„Tante, Tante, ich muß jetzt unbedingt mit Ihnen fahren!“ flehte Lisa und küßte Warwara Petrowna ungestüm.
„Mais qu’avez-vous donc, Lise?“[87] fragte die Gouverneurin mit ausdrucksvoller Verwunderung.
„Ach, verzeihen Sie, Liebste, chère cousine![88] Ich fahre zu Tante!“ Lisa hatte sich schon im Fluge zu ihrer unangenehm berührten chère cousine herumgewandt und küßte sie schnell zweimal. „Bitte, sagen Sie maman, daß sie gleich zu Tante kommen soll, um mich abzuholen. Maman wollte heute unbedingt zu Tante fahren, sie hat es gestern selbst gesagt, ich vergaß nur, Ihnen das vorhin schon zu sagen!“ beteuerte Lisa, zitternd vor Aufregung. „Verzeihen Sie mir, Julie, seien Sie mir nicht böse ... chère cousine! ... Tante, ich bin bereit!“
„Tante,“ flüsterte sie dieser zu, „wenn Sie mich jetzt nicht mitnehmen, laufe ich zu Fuß Ihrer Equipage nach!“
Zum Glück hörte das niemand. Warwara Petrowna trat vor Schreck sogar einen Schritt zurück und sah entsetzt das anscheinend wahnsinnige Mädchen an. Dieser Blick entschied: sie beschloß, Lisa auf jeden Fall mitzunehmen.
„Dem muß ein Ende gemacht werden!“ entfuhr es ihr unwillkürlich. „Ich nehme dich mit Vergnügen mit, Lisa,“ fügte sie laut hinzu, „aber natürlich nur, wenn Julija Michailowna damit einverstanden ist,“ wandte sich Warwara Petrowna mit offenem Blick und freundlicher Würde unmittelbar an die Gouverneurin.
„Oh, gewiß! Ich werde sie doch nicht um dieses Vergnügen bringen wollen,“ zwitscherte mit erstaunlicher Liebenswürdigkeit die Gouverneurin Julija Michailowna, „zumal ich ja schon weiß, was für ein phantastisches, eigenwilliges Köpfchen auf diesem Hälschen sitzt!“ – und sie lächelte geradezu bezaubernd.
„Ich danke Ihnen aufrichtig,“ dankte Warwara Petrowna mit sehr höflichem Gruß, aber wie immer noch voll Würde.
„Und es ist mir um so angenehmer, diesen Wunsch Lisas zu erfüllen,“ fuhr Julija Michailowna in ihrer plappernden Redeweise fort und errötete sogar vor angenehmer Erregung, „als Lisa jetzt nicht nur das Vergnügen haben wird, zu Ihnen zu fahren, sondern mit diesem Vergnügen noch einer so schönen Regung nachgeben kann, wie es das Mitgefühl mit dieser ...“ (sie blickte bezeichnend auf die „Unglückliche“) „... wie es die Barmherzigkeit ist ... und ... und das noch gewissermaßen an der Schwelle der Kirche ...“
„Eine solche Auffassung macht Ihnen unbedingt Ehre,“ äußerte Warwara Petrowna in bewundernder Weise ihren Beifall.