Aber – wenn ich auch keinen Richter über mich anerkenne, so weiß ich doch, daß man mich richten wird, wenn ich bereits auf ewig taub und stumm sein werde. Ich möchte jedoch nicht fortgehen, ehe ich nicht ein Wort zur Antwort hinterlassen habe – ein freies, unerzwungenes Wort. Nicht zur Verteidigung etwa – o nein! Ich habe niemanden und wegen nichts um Verzeihung zu bitten.
Da ist zunächst ein sonderbarer Gedanke: Wer wollte mir denn mein Recht auf diese Frist von zwei bis drei Wochen bestreiten? Auf Grund welchen Rechtes? Wem nützt es, daß ich als Verurteilter noch artig die Frist bis zur Urteilsvollstreckung abwarte? Wem nützt es denn? Oder soll ich’s um der Sittlichkeit willen etwa? Ich verstehe noch, wenn ich bei blühender Gesundheit und großen Kräften mein Leben selbst vernichten wollte, dieses Leben, das ‚meinem Nächsten noch Nutzen bringen könnte‘: da könnte man mir vom sittlichen Standpunkt aus und nach altem Brauch vorwerfen, daß ich ohne zu fragen über mein eigenes Leben verfüge – oder was man sich da ausdenkt. Doch jetzt, wo über mich bereits das Urteil gefällt ist? Welches Sittengesetz wird denn auch noch auf das letzte Röcheln eines Sterbenden Anspruch erheben, mit dem er sein Leben aushaucht? Was hilft mir der Trost des Fürsten, der in seiner christlichen Auslegung den glücklichen Gedanken gehabt hat, daß es im Grunde genommen für mich viel besser ist, zu sterben. (Solche Christen wie er kommen immer zu diesem Schluß: das ist ihr geliebtes Steckenpferd.) Und was wollen sie eigentlich mit ihren lächerlichen ‚Pawlowsker Bäumen‘? Die letzten Stunden meines Lebens versüßen? Begreifen sie denn nicht, daß ich mich, je mehr ich mich diesen letzten Illusionen von Leben und Liebe hingebe, mit denen sie mich von der Meierschen Lehmwand und allem, was ich ihr so aufrichtig bekannt habe, trennen wollen, desto unglücklicher fühlen muß? Was soll ich mit ihrer schönen Natur, mit ihrem Pawlowsker Park, mit ihrem Sonnenaufgang und -untergang, mit ihrem blauen Himmel und ihren selbstzufriedenen Gesichtern, wenn das ganze Fest, das kein Ende nimmt, für mich damit beginnt, daß es mich allein für einen überflüssigen Gast erklärt. Was soll ich mit all dieser Schönheit, wenn ich jede Minute, jede Sekunde gezwungen bin, daran zu denken, daß die kleinste Fliege, die neben mir in der Sonne summt, an diesem Fest, an diesem Chor teilnehmen kann, ihren Platz in ihm kennt, ihn liebt und glücklich ist. Nur ich allein bin ein Ausgestoßener und wollte es nur, aus kleinmütiger Feigheit vor mir selbst, bis jetzt nicht eingestehen! Oh, ich weiß, wie sehr der Fürst und all die anderen mich dazu bringen wollen, daß ich statt all der ‚boshaften und verbitterten‘ Reden eine Hymne auf den Sieg der sittlichen Selbstüberwindung anstimmte, wie Milvoye in den berühmten und klassischen Strophen:
‚O, puissent voir votre beauté sacrée
Tant d’amis, sourds à mes adieux!
Qu’ils meurent pleins de jours, que leur mort soit pleurée.
Qu’un ami leur ferme les yeux!‘[30]
Doch glaubt mir, glaubt mir, ihr gutmütigen Seelen, daß in dieser wohlanständigen Strophe, in diesem akademischen Segensspruch der Franzosen, so viel heimliche Galle, so viel unversöhnliche und mit Rhythmen überzuckerte Wut ist, daß der Poet vielleicht sich selbst damit belogen und seine Wut als tränenreichen Trost empfunden hat und in dem Glauben auch gestorben ist: Friede seiner Asche! Wissen Sie auch, daß es in der Erkenntnis der eigenen Schande, Richtigkeit und Schwachheit eine Grenze gibt, über die der Mensch nicht mehr hinaus kann? An dieser Stelle beginnt er dann eine große Wollust in seiner Demütigung zu empfinden ... Nun, freilich, auch die Demut ist in gewissem Sinne eine große Kraft, ich gebe es zu, wenn auch nicht in dem Sinne, wie die Religion sie auffaßt.
