Er trat ein, schloß dann die Tür, sah mich schweigend an, ging in die Ecke und setzte sich auf den Stuhl, der immer unter dem Heiligenbilde steht. Ich war sehr erstaunt und sah ihn erwartungsvoll an. Rogoshin stützte sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch und fing auch seinerseits an, mich schweigend anzusehen. So vergingen zwei, drei Minuten und sein Schweigen beleidigte und ärgerte mich. Warum spricht er nicht? Daß er so spät zu mir gekommen war, das wunderte mich, weiß Gott, gar nicht. Sogar im Gegenteil: Ich hatte am Morgen bei ihm meinen Gedanken nicht voll ausgesprochen, doch hatte er ihn wohl verstanden; er hätte also deswegen, um sich mit mir auszusprechen, sehr gut zu mir kommen können, wenn es auch schon etwas spät war. Ich dachte denn auch sofort daran, daß er deshalb gekommen sei. Am Morgen hatten wir uns fast feindlich verabschiedet und ich hatte bemerkt, wie er mich zweimal sehr spöttisch betrachtet. Und diesen Spott sah ich jetzt wieder in seinen Augen – das war es, was mich beleidigte. Daß ich tatsächlich Rogoshin vor mir sah und nicht etwa eine Erscheinung, eine Fieberphantasie, daran zweifelte ich keinen Augenblick. Mir kam nicht einmal der Gedanke an diese Möglichkeit.
Inzwischen blieb Rogoshin ruhig sitzen und betrachtete mich spöttisch. Ich stützte mich wütend gleichfalls mit beiden Ellenbogen auf mein Kopfkissen und beschloß, wie er zu schweigen, selbst wenn wir die ganze Zeit so verbringen sollten. Ich wollte durchaus, daß er als erster zu sprechen anfinge. Ich glaube, wir schwiegen ungefähr zwanzig Minuten so. Plötzlich kam mir der Gedanke: wenn das nun aber gar nicht Rogoshin ist, sondern nur – eine Erscheinung?
Weder während meiner Krankheit, noch sonst in meinem Leben habe ich jemals eine Halluzination gehabt; doch schien es mir immer, als ich noch ein Knabe war, und auch jetzt noch, obgleich ich nicht abergläubisch bin, daß ich in einem solchen Falle sofort, auf der Stelle würde sterben müssen. Aber als mir nun der Gedanke kam, daß es gar nicht Rogoshin, sondern nur eine Halluzination sein könnte, da erschrak ich nicht im geringsten, ja ich war nicht einmal zornig darüber. Sonderbar war es auch, daß mich die Frage, ob es nun wirklich Rogoshin oder nicht Rogoshin sei, gar nicht sehr aufregte. Es war, als gehöre es sich gerade so! Ich erinnere mich, ich dachte damals in Wirklichkeit an etwas ganz anderes. Zum Beispiel interessierte mich die Frage: warum Rogoshin, der vordem in Schlafrock und Pantoffeln gewesen war, jetzt in Frack und weißer Binde dasaß? Auch tauchte in mir der Gedanke auf: wenn es eine Erscheinung ist und ich mich gar nicht vor ihr fürchte, warum sollte ich da nicht aufstehen und mich davon überzeugen? Vielleicht fürchtete ich mich doch davor? Denn als ich nur daran zu denken wagte, daß ich mich fürchten könnte, da überlief in der Tat meinen ganzen Körper ein eisiger Schauer und meine Knie fingen an zu zittern. Im selben Augenblick, als ob Rogoshin es erraten hätte, daß ich ihn fürchtete, zog er seinen Arm, auf den er sich gestützt hatte, fort und verzog, indem er mich starr ansah, langsam seinen Mund zu einem Lachen. Heller Wahnsinn überkam mich und ich wollte mich schon auf ihn stürzen, doch ich hatte mir geschworen, ihn nicht als erster anzugreifen, und so blieb ich denn auf dem Bett liegen, zumal ich mich außerdem noch gar nicht überzeugt hatte, ob er es auch wirklich selbst war oder nicht?
