Nastassja Filippowna hatte sich auch im Gesicht stark verändert. Man konnte es kaum glauben, daß sie wirklich dieselbe Nastassja Filippowna war. Früher war sie ein hübsches Mädchen gewesen, jetzt aber ... Tozkij konnte es sich lange Zeit nicht verzeihen, daß er sie vier Jahre lang so oft betrachtet und doch eigentlich nie gesehen hatte. Allerdings mußte man nicht vergessen, daß auf beiden Seiten eine ungeheure Veränderung vor sich gegangen war. Übrigens entsann er sich, daß es auch früher bisweilen Minuten gegeben hatte, in denen ihm z. B. beim Anblick dieser Augen eigentümliche Gedanken gekommen waren: es war, als hätte sich hinter ihnen eine tiefe, geheimnisvolle Finsternis aufgetan. Wenn dieser Blick einen ansah, so war’s, als gäbe er einem ein Rätsel auf. In den letzten zwei Jahren wunderte er sich oft über die Veränderung ihrer Gesichtsfarbe: Nastassja Filippowna wurde seltsam bleich, doch – sonderbar: sie wurde dadurch noch schöner. Tozkij, der anfangs wie alle Lebemänner nur mit Zynismus daran gedacht hatte, wie billig er diese Seele gekauft, die so gut wie überhaupt noch nicht gelebt hatte, begann mit der Zeit an der Richtigkeit seiner Annahme stark zu zweifeln. Doch ganz abgesehen davon, hatte er noch im letzten Frühling in Otradnoje beschlossen, Nastassja Filippowna bald mit irgendeinem verständigen und anständigen Herrn, dessen Arbeitsfeld am besten in einem anderen Gouvernement lag, zu verheiraten, natürlich nicht ohne reichliche Mitgift. (Oh, wie unheimlich und boshaft Nastassja Filippowna jetzt über diesen Plan lachte!) Doch nun dachte Tozkij – verlockt durch den Reiz der Neuheit – sogar daran, daß er dieses Weib ja von neuem ausnutzen konnte. Er beschloß, sie in Petersburg unterzubringen und mit dem größten Luxus zu umgeben. Wenn er das eine nicht haben konnte, so konnte er doch wenigstens das andere haben: mit Nastassja Filippowna Aufsehen erregen und in einem gewissen Kreise sogar renommieren. Und Afanassij Iwanowitsch Tozkij schätzte seinen Ruhm gerade in diesem Kreise sehr hoch.

Inzwischen vergingen fünf Jahre nach ihrem ersten Erscheinen in Petersburg, und während dieser Zeit hatte sich manches offenbart. Tozkijs Lage war einfach trostlos; und das Dümmste an der Sache war, daß er, nachdem ihm einmal bange geworden war, nicht mehr Mut fassen und sich beruhigen konnte. Er fürchtete ... was? – das wußte er selbst nicht; fürchtete einfach Nastassja Filippowna. Eine Zeitlang – das war noch in den ersten zwei Jahren – begann er allmählich zu vermuten, daß sie ihn, Afanassij Tozkij, heiraten wolle, aus übertriebenem Stolz jedoch schweige und seinen Antrag erwarte. Das Verlangen wäre sonderbar gewesen, doch Tozkij wurde argwöhnisch: er runzelte zwar die Stirn und wollte nicht, aber er begann doch nachzudenken, schließlich wurde er sogar sehr nachdenklich ... bis er sich eines Tages zu seiner größten und (so ist das Menschenherz!) etwas unangenehmen Verwunderung überzeugte, daß er, falls er anhalten würde, ganz positiv einen Korb bekäme. Lange Zeit konnte er es gar nicht fassen. Nur eine einzige Erklärung schien ihm schließlich möglich: daß der Stolz