Ich erinnere mich noch heute deutlich dieses Augenblicks. Warwara Petrowna erblaßte zuerst, dann aber richtete sie sich mit einem Ausdruck starrer Entschlossenheit in ihrem Sessel auf. Wir waren alle erstaunt, ja beinahe erschreckt, – nicht nur durch diese plötzliche Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs, der erst einen Monat später erwartet wurde, sondern mehr noch durch das geradezu unheimliche Zusammentreffen dieser Zufälle. Selbst der „Hauptmann“ blieb wie ein Pfosten mitten im Zimmer stehen und starrte mit offenem Munde und dummem Gesicht auf die Tür.

Doch da hörten wir auch schon vom Nebenzimmer her, einem langen großen Saal, schnelle, kleine Schritte sich nähern, Schritte, die auffallend rasch und kurz klangen. Und auf der Schwelle erschien – nicht Nicolai Wszewolodowitsch, sondern ein vollkommen unbekannter junger Mann.

V.

Es war ein Mensch von etwa siebenundzwanzig Jahren, ein wenig über mittelgroß, mit dünnem, blondem, ziemlich langem Haar und einem kaum sich abhebenden unscheinbaren Schnurrbart und Bärtchen. Er war sauber und sogar modern gekleidet, aber nicht elegant. Auf den ersten Blick schien er ungelenk und griesgrämig zu sein, obgleich er in Wirklichkeit weder das eine noch das andere, sondern im Gegenteil, äußerst gewandt und unterhaltend war. Einem kurzen, oberflächlichen Eindruck nach hätte man ihn für einen Sonderling halten können, und doch sollte sich hernach sein Benehmen als gut und sein Gespräch als vollkommen sachlich herausstellen.

Niemand hätte im Grunde sagen können, daß er häßlich sei – und doch gefällt sein Gesicht niemandem. Sein Schädel ist von beiden Seiten gleichsam zusammengedrückt und der Hinterkopf auffallend groß, so daß denn das Gesicht dadurch etwas Spitzes bekommt. Seine Stirne ist hoch und schmal, aber die eigentlichen Gesichtszüge sind klein: ein kleines Näschen, scharfe Augen, dünne und lange Lippen. Dabei sieht er kränklich aus, aber das scheint nur so. In seinen Wangen ist, unter den Backenknochen, eine gewisse trockene Falte, die ihm das Aussehen eines Rekonvaleszenten nach einer schweren Krankheit verleiht. Und doch ist er vollkommen gesund, stark, und ist sogar nie in seinem Leben krank gewesen.

Er geht und bewegt sich immer sehr schnell, doch ohne sich dabei eigentlich zu beeilen. Ich glaube nicht, daß irgend etwas ihn verwirren könnte. In allen Lebenslagen und in jeder Gesellschaft bleibt er immer der gleiche. Es ist eine große Selbstzufriedenheit in ihm, doch er selbst weiß nichts davon. Er spricht schnell und hastend, aber voll Selbstvertrauen, und nie braucht er nach Worten zu suchen. Die Gedanken, die er vorbringt, sind bereits völlig zu Ende gedacht. Seine Aussprache ist ungemein deutlich: jedes Wort fällt wie ein glattes, rundes Körnchen aus einer großen Vorratskammer. Anfänglich gefällt das wohl, aber schon bald werden alle diese gleichsam schon fertigen Worte unangenehm und schließlich geradezu widerlich, und zwar gerade wegen dieser schon allzu deutlichen Aussprache, wegen dieses Perlengesickers ewig bereiter Worte. Und man stellt sich unwillkürlich vor, seine Zunge müsse ganz besonders geformt, ungewöhnlich lang, dünn und rot sein, mit einer dünnen, sich ununterbrochen drehenden Spitze.

Dieser junge Mann also kam in den Salon gleichsam hereingeflogen. Ich glaube wirklich, er begann schon im Vorsaal zu sprechen. Sprechend wenigstens trat er ein, und in einem Augenblick stand er schon vor Warwara Petrowna.

„... Denken Sie doch nur, Warwara Petrowna, ich komme und glaube, daß er schon vor einer Viertelstunde hier angelangt sei. Wir trafen uns bei Kirilloff, er ging vor einer halben Stunde fort und sagte mir, ich solle in einer Viertelstunde herkommen –“

„Wer das? Wer hat Sie beauftragt, herzukommen?“ fragte Warwara Petrowna.

„Aber Nicolai Wszewolodowitsch doch! So erfahren Sie es wirklich erst jetzt? Sein Gepäck muß doch schon längst hier eingetroffen sein! Hat man Ihnen denn das nicht gesagt? Übrigens könnte man ihm einen Wagen entgegenschicken, aber ich denke, er wird jeden Augenblick kommen, und zwar, wie’s scheint, gerade in einem Augenblick, der seinen Erwartungen und, soweit ich wenigstens beurteilen kann, auch einigen seiner Berechnungen durchaus entspricht.“ Bei diesen Worten sah er sich die Anwesenden an und ganz besonders scharf den „Hauptmann“. „Ah, Lisaweta Nicolajewna, wie es mich freut, Ihnen gleich auf meinem ersten Wege zu begegnen ... Gestatten Sie –“ und er flog schnell zu ihr, um das ihm lächelnd entgegengestreckte Händchen Lisas zu drücken. „Und auch unsere hochverehrte Praskowja Iwanowna hat ihren ‚Professor‘ nicht vergessen, und scheint sich noch nicht einmal über ihn und sein Erscheinen zu ärgern, wie es in der Schweiz immer geschah. Aber wie steht es denn jetzt mit Ihren Füßen? Hatte man recht, als man Ihnen schließlich als bestes Mittel Heimatluft verschrieb? ... Wie? Kompressen? Ja, das mag ganz gut sein! Wie habe ich es nur bedauert, Warwara Petrowna,“ – er drehte sich schnell schon wieder herum – „daß ich Sie schließlich in der Schweiz nicht mehr antraf, zumal ich Ihnen so vieles mitzuteilen hatte! Ich habe allerdings an meinen Alten geschrieben, aber der wird nach seiner Gewohnheit wohl wieder –“