„Weshalb das? Weil Sie mehr als wir gelitten haben und leiden?“
„Nein, deshalb, weil ich dieses Leidens unwürdig bin.“
„Wer mehr gelitten hat, der ist es auch würdig gewesen, mehr zu leiden. Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wollte sie Sie sehen, aber ...“
„Sie schob es auf ... sie darf nicht, ich verstehe, verstehe ...“ unterbrach ihn Hippolyt, als wolle er schnell von diesem Thema ablenken. „Ach, apropos, man sagt, Sie hätten ihr diese ganze Litanei vorgelesen ... Ach was, das Ganze ist doch nur im Fieber geschrieben und ... ausgedacht. Ich begreife wirklich nicht, bis zu welch einem Grade man – ich will nicht sagen grausam (das wäre erniedrigend für mich), wohl aber kindisch eitel und rachsüchtig sein muß, um mir diese Beichte gewissermaßen zum Vorwurf machen zu können und sie gegen mich, den Verfasser, als Waffe zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht, das war nicht auf Sie gemünzt ...“
„Es tut mir leid, daß Sie sich von dieser Beichte lossagen, Hippolyt, sie ist aufrichtig geschrieben, und wissen Sie, selbst die lächerlichsten Stellen – und deren gibt es viele –“ (Hippolyt runzelte wütend die Stirn) „sind mit Schmerzen bezahlt ... denn dieses Gestehen ist auch schmerzhaft gewesen und ... vielleicht hat dazu eine große Mannhaftigkeit gehört. Der Gedanke, der Sie dazu bewogen hat, hat zweifellos einen edlen Ursprung gehabt, gleichviel was andere da sagen. Je weiter alles zurücktritt, um so deutlicher sehe ich es jetzt, glauben Sie mir. Ich will Sie nicht richten, ich sage es nur, um mich auszusprechen, und weil ich es bedauere, daß ich damals schwieg ...“
Hippolyt wurde rot. Im Augenblick kam ihm zwar der Gedanke, daß der Fürst sich vielleicht verstelle, um ihn zu fangen, doch ein Blick auf ihn genügte, um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu verscheuchen. Da erhellte sich Hippolyts Gesicht.
„Was hilft das alles, sterben muß ich jetzt doch!“ sagte er, und fast hätte er noch hinzugefügt: „solch ein Mensch wie ich!“ – „Können Sie sich vorstellen, was Ganetschka mir jetzt zumutet: er hat sich gewissermaßen als Entgegnung ausgedacht, daß von jenen, die damals meine ‚Beichte‘ hörten, drei oder vier wohl noch früher sterben würden als ich! Wie finden Sie das! Und er glaubt wirklich, daß das ein Trost sei, ha–ha! Erstens sind diese Leute bis jetzt noch nicht gestorben, und zweitens, selbst wenn sie’s wären, was hätte ich denn davon? Er urteilt natürlich nach sich selbst. Übrigens geht er jetzt noch weiter, er schimpft einfach und sagt, daß ein anständiger Mensch in einem solchen Falle schweigend sterben würde, und daß das alles von mir nichts als Egoismus gewesen sei! Wie finden Sie das! Oder nein, wie finden Sie hier den Egoismus seinerseits! Wie finden Sie die Raffiniertheit, oder noch besser, die viehische Roheit der Selbstliebe dieser Leute, die sie natürlich niemals an sich selbst bemerken! ... Haben Sie gelesen, Fürst, vom Tode Stepan Gleboffs im achtzehnten Jahrhundert? Ich las zufällig gestern ...“
„Von was für einem Stepan Gleboff?“
„Der unter Peter an den Pfahl gebunden wurde!“
„Ach, mein Gott, gewiß! Er stand fünfzehn Stunden am Pfahl in der großen Kälte und starb heldenhaft; gewiß habe ich es gelesen – nun und?“