dieser „beleidigten und phantastischen Frau“ bereits so nahe an Verzweiflung grenzte, daß sie es vorzog, einmal ihre Verachtung für ihn in einer Absage ausdrücken zu können, als ihr Leben ein für allemal sicherzustellen und hinfort auf einer für sie sonst doch unerreichbar hohen Staffel zu stehen. Das schlimmste aber war, daß Nastassja Filippowna in geradezu beängstigender Weise die Oberhand gewann. Mit Geld war bei ihr gleichfalls nichts zu erreichen, gleichviel wie hohe Summen er ihr auch angeboten hätte. Zwar lebte sie in einer teuren Wohnung, die er für sie luxuriös eingerichtet hatte, doch führte sie daselbst ein sehr bescheidenes Leben und versuchte nicht einmal in den ganzen fünf Jahren, etwas beiseite zu schaffen. Da verfiel Tozkij auf ein sehr schlaues Mittel, um seine Ketten zu zerreißen: unmerklich und sehr geschickt versuchte er, sie mit den idealsten Mitteln zu verlocken; doch all die verkörperten Ideale in Gestalt von Fürsten, Husarenoffizieren, Gesandtschaftssekretären, Dichtern, Romanschriftstellern und sogar Sozialisten, die er ihr zuführte, machten alle nicht den geringsten Eindruck auf sie, ganz als hätte sie anstatt des Herzens einen Stein in der Brust gehabt, als wären alle ihre Gefühle eingetrocknet und für immer gestorben. Sie lebte eigentlich recht einsam, las, lernte sogar, liebte Musik. Bekannte, die sie besuchten, hatte sie nur sehr wenige, dabei durchaus keine vornehmen Leute: so verkehrte sie mit ein paar armen und lächerlichen Beamtenfrauen, kannte zwei sonst ganz unbekannte Schauspielerinnen, beide schon fast Greisinnen, liebte die zahlreiche Familie eines ehrsamen Lehrers, in dessen Hause auch sie gern gesehen war und sogar sehr geliebt wurde. Hin und wieder fanden sich bei ihr abends fünf bis sechs Bekannte ein, nicht mehr. Tozkij erschien sehr oft und pünktlich. In der letzten Zeit war es auch dem General Jepantschin gelungen (nicht ohne Mühe), Nastassja Filippownas Bekanntschaft zu machen. In derselben Zeit wurde auch ein junger Beamter, Ferdyschtschenko mit Namen, sehr schnell und ohne Mühe mit ihr bekannt. Es war das ein recht unanständiger und schmieriger Possenreißer, der dem Alkohol nicht abhold war und sich für einen geistreichen Humoristen hielt. Ferner war ein junger und recht eigentümlicher Mensch mit ihr bekannt, ein gewisser Ptizyn, ein bescheidener, stets pünktlicher und gesellschaftlich einigermaßen polierter Junge, der sich aus der größten Armut heraufgearbeitet hatte und jetzt Geld auf hohe Zinsen lieh. Schließlich wurde auch Gawrila Ardalionytsch Iwolgin mit ihr bekannt ... Es endete damit, daß Nastassja Filippowna eine seltsame Berühmtheit erlangte: ein jeder sprach von ihrer Schönheit, aber das war auch alles, wovon man sprechen konnte: niemand konnte sich mit etwas rühmen oder das Recht dazu einem anderen nachsagen. Dieser Ruf, ihre Bildung, ihr Auftreten, ihr Scharfsinn, ihr Geist – alles das zusammen bewirkte, daß Tozkij sich endgültig zur Ausführung seines erwähnten Planes entschloß. Und hier nun beginnt der Augenblick, von dem ab der General Jepantschin selbst so regen Anteil an dieser Angelegenheit nahm.