Die Religion! Ein ewiges Leben erkenne ich an und habe es vielleicht immer anerkannt. Mag der Wille einer höheren Gewalt das Feuer meines Bewußtseins entzündet haben, mag es sich umgesehen haben im All und sich gesagt: ‚Ich bin‘! Und mag ihm eine höhere Gewalt befohlen haben, dann zu vergehen, sogar ohne Erklärung weshalb und wozu. Doch meine Demut – das ist die ewige Frage – wozu soll denn die nötig sein? Kann man mich denn nicht einfach auffressen, ohne von mir noch Lob und Preis dafür zu verlangen, daß ich aufgefressen werde? Wird sich denn wirklich dort irgend jemand beleidigt fühlen, wenn ich nicht mehr zwei Wochen darauf warten will? Das glaube ich nicht; und es ist schon viel richtiger, anzunehmen, daß mein erbärmliches Leben, das Leben eines einzelnen Atomes, zugunsten einer allgemeinen Harmonie im Weltganzen, zu irgendeinem Plus oder Minus, zu einem Kontrast usw. usw. nötig ist, genau so, wie das Leben täglich das Opfer von Millionen von Lebewesen verlangt, ohne deren Tod die übrige Welt nicht existieren könnte. (Ich bemerke hier, daß dieser Gedanke an sich durchaus nicht großmütig ist.) Doch möge es so sein! Ich gebe es zu, daß die Welt ohne diese gegenseitige Vernichtung nicht hätte aufgebaut werden können, und ich gebe sogar zu, daß ich nichts von ihrer Einrichtung begreife, doch weiß ich dafür ganz genau eines: wenn man mir auch das Bewußtsein gegeben hat, daß ‚Ich bin‘, so geht es mich doch noch nichts an, ob die Welt nun fehlerhaft aufgebaut und ohne Vernichtung nicht bestehen kann. Wer also, und wofür wird man mich danach verurteilen? Sagen Sie, was Sie wollen – ich finde jedenfalls, daß es unmöglich und zugleich ungerecht wäre.
Trotzdem habe ich niemals, trotz meines größten Verlangens, mir vorstellen können, daß es kein zukünftiges Leben und keine Vorsehung gebe. Es ist viel wahrscheinlicher, daß wir das zukünftige Leben und seine Gesetze nicht verstehen können. Doch wenn das so schwer und überhaupt nicht zu begreifen ist, wie soll ich dann dafür verantwortlich sein, daß ich nicht imstande bin, das Unfaßbare zu fassen? Natürlich sagen da die Leute und natürlich auch der Fürst, daß Gehorsam nötig sei, daß man gehorchen muß, auch ohne zu verstehen, und zwar aus moralischen, sittlichen Gründen, und daß ich in der anderen Welt dafür belohnt werde. Wir erniedrigen jedoch die Vorsehung, wenn wir ihr aus Ärger darüber, daß wir sie nicht verstehen können, unsere Begriffe unterschieben. Und wiederum, wenn man die Vorsehung nicht verstehen kann – wie kann denn der Mensch dafür verantwortlich sein, was er nicht verstehen kann? Und ebenso, wer kann mich denn verurteilen, wenn ich den Willen und die Gesetze der Vorsehung nicht verstanden habe? Nein, lassen wir die Religion lieber!
Aber damit wäre es auch genug! Wenn ich beim Vorlesen bis zu diesen Zeilen gekommen sein werde, wird die Sonne aufgehen und ‚am Himmel erklingen‘ und ihre große Feuerkraft wird die Erde überfluten. Mag ich sterben! Ich werde in diese Quelle des Lebens und der Kraft sehen, und mein Leben, das ich nicht mehr ertragen will, von mir werfen! Wenn ich die Macht gehabt hätte, nicht geboren zu werden, so hätte ich ein Leben unter so spottenden Bedingungen gewiß nicht angenommen. Aber noch habe ich die Macht, zu sterben, obgleich ich nur Tage hinwerfen kann, die schon gezählt sind. Und doch ist es eine Macht und doch ein Protest ...