„Und schließlich doch auch nicht den General, he–he–he?“

„Welch ein Unsinn!“ sagte der Fürst ärgerlich und bewegte sich ungeduldig auf seinem Platz.

„Selbstverständlich ist das Unsinn! He–he–he! Aber hat mich der Mensch doch erheitert heute, weiß Gott! – ich rede vom General. Wir gehen beide flugs auf frischer Spur zu Wilkin ... aber ich muß Ihnen doch noch sagen, daß der General zu Anfang fast noch mehr erschrocken war als ich! Ganz zuerst als ich ihn im ersten Schrecken sogleich aufweckte, erschrak er so, daß er sich sogar im Gesicht vollkommen veränderte: wurde bleich, wurde rot, und geriet dann plötzlich in solche Wut, war so aufrichtig entrüstet und empört, daß ich mich wirklich nur wunderte, zumal ich’s von ihm gar nicht erwartet hätte. Ein edler Mensch, wie man sieht! Er lügt zwar ununterbrochen, aber er birgt die höchsten Gefühle in seiner Brust, zudem ist er nicht gerade sehr gedankenreich und flößt einem durch seine Unschuld das größte Zutrauen ein. Ich habe Ihnen bereits einmal gesagt, hochverehrter Fürst, daß ich für ihn nicht nur eine Schwäche, sondern geradezu Liebe empfinde. Plötzlich bleibt er mitten auf der Straße stehen, reißt seinen Rock auf, entblößt die Brust. ‚Durchsuche mich‘, sagt er, ‚du hast Keller durchsucht, weshalb durchsuchst du nicht auch mich? Du mußt es tun, das verlangt die Gerechtigkeit!‘ Seine Hände und Füße aber zittern nur so, er erbleicht sogar und steht fast drohend vor mir. Ich lachte. ‚Hör’ mal, General,‘ sagte ich, ‚wenn jemand anderes dich dessen verdächtigen wollte, so würde ich mit meinen eignen Händen meinen Kopf abnehmen, auf eine große Schale setzen und ihn persönlich allen Zweiflern anbieten.‘ ‚Seht ihr diesen Kopf?‘ würde ich sie fragen, ‚nun dann seht: mit diesem meinen eigenen Kopf stehe ich für ihn ein, und nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem ganzen Körper, wenn’s beliebt, und das nicht nur in der Luft, sondern sogar im Feuer!‘ ‚Siehst du jetzt,‘ fragte ich, ‚wie groß mein Vertrauen in dich ist!‘ Da stürzte er mir in die Arme – alles mitten auf der Straße, nicht zu vergessen – brach in Tränen aus, zitterte nur so und preßte mich so fest an seine Brust, daß ich kaum noch atmen konnte. ‚Du bist mein einziger Freund,‘ sagte er, ‚der einzige, der mir in meinem Unglück treugeblieben ist!‘ Tja, ein gefühlvoller Mensch ist er, das muß man ihm lassen! Nun und dann, versteht sich, erzählte er sogleich eine Geschichte: wie er in seiner Jugend einmal gleichfalls eines Diebstahls verdächtigt worden sei, und zwar hatte es sich damals um fünfhunderttausend Rubel gehandelt. Doch am nächsten Tage hatte er sich in ein brennendes Haus gestürzt und aus den Flammen den ihn verdächtigenden Grafen samt Nina Alexandrowna hervorgezogen, die damals noch nicht mit ihm verheiratet war. Der Graf hatte ihn umarmt, und das Ereignis hatte seine Verlobung mit Nina Alexandrowna zur Folge gehabt, am nächsten Tage aber hatte man unter den Trümmern des Hauses die Schatulle mit dem vermißten Gelde gefunden. Sie war in England gefertigt, von ganz besonderer Bauart aus Stahl und Eisen, mit doppeltem Verschluß und noch etlichen Geheimschlössern, und war vorher auf irgendeine Weise unter den Fußboden geraten, so daß niemand sie hatte finden können: nun und durch diesen Brandschaden war sie wieder zutage befördert worden. Kurzum – alles wüste Lüge und blühende Phantasie. Als er aber auf Nina Alexandrowna zu sprechen kam, schluchzte er. Eine edle Dame, diese Nina Alexandrowna, obschon sie auf mich böse ist.“

„Sie kennen sie?“

„Beinahe. Das heißt, beinahe nicht, aber ich wünschte es von Herzen, wenn auch nur, um mich vor ihr rechtfertigen zu können. Sie behauptet nämlich von mir, daß ich ihren Gatten hier zum Trinken verführe, während ich doch in Wirklichkeit eher das Gegenteil tue, indem ich ihn vor einer noch verderblicheren Gesellschaft bewahre. Zudem ist er mein Freund, und ich garantiere Ihnen, daß ich ihn hinfort nicht mehr verlassen werde, und das sogar so buchstäblich, daß überall, wo er ist und steht, auch ich bin und stehe – denn ihn kann man doch wirklich nur mit Gemüt behandeln. Jetzt hat er seine Visiten bei der Kapitanscha ganz eingestellt, obschon es ihn innerlich noch sehr zu ihr drängt, was er mitunter durch Seufzer verrät, was wiederum namentlich jeden Morgen geschieht, wenn er sich erhebt und stöhnend seine Stiefel anzieht – weshalb jedoch gerade zu dieser Zeit, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Geld hat er nicht, das ist das ganze Unglück, ohne Geld aber darf er ihr nicht unter die Augen kommen. Hat er Sie noch nicht um Geld gebeten, hochverehrter Fürst?“

„Nein, er hat mich nicht darum gebeten.“

„Schämt sich. Aber er wollte es tun, gestand mir sogar, daß er Sie zu beunruhigen beabsichtige, doch schäme er sich, da Sie ihn ja vor kurzem noch ausgekauft hätten, und, überdies ist er der Meinung, daß Sie ihm nichts geben würden. Er hat mir als seinem Freunde sein ganzes Herz ausgeschüttet.“

„Und Sie, Sie geben ihm kein Geld?“

„Fürst! Durchlauchtigster Fürst! Diesem Menschen würde ich nicht nur Geld, sondern sozusagen sogar mein Leben ... übrigens, nein, ich will nicht übertreiben, – mein Leben nicht, aber sozusagen ’ne kleine Influenza, irgend so’n Geschwür oder selbst einen Husten – das, bei Gott, das bin ich bereit für ihn zu erdulden, wenn es nun gerade wirklich sehr nötig sein sollte ... denn ich halte ihn für einen großen, wenn auch verdorbenen Menschen! Jawohl! Sehen Sie, nicht nur Geld!“

„So geben Sie ihm also welches?“