Als Tozkij sich liebenswürdig und freundschaftlich in betreff einer seiner drei Töchter an den General wandte, legte er ihm in der ausführlichsten und edelsten Weise ein volles Bekenntnis ab. Doch teilte er ihm gleichzeitig mit, daß er vor keinem einzigen Mittel zurückschrecken würde, um nur endlich seine Freiheit wiederzuerlangen: daß es ihn auch nicht beruhigen würde, wenn Nastassja Filippowna ihm versprechen sollte, ihn hinfort mit nichts zu bedrohen, weil er sich auf Worte allein nicht verlassen könne und folglich die sichersten Garantien wünsche und verlange. Sie berieten hin und her, bis sie dann zunächst einmal zu der Einsicht kamen, daß gemeinschaftlich vorzugehen am besten sei. Auch wurde ferner noch beschlossen, es zunächst mit den sanftesten Mitteln zu versuchen, oder wie man zu sagen pflegt: nur die edlen Saiten des Herzens zu berühren. Sie machten sich also beide auf und fuhren zu Nastassja Filippowna, und Tozkij begann hier sofort und ohne alle Vorreden und Umschweife damit, daß er ihr das Unerträgliche seiner Lage schilderte; die Schuld an allem maß er sich selbst zu; sagte ganz offen, daß er aber doch für das Unrecht, das er ihr zugefügt, nicht nachträglich büßen wolle, denn er sei ein eingefleischter Lüstling und seiner nicht mächtig, daß er aber jetzt zu heiraten beabsichtige und das ganze Schicksal dieser höchst ehrenhaften und angenehmen Verbindung in ihrer Hand liege; mit einem Wort, er erwarte alles von ihrem edlen Herzen. Darauf ergriff der General das Wort, in seiner Eigenschaft als Vater, sprach sehr vernünftig, vermied alles Rührende, erwähnte nur, daß er ihr Recht, über Tozkijs Schicksal zu bestimmen, vollkommen anerkenne, hob geschickt seine eigene Ergebung hervor, sowie daß das Schicksal seiner ältesten Tochter, vielleicht aber auch noch dasjenige der beiden jüngeren, im Augenblick nur von ihr abhinge. Auf Nastassja Filippownas Frage, was sie denn eigentlich von ihr verlangten, gestand Tozkij mit derselben nackten Offenheit, sie habe ihm vor fünf Jahren einen solchen Schrecken eingejagt, daß er sich auch jetzt noch nicht sicher fühle, es sei denn, daß Nastassja Filippowna selbst heirate. Er fügte übrigens sofort eilig hinzu, daß diese Bitte natürlich unsinnig wäre, wenn er nicht Ursache hätte, sie doch für nicht unsinnig zu halten. Er hätte nämlich sehr wohl bemerkt und außerdem noch aus sicherer Quelle erfahren, daß ein junger Mann aus sehr guter Familie, der hier in Petersburg lebe, und zwar Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, den sie auch selbst kenne und bei sich empfange, sie mit der ganzen Glut der Leidenschaft liebe und – versteht sich – die Hälfte seines Lebens hingeben würde für die bloße Zustimmung, ihre Zuneigung erringen zu dürfen. Dieses Geständnis hätte er, Tozkij, selbst von Gawrila Ardalionytschs Lippen gehört, und zwar schon vor langer Zeit als Freund des jungen Mannes, der ihm einmal sein ganzes Herz ausgeschüttet, und daß um diese Liebe auch Seine Exzellenz Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der den jungen Mann protegiere, schon lange wisse. Ferner, wenn er, Tozkij, sich nicht täusche, sei ja auch ihr selbst die Liebe des jungen Mannes kein Geheimnis mehr, und wie ihm, Tozkij, scheine, verhielte sie sich zu derselben nicht abweisend. Natürlich sei es ihm, Tozkij, schwerer als jedem anderen, davon zu sprechen; doch wenn sie ihm, Tozkij, außer Egoismus und dem Wunsch, sein eigenes Leben zu verschönen, nur ein wenig auch den Wunsch, ihr Gutes zu erweisen, zutraue, so würde sie begreifen, wie unangenehm und schwer es ihm falle, ihre Einsamkeit zu sehen. Er könne hieraus nur eins schließen: daß sie an eine Erneuerung ihres Lebens – das doch in der Liebe und im Familienglück so herrlich neu erstehen und somit einen Inhalt finden könnte – nicht