Inzwischen waren sie an dem Hause, in dem Ganjä wohnte, angelangt.
VIII.
Ganjäs Wohnung lag im dritten Stock, zu dem eine äußerst saubere, helle und breite Treppe hinaufführte. Sie bestand aus sechs oder sieben größeren und kleineren Zimmern, die, wenn sie sich auch durch nichts Besonderes auszeichneten, für eine Beamtenfamilie, in der nur ein einziger verdiente, doch sicherlich zu teuer war, mochte dieser eine sich auch auf zweitausend Rubel jährlich stehen. Es hatte jedoch einen besonderen Grund, weshalb Iwolgins vor zwei Monaten in diese große Wohnung gezogen waren: Ganjäs Mutter und Schwester – Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna – hatten, um die Einkünfte wenigstens etwas zu vergrößern, schon vor längerer Zeit beschlossen, einige Zimmer mit Kost und Bedienung zu vermieten, was ihnen denn auch nach langen Kämpfen von seiten Ganjäs schließlich erlaubt worden war. Doch trotz seiner Einwilligung ärgerte sich Ganjä nicht wenig darüber und nannte „diese ganze Vermieterei“ einfach eine „Unanständigkeit“; er glaubte sich jetzt in der Gesellschaft, in der er bis dahin als junger, hoffnungsvoller Mann stets mit Selbstbewußtsein und als Gentleman aufgetreten war, seiner Familie geradezu schämen zu müssen. Jedenfalls hinterließen alle diese Dämpfer, die ihm das Schicksal zugedacht hatte, und die Erniedrigungen dieses „engen Lebens“ die tiefsten Wunden in seiner Seele. Seit einiger Zeit konnte er sich über jede Kleinigkeit bis zur Maßlosigkeit aufregen, und wenn er auch beschlossen hatte, vorläufig noch nachzugeben und das Vermieten zu dulden, so tat er es doch nur, weil er sich geschworen hatte, in kürzester Frist diesem ganzen Zustande ein Ende zu machen und eine neue Ordnung und neue Verhältnisse zu schaffen. Nur sollte es sich leider bald zeigen, daß das Mittel, das er zur Ermöglichung einer solchen Veränderung gewählt hatte, an sich noch viel unangenehmer und schwieriger war, als alles Vorhergegangene.
Die Wohnung wurde durch einen Korridor, der sogleich am Eingang begann, in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite des Korridors lagen die drei Zimmer, die für die „besonders empfohlenen“ Mieter bestimmt waren, und dann noch ein viertes, kleines Zimmerchen neben der Küche, das dem Familienoberhaupt und verabschiedeten General, Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin, zugewiesen war; er schlief dort auf einem breiten Diwan und mußte stets durch die Küche und über die Hintertreppe ein- und ausgehen. In demselben Zimmerchen lebte auch der fünfzehnjährige Bruder Gawrila Ardalionytschs, der Gymnasiast Koljä: der mußte sich gleichfalls hier aufhalten, auf einem anderen alten, schmalen und kurzen Diwan schlafen und vor allen Dingen „nach dem Vater sehen,“ was mit jedem Tage unerläßlicher wurde. Dem Fürsten wurde das mittlere von den drei Zimmern zugewiesen; im ersten Zimmer rechts wohnte Herr Ferdyschtschenko, und links das dritte, stand noch leer. Doch Ganjä führte den Fürsten zuerst in die Familienhälfte der Wohnung. Diese bestand aus einem „Salon“, der zur Essenszeit in ein Speisezimmer verwandelt wurde, aus einem „Empfangszimmer“, das aber nur tagsüber „Empfangszimmer“ war und am Abend sich in Ganjäs Arbeits- und Schlafzimmer verwandelte, und dann noch aus einem kleinen, engen, stets verschlossenen Stübchen, in dem Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna schliefen. Mit einem Wort, die ganze Familie hatte sich so eng wie möglich eingerichtet, worüber Ganjä vor Empörung „innerlich knirschte“. Zwar bemühte er sich stets, ehrerbietig zu seiner Mutter zu sein, aber nichtsdestoweniger merkte man es doch sofort, daß er der große Despot in der Familie war.
Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna saßen nicht allein im Empfangszimmer: sie unterhielten sich, beide mit irgendeiner Strickarbeit beschäftigt, mit ihrem Gast, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Nina Alexandrowna mochte etwa fünfzig Jahre alt sein; sie hatte ein hageres, eingefallenes Gesicht und tiefe Schatten unter den Augen. Sie sah kränklich und vergrämt aus, doch machten ihr Gesicht und ihr Blick einen recht angenehmen Eindruck. Schon aus den ersten Worten sprach ein ernster, ehrbarer Charakter. Trotz ihres vergrämten Antlitzes sah man ihr sogleich ihre Festigkeit und sogar Entschlossenheit an. Gekleidet war sie sehr bescheiden, dunkel und altjüngferlich; doch ihre Bewegungen, ihre Sprechweise, ihr ganzes Auftreten verrieten die Dame, die sich einst in besserer Gesellschaft bewegt hatte.
Warwara Ardalionowna war ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, mittelgroß, ziemlich hager und mit einem Gesicht, das nicht gerade sehr schön war, dafür aber das Geheimnis in sich barg, ohne Schönheit zu gefallen und bis zur Leidenschaft anzuziehen. Sie war der Mutter sehr ähnlich, sogar in ihrer Kleidung; denn ihr Sinn stand nicht danach, sich zu putzen. Ihre grauen Augen konnten mitunter sehr heiter und freundlich blicken, doch waren sie gewöhnlich ernst und nachdenklich, ja in der letzten Zeit waren sie es fast allzuoft. Auch aus ihrem Gesicht sprach Festigkeit und Entschlossenheit, doch fühlte man, daß diese Entschlossenheit noch energischer sein konnte als die der Mutter. Warwara Ardalionowna konnte sehr heftig werden, und ihr Bruder schien diese Heftigkeit fast ein wenig zu fürchten. Dasselbe tat auch der Gast, der gerade jetzt bei ihnen saß, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Es war das ein noch junger Mann, von annähernd dreißig Jahren, nicht auffallend, doch gut gekleidet, mit sympathischem, wenn auch vielleicht ein wenig gar zu ehrbarem Wesen. Sein kurzgeschnittener, dunkelblonder Bart kennzeichnete ihn als einen, der nicht im Staatsdienst stand. Er konnte sich sehr verständig und angenehm unterhalten, war aber sonst nicht gesprächig und zog es gewöhnlich vor, ganz zu schweigen. Der allgemeine Eindruck, den er machte, war ein angenehmer. Warwara Ardalionowna war ihm offenbar nicht gleichgültig, was er übrigens auch gar nicht zu verbergen suchte. Warwara Ardalionowna dagegen verhielt sich zwar freundschaftlich zu ihm, zögerte aber immer noch mit der Antwort auf eine Frage, von der sie ihn eigentlich auch nur ungern sprechen hörte, was Ptizyn jedoch durchaus nicht entmutigte. Nina Alexandrowna war freundlich gegen ihn, und in der letzten Zeit hatte sie sogar großes Zutrauen zu ihm gefaßt. Übrigens war es allen bekannt, wie er sich sein Geld verdiente, – daß er gegen mehr oder weniger sichere Garantien Geld zu hohen Prozenten lieh. Mit Ganjä stand er sich sehr gut.
Als der Fürst und Gawrila Ardalionytsch eintraten, grüßte dieser nur seine Mutter in sehr trockenem Tone, übersah die Schwester vollkommen, und nachdem er den Fürsten vorgestellt hatte, wandte er sich sofort an Ptizyn, mit dem er gleich darauf das Zimmer verließ. Nina Alexandrowna sagte dem Fürsten ein paar freundliche Worte und befahl Koljä, dessen Kopf sich gerade durch die Türspalte schob, den Fürsten ins mittlere Zimmer zu führen. Koljä war ein munterer Knabe mit einem netten Gesicht und zutraulichem, offenherzigem Benehmen.
„Wo ist denn Ihr Gepäck?“ fragte er, als er den Fürsten in dessen Zimmer geführt hatte.
„Ich habe ein Bündel; es ist im Vorzimmer geblieben.“
„Ich werde es sofort herschaffen. Wir haben an Dienstboten nur die Köchin und Matrjona, so daß auch ich helfe. Warjä[7] sieht nur nach allem nach und ärgert sich. Ganjä sagt, Sie seien soeben aus der Schweiz zurückgekehrt?“