Ich weiß nicht mehr genau, wie lange dieser Zustand andauerte, auch weiß ich nicht, ob ich nicht von Zeit zu Zeit bewußtlos war. Zuletzt sah ich nur noch, wie Rogoshin aufstand, mich ebenso aufmerksam und starr ansah – wie vorher, als er eintrat – doch lächelte er jetzt nicht mehr, ging dann leise auf den Fußspitzen zur Tür, öffnete sie, ging hinaus und schloß sie wieder. Ich rührte mich nicht, mit offenen Augen lag ich auf meinem Bett und dachte nach. Gott weiß, worüber ich nachdachte, und ich erinnere mich nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Am anderen Morgen erwachte ich, als man um zehn Uhr an meine Tür klopfte. Ich hatte ein für allemal befohlen, mir um zehn Uhr den Tee zu bringen, und so mußte Matrjona an die Tür klopfen. Als ich ihr die Tür öffnete, beschäftigte mich sofort der Gedanke: Wie konnte er ins Zimmer kommen, wenn die Tür verschlossen war? Ich überzeugte mich davon, daß der wirkliche Rogoshin gar nicht hätte hereinkommen können, da alle Türen unserer Wohnung die Nacht über verschlossen und verriegelt gewesen waren.
Dieser sonderbare Zwischenfall, den ich soeben ausführlich beschrieben habe, war der Grund zu meinem endgültigen ‚Entschluß‘. Zu diesem Entschluß brachte mich keine Logik, keine logische Überzeugung, sondern Ekel. Man kann nicht ein Leben führen, das so sonderbare Formen annimmt, Formen, die mich beleidigen.
Diese Vision erniedrigte mich! Ich bringe es nicht über mich, mich einer dunklen Gewalt zu ergeben, die die Formen einer Tarantel annimmt! Und erst dann, als ich gegen Abend den endgültigen unwiderruflichen Entschluß gefaßt hatte, wurde mir leichter. Das war nur das erste Moment; wegen des zweiten fuhr ich nach Pawlowsk; doch das ist schon zur Genüge erklärt.“
VII.
„Ich besitze eine kleine Taschenpistole; ich hatte sie mir noch als Knabe angeschafft, in dem komischen Alter, da einem plötzlich Räubergeschichten und Duelle zu gefallen anfangen und man es liebt, sich vorzustellen, wie man selbst zum Duell gefordert wird und wie man sich mutig vor die Pistole stellt. Vor einem Monat habe ich sie mir angesehen, geputzt und wieder zurecht gemacht. In dem Kasten, in dem sie lag, fand ich zwei Kugeln und Pulver für drei Schüsse. Die Pistole ist natürlich nichts wert, die reine Kinderpistole, trifft auch kaum auf fünfzehn Schritt; wenn man sie jedoch dicht an die Schläfe setzt, wird sie schon noch einen Schädel zerschmettern können.
Ich beschloß, in Pawlowsk bei Sonnenaufgang zu sterben: und zwar beschloß ich, in den Park zu gehen, damit niemand auf der Datsche gestört werde. Meine ‚Erklärung‘ wird die Polizei genügend über alles unterrichten. Liebhaber der Psychologie mögen daraus schließen was sie wollen. Ich wünsche indessen nicht, daß meine Schrift veröffentlicht wird. Ich bitte den Fürsten, das eine Exemplar an sich zu nehmen und das andere Exemplar Aglaja Iwanowna Jepantschin zu geben. Dieses ist mein Wille. Ich vermache meinen Leichnam der medizinischen Fakultät zu wissenschaftlichen Zwecken.
Ich erkenne keinen Richter über mich an und weiß, daß ich außerhalb jedes Rechtspruchs stehe. Vor kurzem belustigte mich die Vorstellung: wie, wenn ich jetzt plötzlich auf den Einfall käme, irgendeinen Menschen einfach totzuschlagen, vielleicht zehn Menschen auf einmal oder sonst irgend etwas Schreckliches zu tun, irgend etwas, was diese Welt für das schrecklichste hält – in welch einer dummen Lage würde sich dann das Gericht bei meiner zwei- bis dreiwöchentlichen Lebensfrist befinden? Ich würde vielleicht sehr komfortabel in einem Hospital, unter der Aufsicht eines guten Arztes, und vielleicht viel angenehmer, als bei mir zu Hause, sterben. Ich verstehe nicht, daß Leuten in meiner Lage niemals ein solcher Gedanke in den Kopf gekommen ist, wenn auch nur zum Spaß?! Vielleicht verfällt doch einmal jemand darauf! Es gibt doch auch bei uns in Rußland lustige Leute.