„Ich wollte mich nicht so ausdrücken. Hast du ihr denn wirklich in solchem Maße ... Sand in die Augen zu streuen vermocht?“
Eine ungewöhnliche Gereiztheit klang plötzlich aus dieser Frage. Ganjä stand, dachte eine Weile nach und sagte dann mit unverhohlenem Spott:
„Sie haben sich hinreißen lassen, Mama, haben sich doch nicht bemeistern können. So haben ja alle diese Gespräche bei uns begonnen. Sie sagten, es würde weder Fragen noch Vorwürfe geben, und da haben wir nun beides! Wozu von neuem anfangen? Lassen wir es doch lieber, es ist wirklich besser. Wenigstens haben Sie die Absicht gehabt ... Ich werde meine Eltern und Geschwister niemals verlassen, unter keinen Umständen; ein anderer würde von einer solchen Schwester zum mindesten fortlaufen, – seht doch, wie sie mich fixiert! Doch beenden wir dieses Gespräch! Ich hatte mich schon so gefreut ... Woher wissen Sie denn, daß ich Nastassja Filippowna betrüge? Und was Warjä betrifft, so – nun, wie sie selbst will. Doch genug! ... Aber jetzt wirklich einmal Schluß damit!“
Ganjä wurde mit jedem Wort erregter und wanderte ziellos im Zimmer umher. Diese Gespräche waren der wunde Punkt der Familie.
„Ich habe gesagt, sobald sie hier eintritt, gehe ich von hier fort, und ich werde mein Wort halten,“ sagte Warjä.
„Aus Eigensinn! Natürlich!“ rief Ganjä wütend aus. „Aus Eigensinn will sie ja auch nicht heiraten! Was zuckst du mit der Schulter? Mir ist es wahrhaftig ganz egal, was Sie zu tun gedenken, gnädigste Warwara Ardalionowna! Ist es gefällig, dann – bitte: führen Sie Ihre Absicht ohne Aufschub aus. Weiß Gott, ich hab’ Sie mehr als satt. Wie! Sie entschließen sich also endlich doch, uns allein zu lassen, Fürst?“ wandte er sich an diesen, als er bemerkte, daß der Fürst sich erhob.
Ganjäs Stimme verriet bereits jenen Grad von Gereiztheit, in dem der Mensch sich fast über dieselbe freut und sich rückhaltlos und womöglich mit wachsender Freude von ihr hinreißen läßt, gleichviel wohin sie ihn führen kann. Der Fürst wandte sich in der Tür zurück, um etwas zu entgegnen, doch als er an dem krankhaft verzerrten Gesicht seines Beleidigers sah, daß nur noch ein Tropfen zum Überfließen fehlte, trat er schweigend aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als die Stimmen im Empfangszimmer noch bedeutend lauter und heftiger wurden.
Er ging durch den sogenannten „Salon“ – richtiger die „gute Stube“ – ins Vorzimmer, um von dort durch den Korridor in sein Zimmer zu gelangen, doch im Vorübergehen an der Eingangstür bemerkte er, daß draußen auf dem Treppenflur sich jemand vergeblich bemühte, die Klingel zu ziehen. Am Klingelzuge mußte aber irgend etwas nicht ganz in Ordnung sein, denn die Glocke zitterte nur, doch ein Ton war nicht zu hören. Der Fürst trat näher, schloß auf, öffnete die Tür und – trat zusammenzuckend erschrocken einen Schritt zurück: vor ihm stand Nastassja Filippowna. Er erkannte sie sofort. Ihre Augen blitzten vor Unwillen. Sie trat schnell ins Vorzimmer, wobei sie ihn mit der Schulter berührte, da er ihr im Wege stand und sagte zornig, indem sie den Pelz abwarf:
„Wenn ein Diener zu faul ist, den Klingelzug in Ordnung zu bringen, so sollte er doch wenigstens im Flur sitzen, damit man nicht stundenlang vergeblich zu klopfen braucht. Da hat er noch den Pelz fallen lassen, Tölpel!“
Der Pelz lag tatsächlich auf dem Fußboden. Nastassja Filippowna hatte, an Bedienung gewöhnt, den Pelz einfach abgeworfen, ohne sich umzusehen oder zu warten, bis der Fürst ihn ihr abgenommen hätte. Dieser aber versäumte es, ihn aufzufangen.