„Ich bemerke soeben,“ schrieb sie im zweiten Brief, „daß ich Sie mit ihm vereinigen will, ohne überhaupt gefragt zu haben, ob auch Sie ihn lieben. Er hat Sie liebgewonnen, nachdem er Sie nur einmal gesehen hat. In seiner Erinnerung waren Sie ihm etwas ‚Lichtes‘ – das ist sein eigener Ausdruck, ich habe ihn von ihm selbst gehört. Doch ich habe auch ohne Worte begriffen, daß Sie für ihn ‚Licht‘ sind. Ich habe einen ganzen Monat neben ihm gelebt und da habe ich es gefühlt, daß auch Sie ihn lieben. Sie und er sind für mich eines.“
„Gestern ging ich an Ihnen vorüber,“ schrieb sie weiter, „und ich glaubte zu bemerken, daß Sie erröteten. Aber das kann doch nicht sein, ich muß mich getäuscht haben. Selbst wenn man Sie in die schmutzigste Höhle führen und Ihnen das nackte Laster zeigen würde, dürften Sie nicht erröten; es ist ganz ausgeschlossen, daß eine Beleidigung Sie kränken könnte. Sie können wohl alle Gemeinen und Niedrigen hassen, aber nicht ... von sich aus, sondern für andere, für jene, die von ihnen gekränkt werden. Sie dagegen wird niemand beleidigen können. Wissen Sie, ich glaube, daß Sie mich sogar lieben müssen. Für mich sind Sie dasselbe, was Sie für ihn sind: ein lichter Geist. Ein Engel kann nicht hassen, er kann nur lieben. Kann man aber alle lieben, alle Menschen, alle seine Nächsten? (Ich habe oft diese Frage an mich gestellt.) Gewiß nicht, und das ist sogar ganz natürlich. (In der abstrakten Liebe zur Menschheit liebt man fast immer nur sich selbst.) Uns ist jene Liebe unmöglich, Sie aber sind etwas ganz anderes: wie wäre es Ihnen möglich, nicht jemanden zu lieben, da Sie sich doch mit keinem vergleichen können und über jeder Beleidigung stehen, sogar über jedem persönlichen Unwillen. Sie allein können ohne Egoismus lieben, Sie allein können es nicht für sich selbst, sondern für jenen tun, den Sie lieben. Oh, wie bitter wäre es für mich, zu erfahren, daß Sie bei dem Gedanken an mich Scham oder Zorn empfänden! Das wäre ja dann Ihr Sturz: Sie würden sofort bis zu mir herabsinken, mit mir auf einer Stufe stehen ...“ „Als ich gestern nach der Begegnung mit Ihnen nach Hause kam, sah ich im Geiste ein Bild vor mir, das noch nie gemalt worden ist. Christus wird von den Malern immer nach irgendeiner Schilderung des Evangeliums dargestellt, und nie als völlig Abseitsstehender, als einsamer Mensch. Ich würde ihn gern einmal mit einem kleinen Kinde dargestellt sehen, dessen Kindererzählung er vielleicht soeben noch angehört, dessen blondes Kinderköpfchen er vielleicht soeben noch gestreichelt hat. Vielleicht ist auch seine Hand noch auf dem Kinderkopf ruhen geblieben, während er schon gedankenversunken in die Ferne blickt und in seinem Blick ein Gedanke so groß wie die Welt ruht. Dieser schweigende Mensch in der Abendstimmung, vor dem fernen Horizont – das wäre ein Bild, das ich gern einmal sehen möchte ... Sie sind unschuldig, und in Ihrer Unschuld liegt Ihre ganze Vollkommenheit. Oh, vergessen Sie das nie! Was geht Sie meine Leidenschaft für Sie an? Jetzt sind Sie bereits mein, und ich werde mein ganzes Leben lang bei Ihnen sein ... Ich werde bald sterben.“
Schließlich, im letzten Brief schrieb sie:
„Um Gottes willen, denken Sie nichts von mir. Denken Sie auch nicht, daß ich mich erniedrige, wenn ich so an Sie schreibe, oder daß ich zu jenen Geschöpfen gehöre, denen Selbsterniedrigung ein Genuß ist, und wenn sie es auch nur aus Stolz tun. Nein, ich habe meinen besonderen Trost, doch fiele es mir schwer, Ihnen das zu erklären. Es würde mir sogar schwer fallen, mir selbst das klar zu machen, wenn ich mich auch selbst gerade damit quäle. Doch ich weiß, daß ich mich auch nicht einmal in einem Anfall von Stolz erniedrigen könnte. Und zu einer Selbsterniedrigung aus Herzensreinheit bin ich unfähig. Folglich aber erniedrige ich mich auch jetzt nicht.“
