Meine letzte Erklärung: Ich sterbe durchaus nicht deshalb, weil ich nicht imstande wäre, diese drei Wochen noch zu ertragen; oh, dazu hätte ich wohl noch die Kraft, und wenn ich wollte, so wäre mir allein schon die Erkenntnis der mir angetanen Schmach eine Genugtuung; doch ich bin kein französischer Dichter und brauche solch einen Trost nicht. Und dann die Versuchung: Die Natur hat meine Betätigungsmöglichkeit mit ihren drei Wochen Frist dermaßen eingeengt, daß der Selbstmord die einzige Tat ist, die ich noch vollführen kann, das heißt anfangen und beenden nach meinem eigenen Willen. Nun und vielleicht will ich eben nur die letzte Möglichkeit einer Tat ausnutzen? Der Protest ist manchmal keine geringe Tat ...“
Die „Erklärung“ war damit zu Ende. Hippolyt verstummte ...
Ein nervöser Mensch, der gereizt und außer sich den äußersten Grad zynischer Offenherzigkeit erreicht hat, ist gewöhnlich zu allem bereit, selbst zum größten Skandal, und ist sogar froh über ihn: er stürzt sich auf die Menschen und hat selbst dabei das unklare, aber feste Ziel, eine Minute nachher sich von einem Turm hinabzustürzen und damit alle Mißverständnisse, wenn solche vorliegen, auf einmal zu beseitigen. Die Folge eines solchen Zustandes ist meistens Erschöpfung der physischen Kräfte. Die ungewöhnliche, beinahe unnatürliche Anstrengung hatte Hippolyt bisher aufrechterhalten. An sich erschien dieser achtzehnjährige, von der Krankheit erschöpfte Jüngling so schwach, wie ein vom Baum gerissenes, zitterndes Blatt. Kaum hatte er seine Augen über die Zuhörer hingleiten lassen, zum erstenmal nach seiner Lektüre, so drückte sich auch schon in ihnen, in seinem Lächeln, Hochmut, Verachtung und Widerwillen aus. Es drängte ihn zu einer Herausforderung. Doch auch die Zuhörer waren unwillig. Alle erhoben sich lärmend und geärgert vom Tisch. Die Müdigkeit, der Wein, die Anstrengung erhöhten noch das Peinliche des Eindrucks.
Plötzlich sprang Hippolyt vom Stuhl auf, als hätte ihn jemand vom Platze gerissen.
„Die Sonne geht auf!“ schrie er, als er die glänzenden Spitzen der Bäume sah und zeigte sie dem Fürsten, wie man ein Wunder zeigt. „Sie ist aufgegangen!“
„Und Sie glaubten wohl, daß sie nicht aufgehen werde, wie?“ bemerkte Ferdyschtschenko.
„Das gibt wieder eine Hitze den ganzen Tag über,“ brummte nachlässig, ärgerlich Ganjä, drehte seinen Hut in den Händen, gähnte und reckte sich. „Den ganzen Monat schon diese Dürre! ... Gehen wir oder gehen wir nicht, Ptizyn?“
Hippolyt starrte ihn ganz verwundert bis zur Versteinerung an, erbleichte, und ein Zittern befiel seinen Körper.
„Sie zeigen Ihre Gleichgültigkeit, mit der Sie mich kränken wollen, recht ungeschickt,“ wandte er sich an Ganjä und sah ihm gerade ins Gesicht. „Sie sind ein Lump!“
„Das übersteigt denn doch schon alles!“ brüllte Ferdyschtschenko.