„Ich habe ihn gestern gesehen: er hat keinen verbrannten Finger.“

Aglaja platzte endlich laut heraus und lachte wie ein Kind.

„Wissen Sie, warum ich soeben gelogen habe?“ wandte sie sich ebenso plötzlich an den Fürsten – mit der kindlichsten Zutraulichkeit und einem Lachen, das schalkhaft um ihre Lippen zuckte. „Weil jedesmal, wenn man beim Lügen geschickt etwas nicht ganz Gewöhnliches hineinflicht, irgend etwas, nun wissen Sie, etwas, das ganz selten vorkommt, oder sogar überhaupt nicht, dann die Lüge sogleich viel wahrscheinlicher wird. Das habe ich oft bemerkt. Mir ist es diesmal nur leider nicht gelungen, ich verstand nicht, es richtig zu machen ...“

Plötzlich wurde sie wieder ernst und runzelte die Stirn, wie wenn sie sich besonnen hätte.

„Wenn ich Ihnen damals,“ wandte sie sich an den Fürsten, indem sie ihn ernst und beinahe traurig ansah, „wenn ich Ihnen damals auch die Ballade vom ‚armen Ritter‘ vortrug, so wollte ich Sie damit ... wenn ich Sie auch damit einesteils loben wollte – doch andernteils für Ihr Benehmen brandmarken und Ihnen zeigen, daß ich alles weiß ...“

„Sie sind sehr ungerecht zu mir ... und zu jener Unglücklichen, über die Sie sich soeben so häßlich geäußert haben, Aglaja.“

„Weil ich eben alles weiß, alles, deshalb habe ich mich auch so ausgedrückt. Ich weiß, daß Sie ihr vor einem halben Jahr in Gegenwart aller Gäste einen Heiratsantrag gemacht haben. Unterbrechen Sie mich nicht, Sie sehen, ich rede ohne Kommentar. Darauf entfloh sie mit Rogoshin; dann lebten Sie mit ihr in irgendeinem Dorf oder kleinen Städtchen, bis sie von Ihnen wieder fortging zu einem anderen.“ Aglaja errötete entsetzlich. „Dann kehrte sie wieder zu Rogoshin zurück, der sie immer noch liebte, wie ... wie ein Irrsinniger. Darauf sind nun Sie, gleichfalls ein sehr kluger Mann, hierher ihr nachgereist, sobald Sie nur erfahren hatten, daß sie in Petersburg eingetroffen ist. Gestern abend beeilten Sie sich, sie zu verteidigen, und soeben haben Sie sie hier im Traum gesehen. – Sehen Sie jetzt, daß ich alles weiß! Sie sind doch ihretwegen, einzig ihretwegen hergekommen?“

„Ja, ihretwegen,“ antwortete der Fürst leise, traurig und nachdenklich, indem er den Kopf senkte, ohne auch nur zu ahnen, mit welch glühendem Blick Aglaja an ihm hing. „Ihretwegen ... nur um zu erfahren ... Ich glaube nicht an ihr Glück mit Rogoshin, wenn auch ... mit einem Wort, ich weiß nicht, was ich hier für sie tun könnte, wie ihr helfen, aber ich bin in der Tat um ihretwillen gekommen.“

Er zuckte zusammen und blickte Aglaja an, die ihm mit Verachtung zuhörte.

„Wenn Sie gekommen sind, ohne selbst zu wissen weshalb, so müssen Sie sie ja sehr lieben,“ sagte sie schließlich.