glaube oder nicht einmal glauben wolle. Dieses Leben aber, das sie jetzt führe, sei einfach ein Vergraben und Abtöten ihrer glänzenden Fähigkeiten, und das bewußte Gefallenfinden an ihrem Unglück, ja sogar die gewisse Romantik, die ihrem jetzigen Leben anhafte, sei sowohl ihres gesunden Verstandes wie ihres edlen Herzens unwürdig. Nachdem er dann noch einmal wiederholt hatte, daß es ihm schwerer falle als jedem anderen, mit ihr darüber zu reden, kam er auf den zweiten Teil seines Planes zu sprechen. Er sagte, er könne sich nicht die Hoffnung versagen, daß sie ihm nicht mit Verachtung antworten werde, wenn er sie seines aufrichtigen Wunsches, ihre Zukunft sicherzustellen, versicherte und ihr die Summe von fünfundsiebzigtausend Rubeln anböte. Er fügte sogleich hinzu, daß diese Summe sowieso für sie in seinem Testament bestimmt sei; mit einem Wort, es handle sich hier nicht etwa um eine Abfindung ... und weshalb wolle sie denn den menschlichen Wunsch, wenigstens in irgendeiner Art sein Gewissen zu erleichtern, bei ihm nicht gelten lassen und entschuldigen usw. usw. – was in solchen Fällen gewöhnlich geredet wird. Tozkij sprach lange und beredt und flocht noch – gleichsam im Vorübergehen – die interessante Mitteilung ein, daß er von diesen fünfundsiebzigtausend Rubeln keinem Menschen ein Wort gesagt, daß selbst Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der hier neben ihm sitze, bis jetzt nichts davon gewußt habe, kurzum – es wisse darum kein Mensch.

Die Antwort, die ihnen hierauf von Nastassja Filippowna zuteil wurde, setzte aber beide Freunde nicht wenig in Erstaunen: alles andere hätten sie eher erwartet!

Es war nicht nur keine Spur von ihrer früheren Spottlust und Feindseligkeit, ihrem früheren Haß und Lachen vorhanden, von diesem Lachen, bei dessen bloßer Vorstellung Tozkij ein Gruseln im Rücken fühlte, sondern es schien sie im Gegenteil sogar zu freuen, daß sie endlich offen und freundschaftlich mit jemand reden konnte. Sie gestand ohne weiteres, daß sie selbst schon lange um freundschaftlichen Rat habe bitten wollen, nur habe ihr Stolz sie davon abgehalten, daß jedoch jetzt, nachdem das Eis gebrochen, einer Aussprache nichts mehr im Wege stehe. Sie gestand anfangs mit einem traurigen Lächeln, bald aber ganz heiter und sogar lachend, daß vom früheren „Sturm im Wasserglase“ keine Rede mehr sein könne; daß sie Zeit genug gehabt habe, ihre Auffassung der Dinge zu ändern, und wenn sie in ihrem Herzen auch noch ganz dieselbe sei, so habe sie sich doch gezwungen gesehen, manches als vollendete Tatsache gelten zu lassen: was geschehen sei, sei geschehen, was vergangen, das sei vergangen, und es wundere sie nur, daß Afanassij Iwanowitsch immer noch fortfahre, so ängstlich zu sein und Befürchtungen zu hegen. Hierauf wandte sie sich an den General und versicherte ihm, daß sie die größte Hochachtung für seine Töchter empfände, von denen sie schon viel gehört habe, und es würde sie glücklich und stolz machen, wenn sie ihnen irgendwie einen Dienst erweisen könne. Es sei vollkommen wahr, daß sie sich bedrückt und einsam fühle, sehr einsam; Afanassij Iwanowitsch habe ihre Gedanken erraten: wie gern würde sie von ihrem jetzigen zu einem neuen Leben auferstehen wollen, wenn nicht durch die Liebe, so doch vielleicht in der Ehe, durch einen neuen Lebensinhalt. In bezug auf Gawrila Ardalionytsch jedoch könne sie noch nichts Bestimmtes sagen. Sie glaube allerdings auch bemerkt zu haben, daß er sie liebe, und glaube sogar, daß sie ihn mit der Zeit gleichfalls liebgewinnen würde, wenn sie nur an die Treue seiner Zuneigung glauben könne; doch wenn er auch aufrichtig wäre, so sei er doch noch sehr jung, und daher falle es ihr nicht leicht, einen Entschluß zu fassen. Was ihr übrigens am meisten an ihm gefiele, sei, daß er arbeite und