„Aber er ist doch nicht gestorben. Ich werde sie mir von ihm ausbitten.“

„Bringen Sie sie mir unbedingt, zu bitten ist da nichts. Es wird ihm sicherlich sehr angenehm sein, denn es ist doch möglich, daß er sich nur deshalb hat erschießen wollen, damit ich dann seine Beichte lesen solle. Ich bitte Sie, nicht über die Worte, die ich spreche, zu lachen, Lew Nikolajewitsch, es ist wirklich sehr leicht möglich, daß es so gewesen ist.“

„Ich lache nicht, ich bin vielmehr selbst überzeugt, daß es sich zum Teil wirklich so verhalten haben kann.“

„Überzeugt? Sind Sie wirklich derselben Meinung wie ich?“ wunderte sich Aglaja.

Sie fragte schnell und sprach hastig, bisweilen jedoch verwirrte sie sich und führte dann den schon begonnenen Satz nicht zu Ende. Sie schien es sehr eilig zu haben – obschon sie sich hundertmal selbst unterbrach – und schien ungewöhnlich erregt zu sein. Wenn sie auch mutig und fast herausfordernd dreinschaute, so war ihr im Herzen doch sicherlich recht bange. Sie trug ihr alltägliches, schlichtes Kleid, das ihr sehr gut stand. Oft fuhr sie zusammen und errötete plötzlich. Auch saß sie nur auf dem äußersten Rande der Bank. Die Bestätigung des Fürsten, daß der Beweggrund Hippolyts zu diesem Selbstmordversuch teilweise tatsächlich der Wunsch gewesen sein könne, daß sie seine Beichte lesen solle, wunderte sie sehr.

„Natürlich wollte er,“ erklärte der Fürst, „daß außer Ihnen auch wir ihn loben sollten ...“

„Inwiefern loben?“

„Das heißt, daß ... wie soll man das sagen? Das ist sehr schwer zu erklären. Zunächst hat er sicherlich gewollt, daß alle ihn umringen und ihm sagen sollten, wie sehr sie ihn liebten und achteten. Ferner, daß ihn alle bitten sollten, sich doch nicht zu erschießen, vielmehr am Leben zu bleiben. Es ist sehr möglich, daß er dabei in erster Linie an Sie gedacht hat ... ohne es vielleicht selbst zu wissen.“

„Das verstehe ich nicht: er soll gedacht und dabei nicht gewußt haben, was er gedacht hat? Doch übrigens ... ich glaube, ich verstehe es doch ... Wissen Sie, daß ich selbst wohl schon dreißigmal daran gedacht habe, mich zu vergiften – noch als dreizehnjähriges Mädchen – und in einem Brief an meine Eltern ganz genau zu schildern, was mich in den Tod getrieben hat. Und dann stellte ich es mir immer vor, wie ich im Sarge liegen und die anderen um ihn herumstehen und weinen und sich anklagen würden, daß sie so hart und streng zu mir gewesen waren ... Weshalb lächeln Sie wieder,“ wandte sie sich brüsk an den Fürsten, die Brauen zusammenziehend, „ich möchte wohl wissen, was Sie sich alles gedacht haben, wenn Sie allein gewesen sind und etwas zusammenträumten! Sie sahen sich dann womöglich als großen Feldmarschall ... und vielleicht als Besieger Napoleons!“

„Nun, werden Sie es mir glauben,“ lachte der Fürst, „ich sehe mich, mein Ehrenwort, oft als Feldherrn! Namentlich wenn ich abends im Begriff bin, einzuschlafen. Nur besiege ich nicht Napoleon, sondern immer nur die Österreicher.“