„Ach, lieber Fürst,“ rief Jewgenij Pawlowitsch vorwurfsvoll und aufrichtig betrübt, „wie konnten Sie damals nur zulassen ... daß es geschah? Gewiß, ich weiß ja, es kam für Sie so unerwartet ... Ich verstehe, daß Sie sich ganz verlieren mußten und ... Sie konnten dieses sinnlose Mädchen natürlich nicht aufhalten, das wäre von Ihnen zu viel verlangt gewesen. Aber Sie hätten doch wenigstens begreifen müssen, wie ernst und stark dieses Mädchen – Sie ... sich zu Ihnen verhielt: sie wollte sich nicht mit einer anderen in Ihre Liebe teilen und Sie ... Sie konnten einen so kostbaren Schatz verlassen, konnten es zulassen, daß er in Trümmer ging!“

„Ja, ja, Sie haben recht! Ja, es war meine Schuld,“ sagte der Fürst niedergedrückt, „doch wissen Sie: nur sie allein, nur Aglaja sah mit solchen Augen auf Nastassja Filippowna ... Außer ihr sah niemand so auf sie.“

„Das ist aber doch gerade das Empörende an all dem, daß hier wirklich nichts Ernstes vorlag!“ rief Jewgenij Pawlowitsch, der sich von seinem Unwillen entschieden hinreißen ließ. „Verzeihen Sie, Fürst, aber ... ich ... habe darüber nachgedacht, Fürst, und lange nachgedacht. Ich weiß alles, was damals vor einem halben Jahre gewesen ist, alles, alles, und – alles das war nichts Ernstes! Es war nichts als eine gedankliche Ekstase, ein Bild, eine Phantasie, war Rausch, wenn Sie wollen, und nur die erschrockene, angstvolle Eifersucht eines vollkommen unerfahrenen Mädchens konnte es für etwas Ernsthaftes halten!“

Jewgenij Pawlowitsch tat seinem Unwillen keinen Zwang mehr an und drückte seine Gedanken offen und mit ganzer Schonungslosigkeit aus. Verständig und klar und sogar mit auffallendem psychologischem Scharfblick erklärte er dem Fürsten dessen Beziehungen zu Nastassja Filippowna, so wie er sie auffaßte. Jewgenij Pawlowitsch hatte sich von jeher der Gabe des Wortes erfreut, und wenn er Reden hielt, konnte er mitunter sogar überzeugend reden.

„Es begann bei Ihnen mit einer Lüge, und was mit einer Lüge beginnt, das muß auch mit einer Lüge enden: das ist ein Naturgesetz. Wenn man Sie – verzeihen Sie, Fürst – einen Idioten nennt, so kann ich diesen ... Leuten – gleichviel wer es tut – nicht beistimmen ... ich ärgere mich vielmehr aufrichtig darüber. Sie sind viel zu klug für diese Bezeichnung; aber Sie sind doch so weit ... sagen wir, absonderlich, daß Sie von den anderen Menschen abstechen – das werden Sie mir doch selbst zugeben? Ich finde, daß gewissermaßen das Fundament zu all diesen weiteren Erlebnissen sich aus folgendem zusammengesetzt hat: erstens aus Ihrer angeborenen Unerfahrenheit – merken Sie sich das Wort ‚angeboren‘, Fürst –, zweitens aus Ihrer ungewöhnlichen Güte, ferner aus dem phänomenalen Mangel an Maßgefühl, was Sie ja auch selbst einmal von sich gesagt haben, und schließlich aus der unendlichen Menge theoretischer Überzeugungen, die Sie in Ihrer ganzen unglaublichen Ehrlichkeit immer noch für wahre, natürliche und unmittelbare Überzeugungen halten. Sie müssen doch zugeben, Fürst, daß in Ihre Beziehungen zu Nastassja Filippowna von Anfang an etwas, sagen wir der Kürze halber – bedingt Demokratisches sich hineingemischt hat, oder sagen wir, es war der Zauber der ‚Frauenfrage‘, um es noch kürzer auszudrücken. Ich bin über jene Skandalszene, die sich bei Nastassja Filippowna damals, vor einem halben Jahre, zugetragen hat, als Rogoshin ihr das Geld brachte, gut unterrichtet. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen Ihre Stimmung und Ihr Verhalten an jenem Abend ganz genau erklären. Sie waren als Jüngling in die Schweiz gekommen – Sie sind ja auch jetzt noch ein Jüngling – und da begannen Sie sich nach der Heimat zurückzusehnen, nach dem Ihnen fast unbekannten, doch um so schwärmerischer von Ihnen geliebten Vaterlande. Sie lasen dort viele Bücher über Rußland, Bücher, die sonst ganz vorzüglich sein mögen, für Sie aber sicherlich schädlich waren. Und so kamen Sie denn in die Heimat im ersten Rausch des Betätigungsdranges, Sie lechzten förmlich nach Betätigung! Und da – an demselben Tage, an dem Sie hier eintrafen, erzählte man Ihnen die traurige, empörende Lebensgeschichte eines beleidigten Weibes – Ihnen, dem Ritter, dem jungfräulichen Ritter – eines Weibes! Und noch am Abend dieses ersten Tages sahen Sie dieses Weib: Sie waren bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrer phantastischen, dämonischen Schönheit – ich gebe es ja zu, daß sie eine Schönheit ist. Nehmen Sie jetzt noch dazu Ihre Krankheit, Ihre Nerven, unser Petersburger, auf die Nerven wirkendes Tauwetter; denken Sie an diesen ganzen ersten Tag in der Ihnen unbekannten, fast phantastischen Stadt, den Tag der neuen Bekanntschaften, der unerwarteten Szenen und der unerwarteten Wirklichkeit, den Tag, an dem Sie Jepantschins, deren drei schöne Töchter, und darunter eine Aglaja, kennen lernten; fügen Sie jetzt noch Ihre Müdigkeit, Ihr Kopfweh nach der Eisenbahnfahrt hinzu, dann Nastassja Filippownas Salon und den Ton in diesem Salon ... was konnten Sie nach alledem noch von sich erwarten, was meinen Sie?“