ganz allein seine Mutter und seine Schwester ernähre. Sie habe gehört, daß er ein energischer, stolzer Mann sei, der sich durchkämpfen und Karriere machen wolle. Desgleichen habe sie gehört, daß Nina Alexandrowna Iwolgina, die Mutter Gawrila Ardalionytschs, eine vortreffliche und in jeder Beziehung schätzenswerte Dame sei; auch von seiner Schwester Warwara Ardalionowna habe ihr Ptizyn viel erzählt. Derselbe habe ihr auch erzählt, wie mutig sie ihr schweres Leben ertrügen. Sie würde gern ihre Bekanntschaft machen, nur frage es sich noch, ob sie auch umgekehrt sie gerne sehen und in ihre Familie aufnehmen würden. Kurzum, im allgemeinen würde sie gewiß nichts gegen die Möglichkeit dieser Verbindung sagen, doch wolle die Sache immerhin noch überlegt sein, und daher wünsche sie, daß man sie nicht zu einer übereilten Handlung dränge. Was jedoch die fünfundsiebzigtausend Rubel betreffe, so habe Afanassij Iwanowitsch ganz grundlose Befürchtungen gehegt. Sie kenne sehr wohl den Wert des Geldes und würde es natürlich annehmen. Sie danke ihm für sein Zartgefühl, daß er nicht nur Seiner Exzellenz, sondern auch Gawrila Ardalionytsch nichts davon gesagt, doch schließlich – weshalb sollte denn dieser es nicht im voraus erfahren? Sie habe doch gar keine Ursache, sich dieses Geldes zu schämen. Überdies werde sie sich vor keinem Menschen irgendwie schuldig fühlen, was man, das wünsche sie, sich merken solle. Jedenfalls würde sie den jungen Iwolgin nicht eher heiraten, als bis sie sich überzeugt habe, daß weder er noch seine Familie im geheimen irgendwie anders über sie dachten, als es den Anschein habe. Denn wie dem auch sei – sie fühle sich in keiner Beziehung schuldig, und es wäre doch besser, Iwolgin erführe sobald als möglich, in welchen Beziehungen zu Tozkij sie die vier Jahre in Otradnoje gestanden habe, ferner wie sie hier in Petersburg gelebt, und ob sie viel oder nichts erspart habe. Und wenn sie jetzt die fünfundsiebzigtausend Rubel annehme, so betrachte sie dieses Geld durchaus nicht etwa als Zahlung für ihre geraubte Mädchenehre, sondern einfach als Entschädigung für ihr zerbrochenes Leben.

Diese ganze Erklärung hatte sie – was übrigens nur natürlich war – in solche Erregung versetzt und so gereizt, daß der General sehr zufrieden war, als sie endete. Er hielt, als sie gegangen war, die Sache kurzum für erledigt. Tozkij jedoch, dem sie einmal so großen Schrecken eingejagt hatte, glaubte auch diesmal nicht bedingungslos und fürchtete immer noch, daß auch hier wieder die Schlange unter den Blumen liegen könnte. Trotzdem begannen alsbald die Unterhandlungen. Der heikle Punkt, um den herum sich die Manöver der beiden Freunde konzentrierten – in Nastassja Filippowna Liebe zu Iwolgin zu erwecken – schien allmählich erreicht zu werden, so daß selbst Tozkij bisweilen an die Möglichkeit eines Erfolges zu glauben wagte. Inzwischen sprach sich auch Nastassja Filippowna mit Iwolgin aus, d. h., es wurden nur sehr wenige Worte zwischen ihnen gewechselt, ganz als hätte ihr Schamgefühl darunter gelitten. Aber sie gestattete ihm doch, sie zu lieben, nur erklärte sie in sehr bestimmtem Tone, daß sie sich in keiner Beziehung binden wolle, sich vielmehr bis zur Stunde der Trauung – falls es so weit kommen sollte – das Recht, jederzeit „nein“ zu sagen, vorbehalte und ganz dasselbe Recht auch ihm zuspreche. Bald darauf erfuhr Gawrila Ardalionytsch zufällig, daß der Widerstand, den seine ganze Familie dieser Heirat entgegensetzte, und die Antipathie, die sie für Nastassja Filippowna empfand – und die sich bei ihm zu Hause oft genug in erregten Szenen kundtat – ihr bereits zum größten Teil und mit allen ihren Einzelheiten kein Geheimnis mehr war. Es wunderte ihn nur, daß sie niemals ein Wort darüber fallen ließ, was er eigentlich täglich erwartete. So