Aber wenn auch eine Million und deren Erbschaft immer beachtenswert zu sein pflegen, so war es doch etwas ganz anderes, das den Fürsten wunderte und interessierte. Auch Rogoshin selbst hatte aus irgendeinem Grunde ersichtlich gern mit dem Fürsten das Gespräch angeknüpft, obschon er eine Unterhaltung offenbar mehr mechanisch als aus innerem Bedürfnis suchte – gewissermaßen mehr aus Zerstreutheit als aus Offenherzigkeit, mehr infolge seiner Erregung und Aufregung ... vielleicht nur, um die Zunge bewegen zu können. Auch schienen seine Reden noch halbe Fieberphantasien zu sein, wenigstens sah man ihm an, daß er innerlich noch immer fieberte. Der Beamte aber wandte keinen Blick von ihm und wagte kaum, zu atmen. Er hing förmlich an seinen Lippen, von denen er jedes Wort gierig auffing und dann wägte, ganz als hätte er einen kostbaren Edelstein gesucht.
„Ja, geärgert – das hat er sich schon ... und es war vielleicht auch der Mühe wert,“ brummte Rogoshin. „Mich aber hat am meisten mein Bruder geärgert. Von meiner Mutter red’ ich nicht, ist eine alte Frau, liest die Heiligenlegenden, sitzt mit alten Weibern zusammen, und wie’s mein Bruder Ssenjka[1] bestimmt, so muß alles geschehen. Warum aber hat er mich nicht zur rechten Zeit benachrichtigt? Na, wir verstehen schon! Es ist ja wahr, ich lag bewußtlos im Fieber, und ein Telegramm haben sie ja wohl auch abgesandt. Aber meine Tante ist grad die Richtige für Telegramme! Sie verbringt schon seit dreißig Jahren ihre Witwenschaft mit Trübsinnspinnen und hockt vom Morgen bis zum Abend mit Kirchenbettlern und Stadtverrückten zusammen. Nonne ist sie grad nicht, jedenfalls aber so was von der Art, nur noch schlimmer. Das Telegramm erschreckte sie natürlich fürchterlich, und da lief sie mit ihm, ohne es zu entsiegeln, geradeswegs aufs Polizeibureau, wo es heute noch liegt. Nur Konjeff, Wassilij Wassiljitsch, rettete mich: schrieb mir alles ganz genau. Von der Sargdecke des Vaters hat mein Bruder nachts heimlich die echt goldenen Quasten abgeschnitten – ‚sie kosteten doch ein Heidengeld‘! Schon allein dafür kann er nach Sibirien wandern, wenn ich nur will; denn das ist doch Kirchendiebstahl. He, du da, alte Vogelscheuche!“ wandte er sich plötzlich an den Beamten. „Wie ist’s nach dem Gesetz: Kirchendiebstahl oder nicht?“
„Kirchendiebstahl! Gewiß Kirchendiebstahl!“ bestätigte dieser sofort mit großem Eifer.
„Und dafür geht’s nach Sibirien?“
„Nach Sibirien, nach Sibirien! Sofort nach Sibirien!“
„Sie glauben alle, daß ich noch todkrank sei,“ fuhr Rogoshin, zum Fürsten gewandt, fort, „ich aber bin heimlich, ohne ein Wort zu sagen, und allerdings noch halb krank, in den Zug gestiegen. Fuhr einfach los! Mach mal auf das Tor, mein bester Ssemjon Ssemjonytsch! Er hat mich bei meinem verstorbenen Vater angeschwärzt, das weiß ich. Daß ich aber mit der Nastassja Filippowna damals meinen Vater gereizt habe, das läßt sich nicht leugnen. Hier war es nun freilich ganz allein meine Schuld. Die Sünde hat’s so gewollt.“
„Mit Nastassja Filippowna? ...“ flüsterte der Beamte ehrfurchtsvoll, als überlege er irgend etwas.
„Kennst sie ja doch nicht!“ schnitt ihm Rogoshin gereizt und ärgerlich das Wort ab.
„Doch, ich kenne sie!“ triumphierte der Beamte.
„Das fehlte noch! Als ob nur eine in der ganzen Welt Nastassja Filippowna hieße! Was du übrigens für ein freches Rindvieh bist! Merk dir das. Wußt’ ich’s doch, daß sich mir sogleich irgend so’n Geschmeiß anhängen würde!“ Er sprach wieder nur zum Fürsten.