Christus nicht nur bildlich gelitten, sondern wirklich und leibhaftig gelitten habe und daß sein Leib am Kreuze vollständig den Gesetzen der Natur unterworfen gewesen sei. Auf dem Bilde nun war das Gesicht von Stöcken zerschlagen, angeschwollen, mit blauen, blutunterlaufenen Flecken, die Augen starrten aus weit geöffneten Lidern. Und sonderbar, wenn man nun auf den Leichnam dieses gequälten Menschen sah, so drängte sich einem die eigentümliche Frage auf: wenn alle die Jünger, seine zukünftigen Apostel, die Frauen, die ihm folgten und die am Kreuze standen, alle die an ihn und sein Göttliches glaubten, diesen Leichnam gesehen haben – und es muß doch ein Leichnam gewesen sein – wie konnten sie da, nachdem sie diesen Leichnam gesehen hatten, noch glauben, daß er auferstehen würde? Unwillkürlich mußte man sich sagen: wenn der Tod so schrecklich und die Gesetze der Natur so stark sind, wie kann man sie dann überwinden? Wie sie besiegen, wenn selbst Er sie nicht überwand, Er, der die Natur zu seinen Lebzeiten besiegte, und dem sie sich unterwarf, Er, der ausrufen konnte: ‚stehe auf‘ – und das Mädchen stand auf! – und der Lazarus dem Grabe entriß? Die Natur erschien auf diesem Bilde als großes, unüberwindbares und stummes Tier, oder, besser gesagt, obgleich es sonderbar klingt, – wie eine ungeheure Maschine neuester Konstruktion, die ganz sinnlos und gefühllos dieses große und herrliche Wesen ergriff, es stumpfsinnig zerkaute und zermalmte –, dieses Wesen, das mehr wert war, als die ganze Natur und ihre Gesetze, und zu dessen Hervorbringung die ganze Natur vielleicht überhaupt nur geschaffen worden war. Dieses Bild war gleichsam gemalt worden, nur um einem diese dunkle, gemeine und sinnlose Kraft, der alles unterlegen ist, zum Bewußtsein zu bringen. Die Menschen, die den Toten damals umgaben und die man auf dem Bilde gar nicht sieht, mußten an diesem Abend einen großen Schrecken und Kummer erlebt haben, da alle ihre Hoffnungen auf einmal vernichtet waren. Sie mußten in schrecklicher Angst auseinander gegangen sein, obgleich ein jeder von ihnen eine große Idee mit sich trug, die ihm schon nicht mehr genommen werden konnte. Und wenn der Meister selbst am Vorabend seiner Hinrichtung dieses Bild seines Leichnams hätte sehen können, wer weiß, ob er sich hätte kreuzigen lassen? Auch diese Frage beschäftigte einen unwillkürlich, wenn man auf das Bild sah.
Alles das ging mir stückweise durch den Sinn, halb in Fieberphantasien, zum Teil in Halbschlummer, ungefähr ganze anderthalb Stunden nachdem Koljä mich verlassen hatte. Ich konnte in Bildern sehen, was sonst kein Bildnis offenbart. Und mir schien von Zeit zu Zeit, daß ich diese sonderbare und unmögliche Form, diese unendliche Kraft, dieses taube, dunkle und stumme Wesen mit meinen leiblichen Augen erblicken könnte. Ich weiß noch, es war mir, als führte mich jemand an der Hand, mit einem Licht in der andern und der zeigte mir eine riesige, widerliche Tarantel und versicherte mir, daß dieses Tier jenes dunkle taube und allmächtige Wesen sei und er lachte über meinen Unwillen.
In meinem Zimmer brennt unter dem Heiligenbild in der Nacht die kleine Lampe – ein trübes flackerndes Lichtlein –, doch kann man alles im Zimmer sehen und unter der Lampe sogar lesen. Ich glaube, es war schon ein Uhr nachts; ich schlief nicht, ich lag mit offenen Augen, als plötzlich die Türe meines Zimmers sich öffnete und Rogoshin eintrat.