„Ja, ja; ja, ja,“ der Fürst nickte wieder mit dem Kopf, und er begann zu erröten, „fast war es ja auch so; und wissen Sie, ich hatte die Nacht vorher im Waggon wirklich nicht geschlafen, und ich war sehr abgespannt ...“

„Aber das ist es ja, worauf ich meine Behauptung aufgebaut habe!“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. „Es liegt doch auf der Hand, daß Sie im Rausch der Begeisterung die erste Gelegenheit ergriffen, mit Begeisterung ergriffen, um öffentlich Ihre großmütige Auffassung zu bezeugen, daß Sie, ein Fürst aus altem Geschlecht und ein reiner Mensch, dieses Weib, das nicht durch eigene Schuld gefallen, sondern das ein widerlicher Roué geschändet hatte, nicht für ehrlos hielten. O Gott, aber das ist doch so verständlich! Doch nicht darum handelt es sich jetzt, lieber Fürst, sondern es handelt sich um eine ganz andere Frage, und die ist: lag Ihrem Gefühl Wahrheit zugrunde, war es Natur, oder war es nichts als gedankliche Begeisterung, Berauschung? Im Tempel ward einst jenem Weibe verziehen, aber ihr Tun ward doch nicht gutgeheißen, es ward ihr doch nicht gesagt, daß sie aller Ehren und Achtung wert sei, was meinen Sie? Hat Ihnen denn nicht Ihr eigener gesunder Verstand nach drei Monaten gesagt, um was es sich hier handelte? Mag sie jetzt auch unschuldig sein – ich will da weiter nicht richten –, aber können denn alle ihre Abenteuer einen so unerträglichen, teuflischen Stolz, einen so unverhohlenen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Fürst, ich lasse mich hinreißen, aber ...“

„Ja, das kann ja alles so sein, vielleicht haben Sie auch recht ...“ murmelte der Fürst. „Sie ist wirklich sehr nervös und reizbar und Sie haben recht, natürlich, aber ...“

„Aber sie hat Mitleid verdient? Ist es nicht das, was Sie sagen wollen? Doch wie durften Sie dann um dieses Mitleids willen, was Sie mit dieser empfanden, einem anderen, reinen, hochstehenden Mädchen diese Schmach antun, und das noch vor den Augen der ihr so Verhaßten – jener Hochmütigen? Auch das Mitleid muß doch eine Grenze haben! Das ist doch eine unglaubliche Übertreibung! Und wie ist es denn möglich, daß man ein Mädchen, welches man liebt, vor ihrer Rivalin so erniedrigen kann, daß man sie um der anderen willen verläßt, und das noch vor den Augen dieser anderen, nachdem man sie in Ehren um ihre Hand gebeten hat ... Und Sie haben doch in Gegenwart ihrer Eltern und Schwestern um sie angehalten! Sind Sie nun Ihrer Meinung nach noch ein Ehrenmann, Fürst, erlauben Sie, daß ich Sie danach frage? Und ... und haben Sie dann dieses herrliche Mädchen nicht betrogen, indem Sie es Ihrer Liebe versicherten?“

„Ja, ja, Sie haben recht, ach, ich fühle es, daß ich an allem schuld bin!“ sagte der Fürst in unsäglichem Schmerz.