Seine Ahnung betrog ihn nicht: noch am Abend desselben Tages erhielt er einen sehr seltsamen, kurzen, aber entschlossenen Brief, in dem der General ihm mitteilte, daß er von ihm auf ewig Abschied nehme, daß er ihn zwar achte und ihm dankbar sei: doch werde er „jeden Ausdruck des Mitleids, der die Würde eines ohnehin schon erniedrigten Menschen noch mehr erniedrige, stets zurückweisen“. Dieser Brief beunruhigte den Fürsten nicht wenig, als er dann aber hörte, daß der Alte sich bei Nina Alexandrowna eingeschlossen hatte, sorgte er sich nicht weiter. Wie wir bereits erzählt haben, war der General inzwischen zu Jepantschins gegangen und hatte – um die Unterredung kurz wiederzugeben – Lisaweta Prokofjewna durch bittere Bemerkungen über seinen Sohn Ganjä empört, worauf er in beschämender Weise „verabschiedet“ worden war. Deshalb hatte er denn auch eine so schlechte Nacht verbracht und am Morgen die Szenen im Hause seines Schwiegersohnes aufgeführt, um dann, als er schließlich ganz den Kopf verloren, halb irrsinnig auf die Straße hinauszulaufen.
Koljä, der den Sachverhalt immer noch nicht ganz begriff, glaubte zuerst, ihn mit Strenge am ehesten zur Vernunft bringen zu können.
„Na, wohin soll’s denn jetzt gehen, General, was meinen Sie?“ fragte er. „Zum Fürsten wollen Sie nicht, mit Lebedeff haben Sie sich verzankt, Geld haben Sie nicht, und ich pflege niemals welches zu haben: da sitzen wir jetzt auf der Straße!“
„Mein Sohn, sitzen ist immer noch besser als stehen,“ antwortete der General belehrend. „Mit diesem ... Witz habe ich ... homerisches Gelächter hervorgerufen im ... Offizierskreise ... Das war im Jahre vierundvierzig ... Tausend ... achthundert und vierundvierzig, ja! Ich entsinne mich ... Oh, erinnere mich nicht, erinnere mich nicht daran. ‚Wo ist meine Jugend, wo blieb mein Lenz!‘ wie ... wie ... wer ... welcher Poet hat das doch ausgerufen, Koljä?“
„Gogol, Papa, in seinen ‚Toten Seelen‘“, sagte Koljä mit einem etwas ängstlichen Seitenblick auf den Vater.
„‚Die toten Seelen‘! Oh, ja die Toten! Wenn du mich beerdigt hast, dann schreibe auf mein Grab: ‚Hier ruht eine tote Seele!‘
‚Schmach und Schande verfolgen mich!‘ Wer hat das gesagt, Koljä?“
„Ich weiß nicht, Papa.“
„Nicht Jeropjegoff? ... Jeroschka Jeropjegoff!“ schrie er plötzlich laut wie außer sich und blieb auf der Straße stehen. „Und das soll mein Sohn, mein leiblicher Sohn sein! Jeropjegoff ist elf Monate lang wie ein Bruder zu mir gewesen, für ihn habe ich ein Duell ... Fürst Wygorezkij, unser Hauptmann, fragte ihn bei einer Flasche Wein: ‚Du, Grischa, wo hast du denn eigentlich deinen Annenorden verdient, wenn du mir das sagen könntest!‘ – ‚Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, wenn du’s wissen sollst!‘ – Ich schreie: ‚Bravo, Grischa!‘ Nun und da kam’s denn zum Duell, später aber heiratete er ... Marja Petrowna Ssu... Ssutugowa und ward erschossen in der Schlacht bei ... Die Kugel sprang von meinem Orden ab und traf gerade seine Stirn. ‚Ich werde dich nie vergessen!‘ rief er und fiel tot hin. Ich ... ich habe ehrlich dem Vaterlande gedient, Koljä, ich bin immer anständig gewesen, aber ... ‚Schmach und Schande verfolgen mich!‘ Du und Nina, nur ihr zwei werdet mein Grab besuchen ... ‚Arme Nina!‘ so pflegte ich sie früher stets zu nennen, Koljä, in der ersten Zeit ... das ist jetzt schon lange her ... sie hatte das so gern ... Nina, Nina! Was habe ich mit deinem Leben gemacht! Wofür kannst du mich lieben, du geduldige Seele! Deine Mutter ist ein Engel, Koljä, hörst du, ein Engel!“
„Ich weiß es, Papa. Papa, Täubchen, gehen wir zurück nach Haus zu Mama! Sie lief uns doch nach! Nun, was stehen Sie? Begreifen Sie denn nicht ... Nun, weshalb weinen Sie denn jetzt?“