„Weshalb ich Sie beide vereinigen will – um Ihretwillen oder um meinetwillen? Selbstverständlich um meinetwillen, die ganze Willenshandlung geht hier von mir aus; ich habe gehört, daß Ihre Schwester Adelaida beim Betrachten meines Bildes gesagt haben soll, mit einer solchen Schönheit könne man die ganze Welt umdrehen. Ich habe aber auf die Welt verzichtet. Es wird Ihnen vielleicht lächerlich erscheinen, gerade von mir das zu hören, nachdem Sie mich in Spitzen und Brillanten in Gesellschaft von Lebemännern und Nichtswürdigen gesehen haben. Beachten Sie das nicht, fast leb ich ja gar nicht mehr, und das weiß ich auch; was aber statt meines Ichs in mir lebt, mag Gott allein wissen. Ich lese das Tag für Tag in zwei grauenvollen Augen, die mich ununterbrochen ansehen, selbst dann, wenn sie nicht vor mir sind. Diese Augen schweigen jetzt (sie schweigen immer), doch ich kenne ihr Geheimnis. Ich bin überzeugt, daß er in irgendeinem Kasten ein Rasiermesser liegen hat, dessen Gelenk ebenso mit einem Seidenfaden umwickelt ist, wie das Messer jenes Moskauer Mörders; jener lebte gleichfalls mit seiner Mutter in einem Hause und hatte auch sein Wassermesser bereit, um eine Kehle zu durchschneiden. Die ganze Zeit, während der ich in seinem Hause war, schien es mir immer, daß dort irgendwo eine Leiche versteckt sein müsse; vielleicht noch von seinem Vater her, und ebenso mit einem Wachstuch bedeckt, wie jene Moskauer Leiche, und umstellt von kleinen Gläsern mit irgendeiner scharfen Flüssigkeit. Ich könnte Ihnen sogar den Winkel zeigen, wo sie liegen muß. Er schweigt ununterbrochen; aber ich weiß ja doch, daß er mich viel zu sehr liebt, um mich nicht zu hassen – er kann ja gar nicht anders, als mich hassen! Sobald Ihre Hochzeit ist, wird auch meine Hochzeit sein, an ein und demselben Tage: so haben er und ich es beschlossen. Ich habe kein Geheimnis vor ihm. Ich würde ihn töten vor Angst ... Doch er wird mich früher töten ... Er lacht soeben und sagt, ich deliriere. Er weiß, was ich an Sie schreibe.“
Und noch vieles andere von der Art schrieb sie in diesen Briefen. Der zweite Brief war der längste: zwei Briefbogen großen Formats eng beschrieben ...
Endlich verließ der Fürst den dunkleren Teil des Parks, wo er lange ziellos umhergeschweift war. Die helle, klare Sommernacht erschien ihm heller als sonst. „Sollte es noch so früh sein?“ fragte er sich verwundert. Seine Taschenuhr hatte er nicht bei sich. Aus der Ferne glaubte er einmal Musik zu vernehmen, „die spielt wohl vor dem Kurhaus,“ dachte er bei sich. „Natürlich werden sie heute nicht hingegangen sein.“ Und als er das dachte, bemerkte er plötzlich, daß er dicht vor ihrer Villa stand. Es war ihm, als hätte er es geahnt, daß er zu guter Letzt unfehlbar hier anlangen würde. Mit klopfendem Herzen trat er auf die Veranda. Es war niemand dort. Er wartete eine Weile und öffnete dann die Glastür zum Saal. „Diese Tür wird bei ihnen nie zugeschlossen,“ dachte er bei sich. Doch auch im Saal war kein Mensch. Es war ganz dunkel um ihn. Verwundert blieb er stehen. Da öffnete sich plötzlich eine Tür und Alexandra Iwanowna trat mit einer Kerze in der Hand ein. Als sie den Fürsten erblickte, erschrak sie und blieb wie fragend vor ihm stehen. Offenbar hatte sie nur hindurchgehen wollen, von einer Tür zur anderen.
„Wie sind Sie hierher gekommen?“ fragte sie schließlich.
„Ich ... ich bin gekommen ...“
„Mama ist nicht ganz gesund und auch Aglaja fühlt sich nicht wohl. Adelaida ist soeben schlafen gegangen und ich wollte jetzt auch gehen. Wir sind heute den ganzen Abend allein gewesen ... Papa und der Fürst sind in Petersburg.“