ließen sich noch manche Geschichten, Zwischenfälle und näheren Umstände erzählen, die man während dieser Verabredungen und Unterredungen erlebte oder sich offenbaren sah; doch ich habe ohnehin schon zuviel im voraus gesagt, um so mehr, als manche dieser verzwickten Umstände nur in Gestalt von vagen Gerüchten auftraten. So hatte z. B. Tozkij irgendwoher erfahren, daß Nastassja Filippowna in gewisse unerklärliche, und vor allen anderen geheimgehaltene Beziehungen zu den Töchtern des Generals getreten sei – ein doch ganz unglaubliches Gerücht! Dafür aber mußte er an ein anderes allen Ernstes glauben, an eines, das er bis zum blassen Schrecken fürchtete: wie ihm von durchaus glaubwürdiger Seite versichert wurde, wußte Nastassja Filippowna ganz genau, daß Ganjä Iwolgin sie nur des Geldes wegen heiraten wolle, daß er eine schwarze, habgierige, unduldsame und neidische Seele habe, die unendlich, bis zur Unglaublichkeit, selbstsüchtig war; daß Ganjä einmal allerdings leidenschaftlich in sie verliebt gewesen, doch daß er, seitdem von den beiden Freunden beschlossen war, diese Leidenschaft zum eigenen Vorteil auszunutzen und Ganjä für die legitime Ehe mit Nastassja Filippowna zu kaufen, sie wie seinen Fluch zu hassen begonnen hatte. Man sagte Tozkij, sie wisse ganz genau, daß in Ganjä Iwolgins Seele Haß und Leidenschaft in sonderbarer Weise gepaart seien, und daß er, wenn er auch schließlich nach qualvollem Schwanken eingewilligt, das „ehrlose Weib“ zu heiraten, sich in der Seele doch geschworen habe, sie dafür später bitter büßen zu lassen und sie à la canaille[2] zu behandeln, wie er sich selbst ausgedrückt hätte. Alles das wüßte Nastassja Filippowna und bereite im stillen etwas Besonderes vor. Tozkij geriet hierob in so große Angst, daß er sogar dem General seine Besorgnisse zu verschweigen begann. Dennoch gab es Augenblicke, in denen er als schwacher Mensch, der er nun einmal war, von neuem Mut schöpfte und wieder auflebte. Dasselbe tat er auch, als Nastassja Filippowna den beiden Freunden im Ernst versprach, am Abend ihres Geburtstages das entscheidende Wort zu sagen. Dafür aber erwies sich ein überaus unglaubliches Gerücht, das sogar den hochverehrten General betraf, mit jedem Tage – leider! – als immer begründeter und richtiger. Auf den ersten Blick schien das Ganze nur eine infame Lüge zu sein. Wie sollte man es auch glauben, daß der General Jepantschin in seinen alten Tagen, bei seinem Verstande, bei seiner Lebensklugheit usw. sich in Nastassja Filippowna verliebt habe, und zwar dermaßen, daß diese plötzliche Schrulle fast eine Leidenschaft genannt werden mußte! Welche Hoffnungen er sich machte, war schwer sich vorzustellen. Vielleicht rechnete er sogar auf den Beistand Ganjäs, ihres zukünftigen Mannes. Wenigstens vermutete Tozkij etwas von der Art, vermutete eine vielleicht wortlose Übereinkunft zwischen dem alten General und dem jungen Ganjä, wie sie gegenseitiges Durchschauen sehr wohl herbeigeführt haben konnte. Übrigens ist es ja bekannt, daß ein Mensch, der sich gar zu sehr von einer Leidenschaft hinreißen läßt, und namentlich noch, wenn er dabei schon ein – wie man zu sagen pflegt – gesetzteres Alter erreicht hat, alsbald vollkommen mit Blindheit geschlagen und alsdann fähig ist, Hoffnungen sogar dort zu sehen, wo gar keine sein können, ja daß er dann sogar trotz einer Stirnhöhe von fünf Zoll wie ein dummes Kind handeln kann. Ferner war es Tozkij bekannt, daß der General ihr zum Geburtstage wundervolle Perlen, die eine riesige Summe gekostet hatten, zu schenken beabsichtige und wahrscheinlich viel von diesem Geschenk erwarte, obschon er wußte, daß Nastassja Filippowna weder habsüchtig noch eigennützig war. Am Vorabend des Geburtstages war er wie im Fieber, verstand sich aber verhältnismäßig gut zu beherrschen.

