„Anfälle?“ wunderte sich der Fürst ein wenig. „Im allgemeinen habe ich meine Anfälle jetzt ziemlich selten. Übrigens, ich weiß nicht: man sagt, das hiesige Klima würde mir schädlich sein.“
„Er spricht sehr gut,“ bemerkte die Generalin, sich an ihre Töchter wendend, nachdem sie wieder zu jedem Satz des Fürsten genickt hatte. „Ich hatte es gar nicht erwartet. Das ist wahrscheinlich alles nur Erfindung, wie gewöhnlich. Essen Sie, Fürst, und erzählen Sie, wo Sie geboren, wo Sie erzogen sind. Ich will alles wissen; Sie interessieren mich sehr.“
Der Fürst dankte und begann, während er mit großem Appetit aß, zwischendurch alles das zu erzählen, was er an diesem Morgen schon zweimal über seine Person berichtet hatte. Die Generalin blickte ihn mit wachsender Zufriedenheit an. Die jungen Mädchen hörten gleichfalls recht aufmerksam zu. Man kam auf die Verwandtschaft zu sprechen; es zeigte sich, daß der Fürst seinen Stammbaum kannte, aber wie sehr sie sich auch mühten, es ließ sich doch so gut wie gar keine Verwandtschaft zwischen ihnen herstellen. Ihre Großväter und Großmütter hätten sich vielleicht noch als entfernte Verwandte betrachten können. Dieses verhältnismäßig trockene Thema gefiel der Generalin ausnehmend gut, da sie sonst nie Gelegenheit hatte, von ihrem Stammbaum zu sprechen, und so war sie sehr guter Laune, als sie sich von der Frühstückstafel erhob.
„So, jetzt wollen wir in unser Versammlungszimmer gehen,“ sagte sie, „der Kaffee kann dort gereicht werden. Wir haben, müssen Sie wissen, ein bestimmtes Zimmer, in dem wir uns regelmäßig zu versammeln pflegen, wenn wir allein sind,“ erzählte sie dem Fürsten, während sie sich mit ihm dorthin begab. „Es ist im Grunde nichts anderes, als mein kleiner Salon, in dem sich dann eine jede damit beschäftigt, wozu sie gerade Lust hat. Alexandra, das ist diese hier, meine älteste Tochter, spielt Klavier, oder sie liest oder näht. Adelaida malt Landschaften und Porträts – kann aber leider nichts beenden. Und Aglaja sitzt und tut nichts. Mir selbst fällt jede Arbeit aus den Händen: was ich auch beginne, es kommt doch nichts dabei heraus. Nun, da sind wir. Setzen Sie sich, Fürst, hier, an den Kamin, und erzählen Sie. Ich will wissen, wie Sie eine Sache zu erzählen verstehen. Jetzt werde ich mich selbst überzeugen ... Ich will Sie gut kennen lernen und wenn ich die alte Fürstin Bjelokonskaja wiedersehe, werde ich ihr von Ihnen erzählen. Ich will, daß Sie auch alle anderen interessieren. Nun, reden Sie jetzt.“
„Aber, maman, so auf Kommando zu erzählen, ist doch sehr schwer,“ bemerkte Adelaida, die inzwischen ihre Staffelei zurechtgerückt hatte, jetzt Pinsel und Palette zur Hand nahm und sich anschickte, an der längst begonnenen Kopie einer Landschaft zu malen.
Alexandra und Aglaja setzten sich beide auf ein kleines Sofa und schienen mit müßig im Schoß ruhenden Händen nichts als zuhören zu wollen. Dem Fürsten fiel es auf, daß von allen Seiten mit ganz besonderer, aufmerksamer Erwartung die Blicke auf ihn gerichtet waren.
„Ich würde nichts erzählen, wenn man mir befehlen wollte,“ sagte Aglaja.
„Warum nicht? Was ist denn dabei so verwunderlich? Warum sollte er nicht erzählen? Er ist doch nicht stumm. Ich will wissen, wie er zu erzählen versteht. Nun, bitte, gleichviel wovon. Erzählen Sie, wie Ihnen die Schweiz gefallen hat, wie war der erste Eindruck? Ihr werdet sehen, er wird sogleich beginnen und wird sogar vorzüglich beginnen.“
„Der Eindruck war groß ...,“ begann der Fürst, wurde jedoch sofort von der Generalin unterbrochen.
„Seht! Was hab’ ich gesagt?“ wandte sie sich äußerst befriedigt an ihre Töchter, „da hat er doch begonnen!“