Schon ging er wieder im Zimmer umher. Die erste Eigenschaft von Menschen seiner Art pflegt die vollständige Unfähigkeit zu sein, sich irgendwie selbst im Zaume zu halten: sie folgen im Gegenteil machtlos dem ununterdrückbaren Bedürfnis, alles, was ihnen gerade einfällt, sofort auch zu äußern. Gerät dann einmal ein derartiger Mensch in eine Gesellschaft, in die er nicht hineingehört, so wird er sich zunächst vielleicht ganz schüchtern geben, dann aber, in demselben Grade, in dem man ihn gewähren läßt, aus sich herausgeben und am Ende zu Unverschämtheiten, wenn nicht gar Tätlichkeiten übergehen.

Der „Hauptmann“ war schon in eine bedrohliche Erregung geraten: fuchtelnd ging er auf und ab, überhörte die Fragen, die man an ihn stellte, und sprach so schnell, daß die Zunge bei den Zischlauten sich gleichsam überschlug und er häufig von einem Satz zusammenhanglos auf den andern übersprang. Ganz nüchtern war er wohl wirklich nicht. Lisa schien er gar nicht zu beachten. Und doch war es andererseits klar, daß gerade ihre Anwesenheit ihn maßlos aufregte.

So mußte es denn doch wohl, bedachte man die ganze unglaubliche Situation, einen tieferen Grund haben, warum Warwara Petrowna ihren Widerwillen unterdrückte und diesen Menschen immer noch anhörte. Praskowja Iwanowna zitterte einfach vor Angst, doch begriff sie wohl kaum, um was es sich eigentlich handelte. Stepan Trophimowitsch zitterte gleichfalls, er jedoch, weil er wie gewöhnlich viel mehr zu „begreifen“ glaubte, als da überhaupt zu begreifen war. Mawrikij Nicolajewitsch hielt sich so, als fühle er sich für unsere allgemeine Sicherheit verantwortlich, während Lisa blaß und mit großen Augen unablässig den wilden Hauptmann anstarrte. Schatoff saß wie immer mit gesenktem Kopf.

Aber am befremdlichsten war, daß Marja Timofejewna nicht nur zu lachen aufgehört hatte, sondern ganz traurig geworden war: den rechten Arm auf den Tisch gestützt, so folgte sie mit traurigem Blick den Gesten und Deklamationen ihres Bruders. Nur Darja Pawlowna schien mir ruhig zu sein.

„Das sind ja lauter unsinnige Allegorien,“ sagte plötzlich Warwara Petrowna geärgert. „Sie haben mir noch immer nicht auf meine Frage geantwortet: warum? Ich will es wissen!“

„Ich habe nicht gesagt, ‚warum‘? Sie wollen eine Antwort auf dieses ‚Warum‘?“ wiederholte Lebädkin und zwinkerte. „Ja, gnädige Frau, dieses kleine Wörtchen ‚warum‘ ist über das ganze Weltall ergossen, schon seit dem ersten Tage der Schöpfung, und die ganze Schöpfung selber schreit täglich ihrem Schöpfer zu: ‚warum‘? Und nun sind es schon siebentausend Jahre, daß sie keine Antwort darauf erhält! Muß nun wirklich einzig und allein der Hauptmann Lebädkin eine Antwort darauf geben? Ist diese Forderung auch gerecht, gnädige Frau?“

„Aber das ist ja Unsinn, nichts als Unsinn!“ Warwara Petrowna ärgerte sich und verlor endlich die Geduld. „Sie kommen wieder mit Allegorien, und reden in einem Tone, mein Herr, den ich mir verbitten möchte.“

„Gnädige Frau!“ – der „Hauptmann“ hörte sie wieder gar nicht an – „vielleicht würde ich gerne Ernest heißen wollen, und während dessen bin ich gezwungen, den einfachen Namen Ignatius zu tragen – warum das? hä?! Ich möchte vielleicht gerne Prince de Montbar heißen und doch muß ich mich nur Lebädkin nennen – hä! Warum das? Ich bin ein Poet, gnädige Frau, in meiner Seele ein Poet, und ich könnte von einem Verleger mit Kußhand tausend Rubel bekommen, und doch bin ich gezwungen, in einem elenden Loche zu wohnen – warum das? hä! Warum das? Gnädige Frau, und meiner Meinung nach ist Rußland überhaupt nur eine Farce der Natur und nichts weiter!“

„Etwas Bestimmteres können Sie wohl auf meine Frage nicht sagen?“

„Ich kann Ihnen ein Gedicht von einer Schabe vortragen, gnädige Frau!“