Die Kunde von diesen Perlen nun war auch der Generalin, Lisaweta Prokofjewna, zu Ohren gekommen. Sie hatte zwar schon seit längerer Zeit die Flatterhaftigkeit ihres Gemahls empfunden und zum Teil sich auch schon an sie gewöhnt – aber das ging denn doch nicht an, daß man eine solche Gelegenheit ungenutzt vorübergehen ließ! Wie gesagt, die Perlen beschäftigten sie ungemein, und – das hatte der General natürlich gemerkt: sie hatte am vorhergehenden Abend ein paar entsprechende Anspielungen gemacht, weshalb er denn jetzt eine noch ihm bevorstehende, weit umfangreichere Aussprache erwartete und fürchtete. Dies war auch der Grund, warum er sich an jenem Tage eigentlich sehr ungern zum Frühstück begab. Vor dem Besuch des Fürsten hatte er sogar die Absicht gehabt, Arbeit vorzuschützen und das Wiedersehen zu umgehen (das bedeutete für ihn gewöhnlich fortgehen); denn es war ihm eigentlich nur darum zu tun, diesen einen Tag, und hauptsächlich diesen einen Abend, ohne Unannehmlichkeiten verbringen zu können. Da kam ihm der Fürst denn wie gerufen! „Wie von Gott gesandt!“ dachte der General, als er sich zu seiner Gemahlin begab.

V.

Die Generalin war sehr stolz auf ihre Abstammung. Wie mußte ihr nun zumute sein, als ihr so offen und ohne Vorbereitungen mitgeteilt wurde, daß der letzte Träger ihres Namens nicht viel mehr als ein bedauernswerter Idiot, fast ganz mittellos sei und sogar Almosen annehme. Dem General war es um den denkbar größten Eindruck zu tun, um sogleich ihr Interesse zu erwecken, sie von anderen Gedanken abzulenken und hierdurch die Frage nach den Perlen in Vergessenheit zu bringen.

Die Generalin hatte die Angewohnheit, wenn etwas geschehen war, was ihr nicht behagte, mit weit offenen Augen und unbestimmtem Blick, den Oberkörper gewöhnlich etwas zurückgelegt, vor sich in die Luft zu starren und kein Wort zu sprechen. Sie war eine stattliche Frau, in gleichem Alter wie ihr Gatte, mit dunklem, schon stark graumeliertem, doch noch recht dichtem Haar, einer leicht gebogenen Nase, mit gelblichen, eingefallenen Wangen und dünnen Lippen. Ihre Stirn war hoch und schmal; ihre grauen, ziemlich großen Augen konnten bisweilen einen ganz unerwarteten Ausdruck annehmen. Sie hatte einmal die Schwäche gehabt, zu glauben, daß ihr Blick sehr ausdrucksvoll sei, und diese Überzeugung ließ sie sich auch jetzt noch nicht nehmen.